Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 8. (1909) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 8. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 158 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492408-8773722-8773731--3870-4858924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

V i 158 Indem dss Judentum nur das Notwendige einer Religion an sich hat, damit aber Gefühls- und Tatenwelt umfasst (hat man von Seiten einer übertriebenen Vergeistigung seine Lehre doch verweltlicht genannt!), ist gerade die auf Gotteseinheit streng beruhende Lehre die einzige, die überhaupt neben der Philosophie und Naturwissenschaft genannt werden und Gegenstand der Erörterung sein kann. Stellt sich’s nun aufgrund vorliegenden Werkes heraus, dass unser Weltbewusstsein nie lückenlos sein kann, so bietet die Lehre Israels genau das, was der Wissenschaft unerschliessbar ist. Nach Schrempf ist das Christentum ein unbewusstes Streben zum Monismus hin; eine Lehre, welche dies Ziel aber nicht erreichen konnte, weil die Gegnerschaft gegen das Judentum eine Festsetzung von Glaubenssatzungen und die Gründung einer Kirche notwendig machte. Nur indem das Christentum nicht als Monismus auftrat, konnte es seine Sendung erfüllen und eine Bejahung und Verneinung von Trieben bewirken. — In diesen Schrempf,sehen Sätzen steckt ein Körnchen Wahrheit. Schon Augustinus hat die Dreieinigkeit als Entwickelung der Welt in Gott gedeutet. Damit wäre aber bewiesen, dass der Monismus als Religion nicht wirken kann, dass eine Anerkennung des Vorhandenen alles andere eher ist, als ein kräftiges Gottesstreben zur Wandlung der Welt. Das Judentum mit seinem Gotte, mit seiner Sittenforderung und seinem freien Willen ist nicht Monismus, aber Religion. Und das soll und will es sein. » ״Die sechs Schöpfungstage‘• von Hans Thoma schliessen den ersten Band. Sie enthalten eine geistvolle Deutung dieses Gemäldes, ״das Weltwerden im Menschengeiste“, die Art, wie sich der Mensch der Welt bewusst wird, tritt darin hervor. Es gibt viele andere Versuche, hier zu deuten, — gemeinsam ist ihnen der Gedanke des Geordneten, Gegliederten, Fortschreitenden im Weltplane. Hans Thoma beweist seinerseits, was so und so ,viele Male bewiesen worden ist, dass die Bibel in der Menschenseele ein ewiges, nicht zu beseitigendes Leben hat. Wir konnten diese Bemerkungen an das obengenannte Buch anknüpfen, das wir nur von der Seite betrachtet, die unser Blatt angeht. Es hat uns dazu durch seine Darstellung Gelegenheit gegeben, ein Beweis dass die Darstellung nichts umgeht und nichts verhüllt. So bietet es uns auch in den Teilen, die wir nicht zu beleuchten in der Lage gewesen, eine klare Beleuchtung des Monismus und seiner Geschichte. Den strengsten Monisten wird es in seiner Richtung nicht scharf genug sein, zu viel aus der Schule plaudern — aber es beweist nur, dass der Monismus im Laufe der Zeit immer dualistischer wird. Besprechungen. (Fortsetzung.) Professor Dr. Michael Guttmann zur Einleitung in die Halacha. Vor d. 32. Jahresbericht der Landesrabbinerschule i. Budapest 19089. Budapest09.49S. Ob die entscheidenden Bemerkungen in Mischna und Gemara einer Zeit angehören, ob sie die gleichen Grundsätze befolgen — das werden die weiteren Arbeiten des Verfassers bekunden. Jedenfalls kann das nur aus der Betrachtung der ganzen Stücke sich angeben, in denen die Bemerkung ,,die Halacha geht nach . . . “ etc. und Aehnliches sich findet. Zu bezweifeln ist, ob immer in Halachot das Wort ״Halacha“ stehen muss. Die Chanukasatzungen in Sabbath 21, die HilchotTerefoth in Gemara Chullin 42, ff, die Zizit- und Tefillinsatzungen in Menachot 29 a ff, die Omerhalachot, die Keriath Hathorah in Sorah, die Sklavengesetze in Kidduschin, die Satzungen des Händewaschens in 2ל הכשר sind in ihrer Grundlage, wie man nachweisen kann, sicher Hatoehasammlungern die auch Halachot hiessen. Das beweisen Halachoth Gedoloth und Hilchoth Alfassi. Unter diesem Namen begriff man die Sammlungen in dem Exil noch üblicher Satzungen. Diese Ansicht möchte ich hier zur Erörterung stellen. Indem Verfasser uns mehr ats ein anderer Gelegenheit gegeben, zu ihm ernsthaft Stellung zu nehmen, hat er uns mit sejnem Buche innig erfreut. Ich sehe in ihm einen Arbeitsgenossen auf dem Wege zur Erforschung der Halacha. Er befolgt die Hauptforderungen, die an eine tüchtige Tal• mudforschung gerichtet werden müssen: Das Gebiet und die Fragen nicht zu eng zu begrenzen, die Quellen sich aus sich selbst erklären zu lassen und dadurch immer weitere Bestandteile des Talmuds in fassbare Nähe zu bringen. Vivat sequens und vivant sequentes! Seien uns nun noch folgende Bemerkungen gestattet: Verfasser spricht Wahrheiten aus, die wir sonst gewohnt gewesen sind, allein in die Welt hineinzurufen. ״Bibel und Talmud“, sagt er in der Vorrede, ״sind naturgemäss, wenn auch nicht die ausschliesslichen, so doch die Hauptobjekte jüdischer Forschung.“ Das ist eine berechtigte Forderung, von deren Erfüllung selbst in bescheidenstem M lasse hei uns sich kaum die geringste Spur zeigt. Verfasser sagt au andererstelle: ״Während das biblische StuJium einen Selbstzweck bildet, wird der Talmud mit wenigen Ausnahmen als Hilfsmaterial zur Beleuchtung anderweitiger Fragen herangezogen, und da das Erforchen seines Inhalts nur insoferne wissenschaftlich wertvoll erscheint, als sich hieraus kulturhistorische Belege gewinnen lassen, so wird er überhaupt nur fragmentarisch kultiviert.“ Das heisst mit anderen Worten, das sogenannte wissenschaftliche Erforschen des Talmuds zu unserer Zeit ist gar keine Talmudforschung: Es ist a 11 ge tn e i n e G e sc h i c h t e, Sp rachwissenschaftliches und Aehnliches, aber die Sache selbst wird überhaupt nicht berührt ״Am lohnendsten erwies sich die Ausbeute der agadischen Elemente; die Halacha hingegen schien im Verhältnis zur Mühe und zur geistigen Vertiefung, die sie beansprucht, wenig greifbare Resultate zu bieten.“ Und wie ruhig Verfasser diese gefährlichen Worte ausspricht I Midrasch ist leichter als Halacha, also wird die agadische Seite vorgezogen. Leider ist das kein Zeichen eines kräftig-talmudisch strebenden Zeitalters. ״Wer die innere Entwicklung des jüdischen Lebens, die leitenden Motive seines fruchtreichen Wirkens kennen lernen und richtig beurteilen will, muss in erster Reihe die H a I a - c h a zu Rate ziehen“. Das hätte Verfasser in unsere״־ wissenschaftlichen Generalversammlungen ausrufen und nach diesem Maasstab das Verhältnis des talmudischen (und auch biblischen!) Arleitens in jüdischen Kreisen vergleichen müssen mit den anderen von uns mit wichtiger Miene betriebenen Dingen — das wäre sicher ״Des Schweisses der Edlen wert“. Ich halte noch folgende tiefgehende Aeusserungen des Verfassers fest: ״Den Talmud als absolut unsvstematisches Werk bezeichnen, hiesse sein innerstes Wesen und seine ursprüngliche Bestimmung verkennen.“ ... ״er ist überhaupt kein Literaturwerk im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern eine für’sGedächtnis bestimmte Summierung des Materials und huldigt daher mnemotechnischen und sonstigen der mündlichen Ueberlieferu/ig und dem lebendigen Vortrag eigenen Gesetzen. Als Folge unmittelbarer Mündlichkeit kann das Ineinandergreifen verschiedener Disziplinen aufgefasst werden, deren Zerlegung in die ursprüngliehen Bestandteile zu den schwierigsten Aufgaben gezählt werden darf.“ Vf. stellt hier eine sehr wichtige Forderung auf. die ich mich zu erfüllen seit Jahren bemühe, ohne dass Vf. auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.