Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 4. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
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123 Kapitel 2: Die Agrikulturperiode mit den Wüstengott ab ünd zum Naturdienst. Davit vor. Die Feste werden eingeführt, vom K; obigen zwei Linien. Palästinas Reize bringen Israel vom ist ״der Fromme“ — was Salomo ist, tritt nicht klar hernaaniter übernommen. Das Fest Taanit 26b wurde eingeführt; ״in späterer Zeit wurde aus diesem Feste der düstere Versöhnungstag!“ Was Fromer uns nicht alles lehrt! Der Chassid als Nabl wird als geschichtlicher Träumer oder menschenfeindlicher Eiferer dargestellt; die Ausläufer des Prophetentums söhnen sich mit der Orthodoxie aus, oder sie erreichen ihr Ziel, ״wenn ein Judas Ischarioth, ein Martyrium, ein Paulus sie von ihrer Wurzel abschneidet.“ Nun kommt ״die hellenistische oder talmudische Periode.“ Kühne und neue Verknüpfung! Das biblische Judentum war naiv. Unter dem Weinstock und Feigenbaum wollte es wohnen. Zeigt sich die Gottheit schwach, geht man zu den Göttern des starken Feindes über. Die Propheten waren, wie Fromer vorher gezeigt, Träumer. Der biblische Jude bringt Schlachtopfer, der Talmudjude lernt Tag und Nacht. ״Das Studium ist Selbstzweck.“ (Wie bei jeder wahren Wissenschaft!) ״Schulen und Lehrhäuser schiessen wie Pilze hervor. Eine 1 nerhörte Spekulationssucht macht sich breit. Einem nimmersatten Raubtier gleich stürzt sich der Volksgeist auf die Thora, zerreisst, zerfetzt, zerfasert sie,;um dann, wenn sid ihm nichts mehr zu bieten vermag, auf alle Wissenszweige, die in seinen Gesichtskreis kommen, sich zu werfen und mit ihnen in gleicher Weise zu verfahren.“ (S. 34). Diese Leistung musste ich ganz geben. Und doch hat sich Froiner hier wahrscheinlich nur auf die S. 129 (in ״Rabulistik“) angeführte Schriftstelle bezogen, und zwar ms dem Mnnde des R. Tarfon (dem ״Tryphon“ des gelehrten Verfassers). Die ״jüdische Charakterlinie hat mjt dem Uebergange von der biblischen zur talmudischen Lebensweise eine scharfe Biegung gemach und diese Biegungsrichtung in ihrem Hauptlaufe bis auf die Gegenwart beibehalten.“ Esra und seine 5!eit sind nach Fromer nicht Schuld daran. Vielmehr die Selbsthilfe gegen das Einströmen des griechischen Geistes. Und diesen Geist verfolgt er durch die Jahrhunderte, er sieht den Geist stets geschwächt durch die äussere Bildung, stets gestärkt durch Abkehr von derselben, er sieht dieselben Gegensätze zwischen Hellenisten und Chassidim in den Richtungsunterschieden der Gegenwart; nur die Partei Samson Raphael Hirschs sieht er feststehen, die Andern, die nach der Verstandesseite Alles entwickeln, sieht er auf dem Wege zur Selbstvernichtung. Ein merkwürdig buntes Vielerlei! Dabei Vieles, was ich bisher kaum habe 3 n d e u t e n können. Ueber Buch und Verfasser den Stab vollends zu brechen, ist leicht. Das hat Goldschmidt für den wissenschaftlichen Hauptteil, für cen Obertitel des Buches, mit Recht getan. Lässt sich dazu etwas hinzufügen? Ich kann mich von dieser seltsamen Erscheinung nicht trennen, ohne mich nach dem Berechtigten in seinen Gedankengängen zu fragen, also ohne den Versuch, dieselben begreifen zu wollen. Soll sich Fromer ohne jeden begreiflichen Hintergrund durch derartige Zusammenstellungen so der Welt zum Gelächter dargeboten und sollte die Aussenwelt ohne den geringsten Grund ihm ihre Unterstützung geboten haben? Den Verfasser mit seinen Kyklopenbauten glaube ich zu verstehen, wenn ich an meine ersten Jugendversuche auf dem Gebiete der jüiischen Wissenschaft denke. Alle andern Wissensgebiete in Ehren — der Talmud war in seiner Selisamkeit das Rätsel meines Denkens: woher diese Schriftdeutungen, da doch die Schrift so einfach war? Woher diese sonderbaren Gedankenansammlungen, die sich weder in unseren Aufsätzen, noch in irgend einem Werke auf Erden finden durften. In der hier erscheinenden Arbeit ״Minhag und Halakhi“ zeige ich ja, wie die Gegensätze zwischen Ost und West (in Deutschland selbst) mein Grübeln urd meine Forschlust wachgerufen; ich hätte diese Gestaltungen der neuesten Zeit am liebsten an die ursprünglichsten Zeiten angeknüpft und bin ja tatsächlich auf diesem Wege dazu gekommen, den Zusammenharg des Talmuds in seiner Eigenart und in seinem Werden aus der Geschichte Israels und des Gedankers zu begreifen. Als halber Knabe hätte ich am liebsten die Stammväter und die jüngsten Gebilde derZeit zusammengemischt — mit nach und-nach sonderten sich die Gegenstände der Arbeit nach Bibel, Hellenismus und Talmud, aber unbewusst ist das Ziel das gleiche: Das Judeutum zu verstehen. Die Arbeit ist immer trockener geworden, hat immer mehr vom Flug- und Sprunghaften verloren, man glaubt si :h dem Ziele zu nähern, aber nicht mit Prophetenschritten, sondern als einfacher Arbeiter in zäher, mjühsamer Einzelforschung. Dass Fromer im Judentum des kann ich ihm nicht übelnehmen. Gerad Streiflichtern nach den ältesten Zeiten hin Jahren zum ersten Male eine altjüdische < es auch m i r wie Schuppen von den Augen In meinem Vortrage ״Deutsche und Juden schlossen auf die der Vergangenheit bis 2 Nur dass ich, der in Deutschlant Sache hinnehme und ihm gegenüber den j Wissenschaften kommend, in der j ü d i s c scheinlich in Deutschland die Bildung als < nicht zu viel von dem altjüdischen Geist i und ihm gegenüber es für unmöglich hielt Ostens noch ein unverlälschtes Bild des Ursprünglichen sieht, e diese Schilderungen des Ostens mit ihren vergleichenden entbehren nicht eines gewissen Reizes. Als ich in reiferen emeinde gesehen, in der ich Jahrelang gewirkt habe, da fiel wenn ich auch etwas Anderes gesehen habe, als Fromer. habe auch i c h aus dem Wesen der heutigen Juden geur Zeit des Talmuds und der .Bibel hin. Geborene, den Geist unserer Zeit als einfach gegebene Tati d i sc h e n Geist nicht unterschätze, von den ausserjüdischen 1 e n meine Heimat suche und finde; während er, dem wahrwas Neues und Gewaltiges entgegentreten, der in der Heimat sich aufgenommen, das Neue als das unbedingte Ziel ansah die Selbständigkeit des Judentums zu wahren. Ein ver- 1 1: