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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 3. (1909) · p. Seite 115

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 3. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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— 115 Wenn ich nun aber blos wenige Orte weiter mich der Elbe näherte, da hatte ich sofort ״Minhag Polen“ und mit ihm genau und In allen Gemeinden der einen Seite das e jemge, bracht was hat. mich zu vielen Forschungen, sicher alle Einzelheiten, die ich in Aschkenas vermisst hatte, i n e, in allen Gemeinden der anderen Seite das andere! Diese Empfindungen, dies Heinjweh hatte für mich, wie ich später erkannte, einen grossen Wert. Ich möchte heute ja nicht, daas dajs etwa anders sollte gewesen sein. Es war wohl gerade das- ” und gerade zu den wichtigsten in meinem Leben ge- Woher die Sicherheit, mit welcher diese Landstriche eine Fülle von sonderbaren und nicht leicht im Gedächtnis zu haltenden Einzelheiten bewahrten, sie ausführten, bei irgendwelchem Abweichen auf diese Ausführung hielten? Ich muss sagen, ich begann das Judentum doppelt darum zu lieben, als ich erst merkte, dass diesen Verschiedenheiten der Form wohl auch manche Verschiedenheiten des Landes und der Leute zu Grunde lagen, dass die Grundempfindung auf beiden Seiten die gleiche war. Ich merkte das sogar aus all den Aeusserungen gutmütigen Spottes heraus, mit denen Aschkenasim und Polen (Polen nur bezüglich des Minhag, denn mar befand sich mitten in Deutschland) sich gelegentlich bedachten. Wir hatten zuhause bisher sehr viel den Seder Nesikin gelernt» ausserdem etwa noch Traktate wie Chullin, Pesachim, Sabbath — nun war ich begierig auf Massechthoth wie Berakhoth, Roschhaschanah, Megillah — die Minhagim haben mir diese vorher vernachlässigten Gegenstände nahegelegt. Damals war ich in Westfalen, und ich sehe mich noch umgeben von den uralten Gemoros, die ich mir zu dem Zwecke gekauft hatte. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen! Jede Stelle der Kerngebete erhielt einen besonderen Wert, sie führte m ch von der Gegenwart in eine graue Vergangenheit zurück — ich ersah daraus, was Israel gemeinsam war, was in Israel gewisse Wandlungen erlebt hatte, aber im Grunde doch sich selbst getreu geblieben war. Welche Glücksempfindungen erfüllten mich bei diesen Dingen, die mit der Kraft des Neuen auf mich wirkten! Man kann sich also gleich bleiben, kann unerschütterlich beharren auf dem Boden des Gegebenen, und trotzdem verwandelt man sich, trotzdem verleiht man dem Ueberkommenen neue Reize, es drängen sich aus der Rinde des alten Baumes neue Sprossen hervor, ich erkenne an ihm die Spuren all der Zeitalter, die er schon erlebt. Wie lieb wurden mir nun die Minhagim! Ich hätte keinen Ton, wie er hüben und drüben meinjonoh war, missen mögen — es erschien mir alles so sprechend, so bezeichnend, dass ich mir selbst alle diese ״Nigunim“ aneignete und mir möglichst viele altjudische Gebet- und Andachtsbücher besorgte. Ganz besonders auch die der Sefardin. ״ Wie musste ich nnn darnach streben, Zunz’sche und Edelmannsche Werke in die Hände zu bekommen! Der frühen Kenntnis der Mir hagim habe ich den Zug für jüdische Literatur zu verdanken, während ich mich sonst vielleicht nach Seite der Alten, der Griechen und Römer a 11 e i n gewandt hätte. Ich glaubte-nun, die Unterschiede hörten hier auf, sie beträfen das rein gottesdienstliehe Leben. Wie sollten sie sich aber an das Speisegesetz und an seine Ausläufer, wie an das Ehegesetz heranwagen? Wie sollte das Gsbiet des Choschen Mischpat, des Mein und Dein, davon er- »griffen werden? Die heftige Begierde, darüber Klarheit zu gewinnen, trieb mich nun von Berakhoth fort, und ich griff zu den früheren, umfassenderen :almudischen Gegenständen zurück, allerdings auch zu den Bänden des Tur und Schulchan arukh, die dabei zuständig waren. Und was fand ich da? Das Los Ösen der סירבא ist bei den Sefardin verboten, ebenso, wie es bezüglich der בועא eine Fülle Erschwerungen bei ihnen gibt. Die Bedikah des ד.מפפ וביתהבופות Ist in einigen Gegenden pflichtmässig, in ande־en Gegenden wird sie für unnötig gehalten. Die Gemeinde Toledo hat gewtsse Sonderbestimmungen über die Auszahlung der Kethubah bei grossem Umfang der־ selben — ja, noch mehr, Alfassi hält beim עטר הקנאה den קניין für nötig, Serachja und Abraham ben David halten die Bedikah des Messers na:h dem Schlachten für nicht bindend — bei genauerem Eindringen stellt sich heraus, dass es innerhalb der Aschkenasim und Sefardim selbst so und soviele Minhagim, innerhalb der grossen Talmudlehrer einer und derselben Schule die grössten Meinungs- Verschiedenheiten gibt, von denen man an nehmen muss, dass sie auf den Brauch eingewirkt haben. Gehen wir von den entscheidenden Gesetzbüchern zu den nachtalmudischen über, so verschärfen sich die Gegensätze, indem die Scheelthoth z. B. das Chamez am Pesach gegen 60 aufgehen lassen, die Halakhoth gedoloth führen die בועה בשיפולי als Verbot an, wovon sich im Talmud nichts findet. Wir bemerken in diesen Werken die grosse Mühe, zu einer Entscheidung zu gelangen. (Ich zähle die Dinge nach der Reihenfolge auf, wie tie mir zum Bewusstsein gekommen.) Kommen wir zum Talmud sei bst zurück, so finden wir bei ihm verhältnismässig wenige feste Entscheidungen, zumeist dagegen unerledigte Satzungen, Gegensätze nicht nur der Schulen, sondern des פתפנמרא selbst, und das verschärft sich, iemehr man zu den Alten zurückgeht; in den Tagen der Mischna häufen sich die Verschiedenheiten der glei:hen Halakhagebiete umso mehr, als es so und soviele gleichberechtigte Mischnasammluugen gegeben hat. Diesen Sammlungen ist die Anordnueg des ßtoffes^gemeinsam aber sonst, was die Satzungen selbst anbelangt, herrscht die bunteste Freiheit unter ihnen. Die Bibel, die Thora steht als Glaubensquelle ehrwürdig fest, aber die Deutung der Schrift, wie sie uns selbst vorliegt, ist so vielgestaltig, dass es einer grossen Gedächtniskraft und eines ungeheuren geistigen Ueberblickes bedarf, um den Stoff nur un fassen, geschweige denn verarbeiten und gestalten zu können.

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