Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 7. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 Vorgänger den Dingen selbsständig in’s Gesicht sehen kann, an eine solche Möglichkeit wird heute garnicht gedacht. Am Schlusskapitel von Amos wurde zuerst nicht viel beanstandet. Nach Cornill in seinem ״Israelitischen Prophetismus“ nahm es im Grossen und Ganzen bis auf wenige Ausnahmen für echt an. Aber mit nach und nach wurden die Tro; tstücke-den vorexilischen Propheten abgesprochen, da nach Wellhausen die echten alten Seher bis auf Hesekiel und dem zweiten Jesaia nur Unheil künden. Wir werden nachher diese Ansicht beleuchten. In unserem ״Joel-Nahum-Habak jk“ haben wir S. 36 bewiesen, dass wir Jahre lang die bibelwissenschaftliche Zersetzung dieser drei P ־opheten vorausgesehen haben, ehe sie vor sich ging. Sie ist dann buchstäblich zur Wahrheit geworden. S. 38 (zweite Anmerkung) heisst es: ״Unser demnächst erscheinendes zweites Bändchen wird weiten Stücke im Voraus kenntlich machen, die im Dodekapropheton schon des Index harren.“ Wir weisen nicltt aus Eitelkeit darauf hin, sondern um die diesem Verfahren innewohnenden Grundsätze und Triebfedern zu kennzeichnen. Wenn nämlich bei den ältesten Propheten nur Unheil verkündet werden und demnach das Schlusskapitel von Amos für unecht erklärt werden musste, so traf das ganz ähnlich stehende Schlusskapitel von Hosea das gleiche Loos. Amos 9>?a wird noch Unheil verkündet, und sb beginnen u tvermittelt die Zukunftsaussichten. Genau-das Gleiche finden wir Hosea 141, worauf mit * der Ruf zur Busse und die Verheissungen folgen. Also, so musste ich mir sagen, Ende Amos und Ende Hosea verschwinden. Und nun hatte ich mir den Nachweis so schön zurechtgelegt, dass folglich auch ein grosser Teil des Hosea, etwa die Hälfte, darunter auch die Anfangskapitel mt ihrer Sinnbildlichkeit, zu beseitigen wäre und dass nur noch die schmerzvollen Schilderungen der Entartung und die Flüche des Hosea Zurückbleiben würden. Wozu nun noch die Ehegeschichte, die doch in sich bereits die Zukunftsaussichten enthält? Dann hört aber Hosea auf, mit dem Versöhnungsgedanken über Amos hinauszuragen, der Entw'icklungsgedanke wird an dieser Stelle ausser Kraft gesetzt! Dabei musste ich mir vorsteilen, wie ich von den Beurteilern als Schwarzseher hingestellt werden würde, der etwas sieht, was unmöglich ist! Und wie ich dann später, nachdem dieser Weg wirklich würde beschritten sein, auf meine Voraussagungen würde zurückweisen können! Dadurch würde aber keineswegs die geschichtliche Wahrheit dieser Annahmen bewiesen sein, sondern nur, dass sie notwendig unserem Zeitbewusstsein en sprächen. Aber was ich als etw׳as schier Unglaubliches, als Ergebnis der Zukunft darzustellen und aus dem bisher Geäusserten herauszufolgern gedachte, das wurde ungeahnt schnell zur Tatsache. Das Zehnprophetenbuch des Marti’schen ״kurz« n Handkommentars“ brachte genau die Entwicklung, die sich n. m. E. aus dem Vorausgehenden ergeber sollte. Wie das gekommen war? Woher meine Ahnungen? Das wurde mir selbst erst klar, als ich mir’s bedachte. Ich fragte mich der Marti’sehen Darstellung gegenüber: Wo hast du etwas Aehnliches gelesen? Die Art kommt dir doch bekannt vor. Und siehe, ich dachte an Duhm’s Jeremia, gleichfalls im kurzen Handkommentar; allerdings ist rs nicht der Duhm’sche springende Stil, der uns alle Eigenschäften des Verfassers bis in’s Kleinste wiederspiegelt — aber es ist seine Art! Was Andere mit Jeremia schüch ern begonnen hatten, das hat Duhm mit Entschiedenheit beendet. Einst hat man die Weisssagungen ]»egen die fremden Völker für das kräftigste gehalten, alles andere schien matt gegen Jesaia und Micha und andererseits gegen Hesekiel gehalten. Man erholte sich ordentlich bei den heftigen Reden gegen Götzendienst und sonstige Sünden des Volkes, bei dem staatsmännischen Eintreten Jeremias im Streite ::wischen Egypten und Babylonien. Man übersah dem leidensvollen Lebenslaufe der Propheten gegenüber die vielen Wiederholungen, die matter ausgefallenen Stellen, ja. man sah in ihnen den Wiederschein der Verhältnisse, unter denen Jeremia zu leiden und zu ringen hatte. Niemand beanstandete das Trostbuch des Jeremia, das seine eigensten und besten Stellen zu enthalten schien. Ganz anders bei Duhm. Jm ein recht einheitliches Bild des Jeremia zu erhalten, liess er ihm als echt nur die kleinen liederartige 1 Dichtungen und Betrachtungen, die nur für Jeremia selbst, nicht für das Volk bestimmt schienen. Alle gewaltigen und kräftigen Züge verschwanden als der schlichten Grösse des Jeremia nicht entsprechend oder als ausser dem Rahmen seiner Zeit stehend. Es blieb nur ein schwacher und empfindsamer Liederdichter übrig, von dem sich allerdings die Wirkung, die er auf seine Zeit ausgeübt haben sollte, nicht begreifen liess. Da man aber das Erstaunliche, zumal, wenn es sich als einfach uns darzustellen scheint, den Gemeinplätzen vorzieht, so schien Duhm bald Schule zu machen. Die Frage laute hier nicht, ob Duhms Jefemia fesselnder aussah, als der biblische, sondern ob es der biblische war? Bekanntlich gewinnen die meisten Dinge durch Kürzung. Die Hauptzüge ziehen sich auf einen engen Raum zusammen, und das weniger Wirksame verschwindet. Auch sind dann stets Widersprüche und sonstige Schwierigkeiten beseitigt — sie gehören nicht mehr zu dem zu erklärenden Bilde, man hat sie als unecht gestrichen, und so wird das Ganze glatt, einheitlich, übersichtlich. Ob aber die Geschichte in ihren »rossen Männern so einfache Charaktere ohne Rätsel und verschiedene Seiten entstehen lässt; ob nicht, je bedeutender der Mensch, desto verschiedenartiger die Seiten seines Wesens sind? Was dem Alltagsmenschen, der ausserdem noch Alles aus seiner eigenen Zeit heraus betrachtet, als Fülle von Gegen sätzen erscheint, ist mit vorurteilslosem Blicke angesehen, oft nichts als die Vielseitigkeit eines gross angelegten Menschen. Man kann wie Jeremia tiefgefühlte Lieder singen und ebenso flammende Reden sogar Predigten halten. Man kann, ja man muss in der