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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 3. (1909) · p. Seite 116

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 3. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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— 116 — Nicht wahr? Ein ganz Anderer ist der westpreussische Knabe, der seinen Gemeindebrauch als bindend für ganz Israel ansieht, ein Anderer derjenige, der später alle diese Verschiedenheiten bemerkt, sodass die Frage der M i n h a g i m sich schliesslich verliert vor der Frage nach der Verschiedenheit des Letirens und der zugrunde liegenden Ansichten. Gewiss, er ist ein Anderer. Er hat innerlich mehr erlebt, mit jeder Einzelheit, die das Kind anders geübt hat, sind unzählige Eindrücke verbunden, die auf alle Teile der jüdischen Geschichte weisen, jede Einzelheit ist ihm mehr an’s Herz gewachsen, als dem Harmlosen, der sich das nicht träumen lässt, für den also der einzelne Minhag weit weniger Bedeutung haben musste. Wie es bei dem Versuche hergegangen ist, diese verschiedenen Bräuche auf verschiedene Quellen zurückzuführen, werden wir weiter sehen. (Fortsetzung folgt.) Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie Uon Rabbiner Dr. Kroner, Oberdorf. (Schluss) Bei der Würdigung des ,,Halsschmuckes“ S. 435 kommt St. auch auf die Urim und Thumim der Hohenpriester zu reden. Er legt ihnen unter Berufung auf einige Erklärer die Bedeutung eines hieratischmystischen Orakelapparates bei und bringt zum Schlüsse eine Analogie zu einer von Diodor geschilderten, mit dem Bilde der äJ.jj&eia versehenen Kette eines altägyptischen Richterobersten, die derselbe beim Beginn der Gerichtssitzung anlegte. Es ist ohne Weiteres zuzugeben, dass die Institution der Urim und Thumim mit dem Geheimnis einer höheren Inspiration, die vom Allerheiligsten aus Gestalt und Inhalt empfing, umkleidet war, jedoch haben Bibel und Talmud dem mystischen Gewände gleich den Kern des Realen eingegeben, indem beide den Nachdruck darauf legen, dass die ״Offenbarung und die Wahrheit“ aus der geistigen und seelischen Potenz des befragten Priesters Wessen sollte. Zweimal betont die Bibel, dass das ״Herz“ die Grundlage jenes Rechtssc'niides sei, und Joma 73 b in Übereinstimmung mit Maim. ’s Kommentar dazu sagt ausdrücklich: Nur der Priester dürfe befragt werden, der ein geistig hervorragender, tief religiöser, prophetisch weitschauender Mann ist. Der Vergleich mit der altj&tia der Aegypter erinnert eher an das Symbol der Justitia für ausgesprochene Gerichtszwecke. Verschiedene Irrtümer sind. St. bei der Besprechung der ״Besclmeidung üei Israeliten“ unterlaufen. Es ist unrichtig, dass an Sabbaten und Festtagen keine Beschneidung stattfinden darf, ferner ist es nicht ganz richtig, dass stets der Rabbiner der ausführende Operateur ist. Die Behauptung, dass die Operation selbst in roher Weise vorgenommen wird und den Regeln der Chirurgie und Hygiene keineswegs entspricht, ist ein Vorwurf, der wohl vor mehreren Decennien ein gewisses Recht hatte* Die Fortschritte der antiseptischen Wundbehandlung sind jedoch in den meisten Kulturstaaten seit vielen Jahren auch für die .Beschneidung unentbehrlich geworden, die daher meistens auch in Gegenwart eines Arztes stattfindet, ln Württemberg z. B. ist der Arzt amtlich befohlen, und steht der operierende Mohel, der ein amtsphysikalisches Zeugnis seiner Befähigung nachzuweisen hat, unter ständiger Aufsicht des Oberamtes. Auch hier ist wieder einmal nach St.’s Ansicht die ganze Institution auf ägyptischen Vorbildern aufgebaut! Dabei führt St. selbst S. 500 die Stelle Josua V 9 an, wonach doch die Vornahme der Circumcisio in deutlichem, ja schneidenden Gegensatz zum ägyptischen Denken gesetzt wird. Auch Eliesers (nach Hirsch Gersons) Beschneidung kurz vor dem Beginn der religiös-kulturellen Tätigkeit Moses auf ägyptischem Boden macht ganz den Eindruck eines tendenziösen Kontrastes. Ganz besonders sei aber noch der midraschischen Deutung des Verses 1 B. M. 42, 55 (Midr. rabba 91) erwähnt, welche die den ersten nachchristl. Jahrhunderten herrschende Ansicht von dem gänzlichen Fehlen der Circumcisio in Egypten widerspiegelt. Auch in dem Kapitel ״Tanz aus Exstase“ S. 598 ist ein Irrtum zu verzeichnen, indem St. von den! tanzenden König David ausgehend prinzipiell eine religiöse Exstase feststellen will: ״Das von David gegebene Beispiel wirkte auch noch in weit späteren Zeiten im Ritual der Juden und Abessinier nach. Gemäss einer Vorschrift muss der jüdische Vorleser und Ausleger der heiligen Bücher um den in der Mitte der Synagoge befindlichen Lesestuhl herumgehen und mit dem Gesetz im Arm tanzen.“ Eine solche Vorschrift existiert in Wirklichkeit nicht. Es ist hier wohl an das mit Tanzbewegung verbundene < Tragen der Thorarollen am Feste der Thorafreude gedacht, bei der aber von Exstase keine Spur zu finden ist, sondern die reine, natürliche Freude an der himmlischen Gabe des Gesetzes einen menschliehen Ausdruck finden soll. Auch für den Tanz Davids ist das die einfachste und textlich ,auch haltbare Lösung. Ein kultueller und zugleich exstatische Formen annehmender Tanz dürfte nur der an <Jem Wasserschöpfefest (Succa 4,5) aufgeführte Fackelreigen der Chassidim genannt werden, der aber mit Musikbegleitung der Leviten verbunden, nur der elementaren Freude an der segenspendenden Fülle des Wassers einen mehr volksfestlichen Charakter verleihen wollte. Eine eingehende Besprechung widmet St. den ״Kdeschim der Bibel“, die er scheinbar als eine *auch in Israel feststehende hieratische Form der Tempelprostitution betrachtet. Seine Beweisstützen * Doch muss bemerkt werden, dass sowohl der Talmud Sabbath 133 a—135 a, wie auch die Codizes eine Fülle gesundheitlicher Vorsichtsmassregeln angeben, welche nach dem damaligen Maßstab gemessen wohl eine grosse Sorgfalt Für das Leben des Kindes zeigen. (Bern. d. Red.)

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