Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 7. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 148 Tätigkeit einer langen Prophetenlaufbahn Gedanken öfter aussprechen, ohne seichter Wiederholung des Gleichen geziehen zu werden. Es (cann, ja es muss Einem die eine Rede weniger gelingen, als die andere, gerade je mehr man Stimraungsmensch ist und je weniger man kühl vorausberechnete Reden hält. Göth’e Jugenddichtungen sind ganz andere, als die seines Alters; die Prosa seines Werther feurig, fliegend; die seiner späteren Jahre bedächtig, das Winzige ausspinnend. Wollte man aus Euripides, aus Corneille das Versch edenartige aussondern — die Stücke würden, wie bei jeder Kürzung, besser und straffer werden; das Ausgesonderte würde noch immer verschiedenen Erganzern zugewiesen werden können, nur — dass die Verfasser es so nicht gedacht haben. Diese Werke sind nicht aus einem Gusse, haben sich Einschübe gefallen lassen müssen -״aber vielfach von den Verfassern selbst. Nun sind solche Hervorbringungen in ihren Licht- und Schattenseiten gerade die wahren Bilder der inneren Ent- Wicklung, des Fortschreitens, also des Lebens solcher Geister — und wir kommen mit der Gartenscheere und lassen das Alles fallen. Müsste nicht ein neuer Lessing gegen solche Verbesserungen auf־ treten? Und wenn er käme, würde er Gehör fieden? Sobald solche Rätselgebilde, die mit dem ״Geheimnis des Lebens“ Zusammenhängen, verschwinden, empfindet der Zuschauer dieses Vorgangs ein Gefühl der Erleichterung — die Sache ist klarer geworden; er bewundert den Bearbeiter wie einen Neuschöpfer, und zwar mit Rech!! Denn das neue Gebilde ist nicht mehr, das Alte; der Bearbeiter ist zum Dichter geworden, er hat einen neuen Jeremia geschaffen, seinen Jeremia, der gewiss bessere Verse macht, edler ist und sich weniger auf schriftstellerischen Abwegen ertappen lässt — aber es ist nicht der alte Jeremia, den wir kennen und verstehen lernen wollen. Aus einem riesenhaften Weltbilde, wie es das Leben und Wirken jedes grossen Geistes in sich darstellt, ist ein kleines Gefühlsausschnittchen geworden. Das regt zur Nacheiferung an. So ist der Marti’sche Hosea entstanden. Auf Wellhausen beruht Duhm, indem er die Formel: Erst Deuteronanium, dann Priestergesetz zur seinen macht und nun unbesehen ausmerzt, was in den Propheten sich dieser allgemeinen Annahme widersetzt. Auf Duhm beruht, vielleicht unbewusst, Marti, während No.wack noch schwankt. Erst Marti zieht mit Entschiedenheit die Folgerungen, die wir längst als Ergebnis des ganzen beliebten Verfahrens vorausgesehen, aber, in dieser Geschlossenheit für unmöglich gehalten hätten. Wenn Arnos Ende fällt, fällt Hosea Ende. Da aber der Wellhausen’sche Gedanke, der echte Seher künde nur Unhefl, dem Textforscher unbewusst zum Augenglase wird, so musste nach meinem Ermessen der ganze Hosea gestrichen werden. Und nun liess Marti das erste Kapitel stehen, ,wogegen er das dritte einen! anderen zuwies — also, wie wir oben gezeigt, unter allen Annahmen hat er sich die unwahrscheinlichste zu eigen gemacht. Und weshalb? ln 3 stellt sich ja die Vorbedingung der Busse und der Wiederaufnahme Israels, ja, der Zukunftshoffnungen dar. Kann diese ein prophetischer Vorgänger des Hesekiel und des zweiten feaia haben? Das ist nach Wellhausen und Duhm unmöglich.־ Wird diese Voraussetzung, die selbst erst auf beweisbedürftigen Voraussetzungen beruht, unumgängliche Grundlage — und sie wird es, das ist das Seltsame! — so muss alles Tröstliche im Hosea fallen, muss mit ängstlichen Späherblicken umhergeschaut werden, ob nicht irgend eine verkappte Zukunftshoffnung mit einläuft, und was textlich mit dieser nun noch in Verbindung steht, wird ebenfalls entfernt oder umgedeutet. Das zweite Kapitel nimmt in seinen Hoffnungen das Dritte vorweg - so fällt der Anfang 21—3, und.aus dem Uebrrgen 2!0b, 1-b—33 und ganz 3. Andere haben weniger Bestandteile ausgeschieden — mit Marti werden sie Alle betroffen. Betrachten wir das zweite Kapitel: Der Anfang 2!—3 ist seit langer Zeit beanstandet worden. Er lautet: ״Und sein wird die Anzahl der Kinder Israels — Wie des Meeres Sand — der nicht gemessen wird und nicht gezählt — Und es wird sein — Statt dass man von ihnen sagen wird — Ihr seid mein Volk nicht — Wird man von ihnen sagen — des lebenden Gottes Kinder. — Und sammeln werden sich — Die Söhne Juda’s und die Söhne Israels —Und setzen sich ein einziges Oberhaupt — und steigen aus dem Land empor — denn gross ist der Tag von Jesreel. — Nennt Eure Brüder mein Volk — und Eure Schwestern Geliebte!“ Schon die alten Rabbinen haben die Schwierigkeit' dieser Stelle gekannt. Sifri 1 131 sagt Rabbi, der Ordner der Mischna, defn besonders Fragen des Zusammenhangs der Mischna nahelagen: ״Viele Abschnitte stehen neben einander und sind einander ferner, als der Osten vom Westen .... So heisst es ״Ihr seid nicht mein Volk!•‘ (Ende Hosea 11, und es heisst: ״Und sein wird die Anzahl etc. (bis: des lebenden Gottes Kinder.“ ho). Was soll das beieinander? Gleichnis: Ein König zürnt seiner “Frau und sendet den Schreiber, ihj den Scheidebrief zu schreiben; doch ehe der Schreiber kam, versöhnte sich der König mit seiner Frau. Da sagte der König: Ist es möglich, dass dieser Schreiber leer ריקס)־ Jalkut רארא) von hier gehe? Ich werde ihm vielmehr sagen: Komme und schreibe, denn ich verdopple ihr die Kethubah_(ihr Witwengut), Ebenso heisst es: ״Büssen soll es Samaria, dass sie sich gegen ihren Gott empört,“ (Hos. 141) und es heisst: ״Kehre zurück Israel, zum Herrn Deinem Gott!־‘ (14j). Was soll das beeinander? Gleichnis: Womit ist diese Sache zu vergleichen? Einem Gau, der sich gegen den König empörte: da sandte der König seinen Feldherrn, um Jene zu vernichten. Jener Feldherr war ein wohlerfahrener und besonnener Mann. Er sagte zu ihnen: Nehmt Euch einige Tage Frist — wo nicht, so tue ich Euch, wie ich jenem Lande, jenem Bezirk getan.“ Und in der früher gebrachten Stelle Pes. 87 segnet in den Sätzen 21—3 Hosea, der seinen Irrtum kennen gelernt, nun dasselbe Volk, das er gegen ein anderes vorher vertauscht wissen wollte. (Fortsetzung folgt!•