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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 5. (1909) · p. Seite 132

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 5. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 132 (sequence 4)
Language
German
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132 fahr zuweitgehender Schlüsse habe ich mir auf Schritt und Tritt vorgestellt, um nur nicht eine liebgewonnene Ansicht mit allen Mitteln übelangewandten Scharfsinnes 31 verteidigen. Es wird manches Ergebnis kühn und neu erscheinen, vielleicht deshalb kühn, weil es neu ist. Gerade das Seltsamste und Kühnste hat sich später als geschichtliche Tatsache erwiesen. (S. § 39 c.) Wer aber mit dem mischnischen Schrifttum sich eingehend genug beschäftigt hat, um über die seltsamen Gefüge zu staunen, und wer dennoch das Gefühl sich bewahrt hat, dass hier von Planlosigkeit keine Rede sein kann; wer selbst einmal über diese Rätsel gegrübelt hat, der wird die folgenden Aufstellungen zu würdigen wissen. Das Beste, was wir auf diesem Gebiete schaffen können, ist ja trotz aller Nachweise nur Wissenschaftliehe Vermutung — wer seine Ergebnisse da als unbedingte Wahrheit ausgibt, der verkennt die Ziele jedes Geistesstrebens. Wenn der Hauptgedanke nur an sich selbst einfach genug ist, um als glaublich zu erscheinen, wenn er die notwendige rolge der Beobachtungen bildet und wenn durch ihn die Rätsel sich von selbst lösen, dann ist das Höchste erzielt, was man vom Forscher verlangen kann. ln der Zwischenzeit zwischen dem Erscheinen der ersten und der zweiten Auflage waren wir bestrebt, unsere Wahrnehmungen nach verschiedenen Seiten hin zu beweisen. 1897 veröffentlichten wir in den zu Ehren Alexander Kohuts erschienenen Semitic Studies (Calvary) ״Einiges über die Agada in der Mechiltha“, wodurch über die Zeit vom Falle des Tempels bis nach dem Barkochbakampfe Licht verbreitet werden soll. ~ Es galt nun ausserdem, die in vorliegendem Werke ausgesprochenen Sätze an einzelnen Traktaten und deren Bau zu erproben. Da musste man noch mehr 1ns einzelne gehen. Die Dar- Stellung verlor dabei vieles von ihrer Lebendigkeit, zumal die Rätsel, welche die Gesamtmischna geboten, bei Betrachtung der einzelnen Massechtha sich vermehrten. In meinem ״Die Mischna, Aufbau und Quellenscheidung, Serai'm, erste Hälfte“ (Strassburg, Trübner, 1903) ist mir die Ueberwindung der grossen Schwierigkeiten nicht leicht geworden und hat sich wie eine Last auf die Darstellung gelegt. Aber gerade solche Leser, die mehr auf die Sache sehen, haben meiner Arbeit um so grösseres Vertrauen entgegengebracht, je weniger sie bestechen wollte und je mehr sie durch die Fülle des verarbeiteten Stoffes zu wirken bestrebt war. Die Fortsetzung, die in den nächsten Jahren ״Maasserot, Maasser scheni“ brachte, hatte unter diesem Umstande weniger zu leiden, weil ich mich über diese Scwierigkeiten mehr erhoben hatte und infolgedessen der Stoff sich eher in Gruppen erkennbarer Art teilen Hess. Ich merkte, dass die verschiedenen Schichten, aus denen die Mischnaquellen herausgearbeitet werden mussten, sich immer sicherer dem beobachtenden Blicke darboten. Dieser unserer vorliegenden zweiten Auflage kommt das zugute, indem nunmehr für die allgemeinen Werdegesetze und die dadurch bemerkten Gestaltungen des Ganzen eine Fülle von Einzelgefügen als Beleg dienen kann. Darin darf man sich nie genug tun; und darin zu weitschweifig gewesen zu sein — das ist ein Vorwurf, den man sich gefallen lassen darf. Handelt es sich doch um Begründung von Sätzen, die im besten Falle gut bewiesene Vermutungen sind. Das bitte ich besonders von § 58 an zu beachten. Als zweite Auflage bietet die Bearbeitung eine V e r m e h r un g des in der ersten Auflage Vorhandenen; die Darstellung der ersten Auflage ist der zweiten zugrunnde gelegt, damit nicht das Bessere der Feind des Guten werde. Die Frische des Tons, welche die noch neuen Wahrnehmungen bei ihrer ersten Darstellung dem Verfasser ungesucht boten, wird sich bei einer völligen Umarbeitung zum zweiten Male nicht treffen lassen. Und da die Hauptergebnisse die gleichen sind, das Neue, wie sehr das Ursprüngliche dadurch auch erweitert wird, zum Alten gehört, so bietet sich nun den Besitzern ddr ersten Auflage die Gelegenheit, zu erkennen, inwiefern hier ein Fortschritt vorliegt. Aus dem Streben, den Zusammenhang und Plan des Ganzen zu erkennen, ist eine Quellen- Scheidung geworden. Mit dieser Arbeit führe ich die mischnische Quellenforschung nicht als eine Fülle kleiner einzelner Forschungsergebnisse, sondern als grosses Forschungsgebiet in die Wissenschaft ein, in welchem sich die Einzelheiten zu einem Ganzen vereinen. Wenn unsere Arbeit fernere Beachtung findet so kann die Zustimmung zu derselben, wie der Widerspruch, den sie findet, den Forscher immer nur auf das ganze Gebiet lenken, nicht auf eine einzelne Erscheinung, und andererseits kann jedes Ergebnis fortan nur durch einzelne Wahrnehmungen beglaubigt werden. Indem ich als Einzelner die ganze Arbeit zu machen hatte, kann ich wohl auf die Grösse des Vorwurfs hinweisen, aber kaum eine Vollständigkeit, geschweige denn eine wissenschaftliche Unfehlbarkeit meiner Ergebnisse betonen. Die talmudische Wissenschaft kann aber nicht durch abgeschlossene Musterwerke belebt werden; solche Mustergeschöpfe sollen tadellos sein und dürfen sich deshalb nicht zu weit vom Althergebrachten und Bekannten entfernen; und da soll Neues gefunden werden? Das kann sich nur finden durch kühne und darum anregende Versuche, denen die Verbesserung notwendig und die derselben würdig und fähig sind. Dadurch erhöht sich die Teilnahme für das rein Stoffliche, wie auch für seine geschichtlichen. Bewegungsgesetze, und der Talmud hört auf, ein Feld für Angriffs- und Verteidigungskämpfe zu sein, je mehr er an sich unser Auge auf sich zieht. Die Tatsache, einer zweiten Auflage darf mir wohl befriedigend erscheinen. Unter den Urteilen, die in der Hauptsache meine Vermutungen als brauchbar und darum wichtig anerkannt haben,

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