Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 7. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Besprechungen. Rabbiner Dr. M. S. Zuckermandel: Tosefta, Mischna und Boraitha in ihrem Verhältnis zu einander oder palästinensische und babylonische Haiacha. In zwei Bänden. 1. Band XXX und 484 S. 16 Mk. 2. Band XVI und 508 S. 16 Mk. Frankfurt, Kauffmann. (Schluss) Zuckermandel behandelt I. Band S. 461 die Mischnas Peah-13,«, und er berührt damit einen halachisch schwierigen Gegenstand. 1s darf die ״Feldecke“ an 'die Armen nach einer Ansicht vom Anfang und von der Mitte des Feldes gegeben werden, nach R. Simon nur vom Ende des Ackers (s. Sabbath 23 a), nach R. Juda muss am Ende noch mindestens ein Halm gegeben werden, damit das Ganze gültig sei. Nach 16 darf man auch nach dem'Schnitt sowohl. Peah als Hefker bestimmen, wonach für das betr. Getreide Theruma und Maasseroth fortfallen. Nun ist aber nach Peah 61 die Ansicht der Hilleliten, dass eine Armengäbe nicht Freigut sein kann, da dies für Arme und Reiche zugänglich sein muss. Zuckermandel betrachtet die zugehörige Tossefta, worin nach der ersten Ansicht mit einiger Worthäufung die Peah am Anfang, in der Mitte, und am Ende gegeben werden darf, nach R. Simon muss ausserdem am Ende noch nach dem Schiur gegeben werden, nach R. Juda muss der eine Stengel des Feldendes in der Nähe des übrigen Getreides sich befinden oder die Lesart ist auch, was uns wahrscheinlich vorkommt, der Mischnagleich. R. Juda soll nach Simon Sens mit dem letzten Stengel nicht die vorhergegebene Peah, sondern die etwa hinzugefügten Teile des Feldertrages zur Peah machen; Wahrscheinlich sucht er so den Widerspruch zwischen 16 und 16 (nach Ansicht Juda’s) zu heben. Nach Elia Wilna bestreitet Juda die Ansicht R. Simons; nach Kambam ist der Stengel Juda’s unbedingt zur gesetzlichen Peahabsonderung notwendig. Schwarz trennt halachisch den Tanna der Mischna von dem der Tossefta, will aber trotzdem eine Ueberein- Stimmung bez. der Stellung von Mischna und Tossefta, sodass er die Tosseftaordnung auch hier nach det der Mischna zurechtstutzt. Zuckermandel bestreitet die Berechtigung dieses Vorgeheps, glaubt aber, Tossefta enthalte die palästinensische Mischna, unsere Mischna sei die babylonische. Indem Tossefta die Peah am Anfang, in der Mitte ur.d am Ende für ״zulässig“ hielt, hat sie die Erklärung widergespiegelt, welche Jeruschalmi für diese drei Punkte, wie auch Sifra, hat, sodass man eigentlich in einem Stück zunächst die Peah zu geben hat, dass aber schliesslich auch die Trennung in drei Teile, selbst am Schlüsse noch über das Maass hinaus zulässig ist. R. Jehudä gestattet, das nicht Gegebene, und wäre es ein Stengel, am Schlüsse abzusondern. R. Simon bleibt bei Peah ״Ende“. Es ist hier tatsächlich so, dass Tossefta mit den palästinensichen Quellen Sifra und Jeruschalmi gut in Einklang zu bringen ist, während der Wortlaut unserer Mischna weniger damit übereinzusttmmen scheint. Für mich hat diese Auseinandersetzung noch die wichtige Folge, dass die Peah 16,6 entsprechende Tossefta- Sätze auch nach Zuckermandel nicht rein äusserlich nach dem Zusammenhänge der Mischna geordnet werden dürfen, sondern an ihrer Stelle zu verbleiben haben. Dann aber ist (gerade nach Tossefta) Beides R. Juda’s Mischna, und 16, wie wir-auch festgestellt haben, im Jeruschalmi hillelitisch verbessert, indem die schammaitischen Bestandteile fortgefallen sind- 16 bietet n. m. E. einen Beleg zu den Worten R. Jehuda’s, worin dieser Tannaite nach seiner Art v eitgehendere Ansichten der Alten (Worfelung und Glättung des Getreidehaufens als Endpunkt) herbeizieht, um seine eigenen nicht so weit reichenden Auffassungen dadurch zu rechtfertigen. Gerade in Peah findet sich ein solches Vorgehen R. Juda’s öfter. (S. zu diesem Gegenstände meine Behandlung dieser Mischnas oder anderer merkwürdigen damit verbundenen Satzungen in ״Die Mischna ׳ etc.