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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 4. (1909) · p. Seite 122

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 4. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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122 Goldschmidt hat Fromer gegenüber in allen Punkten wissenschaftlich Recht. Hat er den Gegner aber ritterlich behandelt? Ritterlich, wie es dem Stärkeren ziemt? Dass er die Unzulänglichkeit einer so anspruchsvoll auftretenden Hervorbringung schonungslos aufdeckt, ist sein gutes Recht und im Sinne der Wissenschaft eine Wohltat. Nach Goldschmidt ist das Ganze auf eine plumpe Täuschung der Gelehrten- und Lesewelt abgesehen, auf deren Opferwilligkeit gerechnet worden ist, und in diesem Falle mit Erfolg. Er scheint anzunehmen, dass Fromer das Wohlwollen gebildeter Judenfeinde gewinnen, ihnen hier im Plane kleinere Proben seiner Gesinnung geben und ihnen viel Weitgehenderes bei der Ausführung selbst damit stillschweigend in Aussicht stellen wollte. Seine Vergangenheit Hesse eine solche Absicht wohl als möglich voraussetzen. Ob Goldschmidt durch Hervorkehrung dieser Züge die Wirkung seiner Darlegung gestärkt hat? Wohl schwerlich. Trotzdem er in seinem bitteren Tadel berechtigt ist, wird man als Veranlassung seines Vorgehens Hass gegen den Unternehmer einer Talmudübersetzung, (worauf laufen die Proben sonst hinaus?), also gegen den Mitkämpfer und Mitstreber auf gleichem Gebiete vermuten; man wird also nicht das, was Goldschmidt geleitet hat, die reine Entrüstung über die Herabwürdigung der Wissenschaft, in seinem Schriftchen suchen und seinen Ergebnissen nicht recht Glauben schenken. Und Gold- Schmidt glaubte, nicht anders wirken zu können; wer weiss, ob ihm der Ton selbst jetzt stark genug gestimmt scheint, ob er nicht selbst jetzt noch befürchtet, zu schonend und deshalb zu wenig wirksam zu Werke gegangen zu sein. , Muss der ernste Arbeiter auf talmudischem Gebiete nicht wirklich befürchten, dass seine Stimme, wenn er sie nicht zum lauten Geschrei erhebt, ungehört verhallen könnte? Kümmert man sich heute viel darum, ob ein talmudisches Werk überhaupt Verständnis findet? Haben wir ausserdem eine wissenschaftliche Gemeinde, die durch das Gewicht ihrer Zahl im Stande wäre, das Urteil der Aussenwelt zu lenken? Infolge dessen glaubte Goldschmidt wahrscheinlich, die Fromer’sche Hervorbringung durch eine besondere Schrift und unter Hervorkehrung heftiger persönlicher Stimmungen vernichten zu müssen. Ich bedaure das aufrichtig, da es viele für Fromer einnehmen wird; aber ich begreife es. Für berechtigt hätte ich diesen Ton gehalten, wenn Fromer Goldschmidt angegriffen hätte. Dadurch, dass er ausser der Wortübersetzung und der sinngemässen Uebersetzung noch unten die Goldschmidt’she hinstellt ’ und Goldschmidts Uebersetzung mit einigen Worten abtut, hat er es noch nicht getan. Oder hat sich Goldschmidt dadurch verletzt gefühlt, dass Fromer in Wiederholung eines halbwahren Gemeinplatzes die Uebersetzung des Talmuds für eine Unmöglichkeit erklärt hat? Wahr ist daran nur eines, dass der Uebersetzer die im Urtexte fehlenden Ueberleitungen und Bindeglieder zwischenSatz und Satz, zwischen Gedanken und Gedanken nicht einschieben darf — dass mag er in Anmerkungen mit Raschis Worten tun — dass damit ein grosser Reiz dem Talmud verloren geht, den die alttalmudische Erörterung ihm zu verleihen wusste. Nun, hat die ״sinngemässe Uebersetzung“ trotz des von Fromer gebrachten Raschifetzens etwas daran gebessert und nimmt sich die Goldschmidtsche Uebertragung nicht dem Fromer’schen Versuch gegenüber wie das vollkommene Gefäss dem ersten Lehmversuch gegenüber aus? Das Alles hat ein solches Vorgehen Goldschmidts gegen Fromler nicht veranlassen dürfen. Alles verstehen heisst alles verzeihen. Goldschmidt fragt mit Recht: Wie hat eine solche Beeinflussung von Gelehrten vor sich gehen können? Ich antworte: Fromer hat sich überschätzt, indem er an sich geglaubt hat. Sonst hätte er nicht so harmlos den Spott gegen sich entfesselt. Was^ steht auf dem Deckel? ״Der Organismus des Judeutums.“ Wenn man das Titelblatt nach vorne ruckt, ebenso Vorwort und Inhalt (der Buchbinder hat es wohl irrtümlich hinter S. 16 gesetzt), so findet man als Hauptbezeichnung ״Der babylonische Talmud zur Herstellung einer Real• keftkordanz vokalisiert, übersetzt und signiert.“ Einleitung: ״Der Organismus des Judentums.“ So. Auf dem Umschlag musste also oben ״Der babylonische Talmud“ etc. schweben, um den ״Organismus“ als Unterabteilung zu kennzeichneu. Den Plan zu seiner Realkonkordanz hat Fromer auch in seinem ״vom Ghetto zur modernen Kultur abgedruckt; sollte er־ nicht hier, im Plane der Realkonkordanz, auch sein ״vom Ghetto zur modernen Kultur“ wiedergeben? Er greift da etwas weit zurück. Zum biblichen Judentum; ja bis zu den Patriarchen. Dass die Hebräer einmal nach Kanaan gekommen sind, ersieht Fromer aus den sonst sich so sehr widersprechenden biblischen Quellenschriften. ״Setzen wir die biblische Erzählung von der Ein- und Auswanderung aus Egypten als wahr voraus,“ so sind die Hebräer als Halbnomaden in Kanaan ״zur Agrikultur übergegangen.“ Kap. 1: Nomdenp.eriode,“ A. ״Wesens- und Einflusslinie.״ B. ״Charakterlinie.“ Das sieht sehr ״gradlinig“ aus. Er kennzeichnet den Nomaden in seiner Kampfeslust und Gastlickeit, in seiner Mondverehrung. ״Durch eine urts unbekannte Ursache ist in dem nomadisierenden Hebräer eine Sehnsucht nach der Agrikultur rege geworden.“ Der Patriarch mit seinen Licht- und Schattenseiten ist ״der Fromme“; Esau (und wahrscheinlich Imael) ist der Unfromme, (das muss uns Fromer in der Bibel erst nachweisen. Erst in der herodianischen Zeit ist die Formel ״Esau-Rom“ entstanden.

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