Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 4. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
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124 hängnisvoller Irrtum! Mit scharfem Blicke sieht er allerdings in deu Selbstentleerungsversuchen des Judentums die Selbstzersetzung, und den Orthodoxen, die er ja wahrscheinlich auch für verloren ansieht, spricht er die höhere Möglichkeit unentwegten Feststehens zu. Er kennt diese Dinge zu gut aus seiner Heimat her. Die Vertreter des Alten und Neuen haben ihm durch die gesamte Geschichte das gleiche Gesicht — darüber mag man sich ärgern, man mag dem Vf. darum grollen — ändern wird man es nicht. Nur hat er Eines nicht begriffen oder nicht begreifen wollen, dass in dem Geistesleben des Judentums all’ diesen Befürchtungen gegenüber der Jungbrunnen sich findet, und dass gerade der unmessbare Talmud, eine Welt für sich, mit ihrer Fülle von Lebenstrieben, in ihrer ewigen Rätselhaftigkeit und Beweglichkeit, Israel frisch erhalten hat und auch weiter frisch erhalten wird. Sein Organismus des Judentums passt zu seiner Realkonkordanz wie ״Häksel mit Kleie gemischt“ nach Lessings Ausdruck. Und doch — weshalb kommt er, kaum ein Halbwisser, nicht vom Talmud fort — weshalb muss er etwas bezüglich des Talmud arbeiten — etwas erstreben, ihn zu klären?. Ohne den Gedanken an die Unmessbarkeit des Talmuds, ohne die ihn bewegende Frage, wie aus biblischem Geist talmudischer Geist geworden? wäre sein ganzer Gedankengang unmöglich. Seine Streiflichter von der Gegenwart zu der grauesten Vergangenheit hin sind nur möglich, wenn man den Talmud,-wie verkannt auch immer und von wieviel Missverständnissen umgeben, als Mittelpunkt der Fragen und Zweifel in Fromer betrachtet. Soviel er nun von Entwicklung redet und soviel er mit wissenschaftlich klingenden Formeln um sich wirft — er überschätzt noch immer deren Tragkraft — so wenig kennt er diesen Begriff. Wer den Levitikus und die gesetzliche Seite der Thora kennt, wer das Streben begreift, die darin sich zeigenden Rätsel zu deuten und die Gegensätze in Einklang mit einander zu bringen, der bedarf keines Hellenismus, um den Talmud zu ermöglichen — der hat die Vorbedingung zu demselben voll begriffen. Der wird aber nicht von einem ״Keim“ und von einer ״Ernte“ mit Kennermiene reden, sondern er wird überall, bis zu den Acharonim hin, Geistesentwicklung und Wandel sehen. Disse Ewigkeit der Geistesbewegung wird gerade sein Trost sein und er wird in der Unmöglichkeit, mit ihr fertig zu werden, gerade die beste Beruhigung suchen allen Befürchtungen der Jetztzeit gegenüber. Gerade aus dieser verunglückten Fromer’schen Schrift, der aber ein geschichtlicher Blick nicht vollkommen fehlt, drängt sich uns wie ein unfreiwilliges Geständnis die hohe Bedeutung des Talmuds hervor. Nur wer die Bindeglieder sucht, welche die Zeiten hineingefügt haben, der wird nirgends Plötzfiches und Unbegreifliches, der wird überall Entwickelung finden. Ich habe mich bemüht, den Verfasser zu begreifen, ihn, der doch dem Glauben der Väter gleichgültig, der ihm feindlich gegenübersteht, und weil seine Stellung eine solche ist, habe ich das Buch mit noch grösserer Vorsicht gelesen. -War ich bestrebt, sein Inneres hervorzukehren, so muss ich zum Schlüsse ihn nodr dadurch weisszuwaschen suchen, dass ich verschiedene seiner Fehler der heutigen Z e i t r i c h t u n g zuzuschreiben bestrebt sein werde. Weshalb der Verfasser so ungeheure Mittel in Bewegung setzen muss oder glaubt in Bewegung־setzen zu müssen, um 3 Talmudseiten zu übersetzen und zu erklären? Er hat davon ja nichts geleistet — nur weshalb er geglaubt hat, es zu tun und tun zu müssen? Das ist die übergrosse Hochachtung vor dem Schein der Wissenschaftlichkeit und das Streben, diesen Schein zu wahren und unter diesem Scheine wissenschaftliche Vorsicht zu üben oder wenigstens zu zeigen. Fromer hat gewiss aussprechen gehört, man könne sich heute mit dem Talmud nicht befassen (und man befasst sich auch nicht damit!), weil man den verbesserten und gereinigten Talmudtext nicht habe, weil noch nicht alle Handschriften untersucht und der Befund mit unserem Text verglichen sei, weil auch noch nicht die Bedeutung aller Worte bekannt sei, weil vielleicht auch noch nicht alle geschichtlichen Beziehungen nach allen Seiten hin erkundet seien. Fromer mag in seiner Heimat wohl Leute gekannt haben, die ohne dies den Talmud gelesen und gut verstanden haben. Aber er war doch nicht mehr in der Heimat! Und da er vom hohen Werte des wissenschaftlichen Zweifels etwas gehört hatte, so zweifelte er recht vornehm nach berühmten Mustern nicht nur an der Möglichkeit, den Talmud zu übersetzen, sondern gar einen Satz richtig deutsch herausbringen zu können. Nehmen wir die Worte quibus rebus cognitis, so können wir sagen: quibus von welchen rebus von den Sachen wörtliche Uebersetzung cognitis von den erkannten sinngemässe Uebersetzung: ״Als diese Dinge bekannt geworden waren.“ Wo Hesse sich das nicht machen? Und das nennt man doch Vorsicht! Und er glaubte wirklich vorsichtig zu sein, als er eine solche Arbeit mit Endpunktskalenden griechischer Zeitrechnung vornahm. Und wer das sah, dfer musste unbedingt einen so vorsichtig zu Werke gehenden Forscher unterstützen. In einfacheren Zeiten fing der Mensch solche Dinge von vorne an und vollendete sie, wenn er fertig war! Aber heute! Und wer kqmmert sich um solche Dinge? Die Grossen des Geistes? Die haben Wichtigeres zu tun! Der gereinigte Talmudtext ist ja noch nicht da! Fromer hätte also ein ganzes Leben mit solchen an sich wertlosen Dingen ohne den geringsten Nutzen für die Wissen-