“ Peah. S. 28—30, 40 f. Ich bemerke noch, dass Tossefta im Grossen und Ganzen der in Sabbath 23 a gegebenen Begründung der Worte R. Simons gleicht, und zwar so weit, dass sogar die :1 Raschierklärung in die Tossefta scheint hineingeraten zu!! sein; ausserdem enthält Sifra das Gleiche.! Verfasser hat an dieser und an vielen anderen Stellen in der Tat es zu ermöglichen gewusst, dass seine Auf- ן fassung T—Jer., M—Babli zu ihrer Geltung kommt. Eines I hat er gewiss nach jeder Seite hin geleistet; Er hat für die wichtige Reihe der Fälle, welche er behandelt, das Verhältnis des Babli zum Jeruschalmi und der tannaischen Grundwerke zu beiden in lichtvoller Weise aufgehellt und damit eine wichtige Arbeit von halachisch hoher Bedeutung geboten. Da e~ sich nicht damit begnügt hat, diese Ur- 1 uellen zu behandeln, sondern die Auffassungen der päteren mit hineingezogeu hat, so hatte er Gelegenheit, | auch deren Ansichten nicht, wie man es oft getan, als Folge der Laune oder des unwissenschaftlichen Zufalls zu! betrachten, sondern aus ihrer Erklärung des Wortlautes der : Alten herzuleiten. So ist jede einzelne seiner Darlegungen 1 schwerwiegend, und es schadetgarnichts, wenn der helachisch gebildete Leser sich durch die oft sehr schwierigen Pfade | hindurchzuwinden hat. Seine Kenntnis des Talmuds wird nicht darunter leiden. Eine willkommene Zugabe ist die ] Bekanntschaft mit dem römischen Recht, durch welche Verfasser manche dunkelen Bestandteile des Talmuds zu beleuchten imstande ist. Und dieser Umstand ist für die Schätzung des talmudischen Schrifttums von grosser Wichtigkeit. Was nun den Hauptgedanken des Verfassers anbelangt, so habe ich von jeher Aenderungen und Um- Wandlungen des mischnischen Schrifttums für möglich gehalten und in meinen Arbeiten eine ganze Reihe von Mischnas aufgedeckt, die entschieden spätere Zusätze sind. Da auch ich wie Zuckermandel die Tossefta für eine z. T. selbstständige Mischna halte, die nicht überall zur Er- Klärung der Mischna dient, also nicht überall sich der Mischna dienstbar zu zeigen hat, so könnte ich, ohne meine bisherigen Darlegungen zu gefährden, Zuckermandel durchaus zustimmen. Ist es denn aber durchaus nötig, dass ein solcher Grundgedanke sich in einem ganzen Schrifttum bewahrheite? Würde es nicht genügen, wenn er sich in den von Zuckermandel angeführten Stellen und Stücken zeigte? Gerade der Umstand macht die Sache nicht leichter, dass er soweit in die Erörterung der spätesten Ansichten hineinl gegangen ist. Bieten diese denn eine Erklärung des! tannaitischen Schrifttums oder sind sie nicht vielmehr zu- I meist Erklärer der Erklärer? Und diese Erklärer und die Poskim selbst, stehensie nicht unter dem Einffuss der an-! genommenen Haiacha, sodass bei ihnen das Ursprüngliche des Talmud und seiner Quellen immer mehr verschwindet? Ich bedauere es durchaus nicht, dass er diesen Weg gegangen ist — er hat damit in dankenswerterweise weite Strecken des Talmuds und seiner Erklärer beleuchtet. I Muss uns das nicht als das Verdienstvollste und Wichtigste i erscheinen? Und wenn die Notwendigkeit, seine Auffassung ' zu verteidigen, ihn zu einem solchen Vorgehen veranlasst hat, so wollen wir diese seine Auffassung schon aus diesem Grunde freudig begrüssen — denn wäre s i e nicht, so läge dies sein verdienstvolles Werk nicht vor uns. Was sollen denn alle derartigen Sätze? Sie sollen! uns die Entwickelung des Talmuls verstehen lehren. Wozu sollen wir die Entwickelung des Talmuds verstehen? Damit wir ihn selbst verstehen! Es würden uns die | wahrsten und begründetsten Leitsätze nichts nützen, wenn i dabei, wie es leider geschieht, der Talmud selbst uns ' entschwände. Ich habe an anderer Stelle (s. ״Ueb. den Zsh. i d. M.“ zweite Auflage, 3. Abschn.) mich mit den Ansichten Zuckermandels auseinandergesetzt und kann auf meine dort gebotenen Darlegungen verweisen. Er hat aber nicht nur allgemeine Leitsätze geboten, sondern eine Fülle scharfsinnig begründeter Einzelheiten, und deren Dasein ist der beste Beweis dafür, wie fruchtbar für ihn selbst sein Hauptgedanke gewesen ist, gleichviel, ob ihm Andere in vollem Maasse zustimmen oder nicht. Seiner Arbeit sei bst wollen wir Anerkennung und Zustimmung nicht versagen. Wir halten es für notwendig, mit unserer Zustimmung schon aus de m Grunde zurückzuhalten, damit er, voll des Eifers, uns neue Beweise zu liefern, uns bald wieder mit neuen derartigen Werken erfreue.