Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 7. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 — Und dazu hätte ihn Gott in eine solche Ehe geführt? Konnte der Gedanke der Bundesbrüchigkeit in keiner anderen Weise zur Darstellung kommen, als in dieser umständlichen Art, die nur nutzlose Opfer an Menschenglück erfordert? Gehört aber 3 zu 1, dann hat der Prophet nicht vergebens gelitten, und sein eheliches Unglück bietet als Nachspiel das fruchtbare Vorbild der Läuterung und Versöhnung, das nun in seiner Anwendung auf Volk und Reich als Zweck der Gottheit dem Propheten gegenüber die Schwere seines Loses begreiflich erscheinen lässt. Nehmen wir an, es wäre eine Trennung der Ehe vor sich gegangen, dann wird dadurch die neue Aneignung der Frau notwendig. Da sie, vom Manne getrennt, vielleicht äussern Mangel leiden musste, so konnte sie sich nicht mehr schmücken (2), und damit hörte von selbst der Umgang mit den Buhlen auf (2). So durfte er gesetzlich die zweite Ehe mit ihr eingehen, wenn nach der Trennung weitere Irrungen nicht vorgekommen sind. Schon der Talmud fasst 1 und 3 als wirkliches Erlebnis auf. Pes. 87 heisst es: ״Als der Heilige gelobt sei er zu Hosea sprach :Gesündigt hat Israel, da hätte er sagen müssen: Deine Kinder sind’s, Kinder der von dir Vielerprobten, Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs! Wende ihnen deine Barmherzigkeit zu!“ Nicht genug, dass er nicht so gesprochen, sagte er vor ihm noch: Tausche sie gegen ein anderes Volk um! Da sprach der Heilige gelobt sei er: Was tue ich mit diesem Lehrer? (לזקן'זה).“ Ich spreche zu ihm: Geh und nimm dir etc. und sie wird buhlen und dir Buhlkinder gebären. Und dann werde ich ihm sagen: Geh und schicke sie hinweg vor deinem Angesichte; und wenn du sie wirst fortschicken können, treibe ich auch Israel von mir .-. . . Nachdem ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren waren, sprach der Heilige gelobt sei er zu Hosea: Hättest du nicht von deinem Lehrer Moses lernen müssen? Sobald ich mit ihm geredet, trennte er sich von seiner Frau, so trenne auch du dich von ihr! Da sprach er zu ihm: Du, dessen Frau eine Buhlerin und dessen Kinder Buhlkinder, deren Ursprung dir nicht bekannt ist, und nun Israel, meine Kinder, die Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs! . . . Und du sagst: Vertausche sie um ein anderes Volk?“ Hier wird die Ehe Hoseas als Mittel betrachtet, ihn von seinen übermenschlichen sittlichen Anforderungen und von der überstrengen Folgerichtigkeit zu reinmenschlichen Empfindungen zu bringen. Wo hat aber Hosea gesagt: Vertausche das Volk um ein anderes? Das wird vom Talmud vorausgesetzt, da sonst die Ehe Hoseas nicht den eigentlichen Zweck gehabt hatte. Ebenso ist das Wort Gottes Trenne dich von ihr als ein in der Leidensgeschichte Hosea liegendes zu betrachten. Jedenfalls ist die Auffassung des Talmuds eine tiefe, zumal wenn man bedenkt, dass ״die Origenistische Schule, im Mittelalter Rabbinen wie Kinnhi, in neuerer Zeit vor allem Hengstenberg und Andere behaupten, dass wir hier ein innerlich visionäres Erlebnis vor uns haben.“ (S. Nowack 28 und 29 das Weitere). Es waren vorwiegend sittliche Bedenken, welche daran hinderten, hier eine Tatsache zu sehen; man bedachte den Unterschied der Zeitalter nicht und vergass, dass ausserordentliche Zwecke ausserordentliehe Mittel erfordern, bedachte auch nicht, dass Hosea, nachdem er so schlimme Erfahrungen gemacht hatte, diese sich selbst im Sinne einer göttlichen Fügung zu deuten sucht und die Stimme Gottes in den Ereignissen vernimmt. So übersah man, wie schielend das Ganze als blosses Gleichnis bleiben mjiss, wie tief und gewaltig es als Tatsache durch die Doppellehre wirkt: Gott e'rzieht Hosea durch Leiden zum Propheten, so erzieht er auch sein Volk; Ereignisse sind Gottesworte Hosea gegenüber, Ereignisse werden auch Israel die Stimme Gottes vernehmen lassen. Ist Arnos in der Ordnung seiner Reden, in seinen Zeitschilderungen, in der geradlinigen Wucht seiner Sprache Hosea gegenüber der Höherstehende, so hätte es eigentlich Staunen erregen müssen, dass dieser so tastend an den Gedanken des sittlichen Falls und der Busse herantritt — Begriffe, die bei Arnos fertig daliegen und auf denen er mit Bewusstsein fusst. Man hätte ihn eigentlich für den Vorgänger des Arnos halten müssen, wenn der Gedanke der Entwicklung, den man seit Darwin an die Spitze aller geschichtlichen Betrachtungen stellt, straff durchgeführt werden sollte. Und er fand sich, der entwickelnde Zug, der Hosea über Arnos stellt: Arnos kennt nur den Gott der sittlichen Forderung und der strengen Und gerechten Ahndung, nicht den der Liebe und des Verzeihens. Das ist bei Hosea der Fall. Er empfindet wohl die Schwere des Abfalls, aber aus seiner unerschütterlichen Gattenliebe heraus erkennt er die gleichen Eigenschaften in Gott, der Israel wohl strafen, aber nicht verstossen wird; er wird es durch Elend und Leid zu sich zurückführen. So wird Hosea zum Verkünder der versöhnenden Liebe. Dari ו steht er über Arnos, bei dem man nur die Verwerfung Israels, nicht aber die Liebe findet. Nun ruft auch Arnos zur Busse auf, kündet darin dem Volke das Leben an, zeigt ihnen am Schlüsse eine nicht weniger herrliche Zukunft, als Hosea. In allen anderen Zügen ist er ihm so weit über, wie der bewusste Meister dem mit blossen Bildern und Einzelanschauungen ringenden Anfänger gegenübersteht. Und so reizvoll der Anblick einer so sich entfaltenden Blume sein mag, so darf man das Wohlgefallen daran nicht mit der Befriedigung verwechseln, welche die an sich sichere und bewusste Tätigkeit des entwickelteren Geistes hervorruft. Dass er die Mahnungen zur Busse nicht in der Weise vorträgt, wie Hosea, liegt daran, dass dieser mit ganzem Fühlen und Denken sich mit diesem Begriff der Besserung befasst und den Gedanken des Abfalls kaum fassen kann, während Arnos den Tatsachen der Zeit männlicher entgegentritt. Das könnte den ganzen Entwicklungsgedanken zu Falle bringen, und damit wäre der starke Trieb entfernt, der in der gesammten Bibelwissenschaft stets nach Fortschritten oder Rückbildungen sucht. Dass auch der spätere Schriftsteller ohne Rücksicht auf seinen