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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 3. (1909) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 3. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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— 114 Und die Königsdramen enden auch nicht verzweiflungsvoll, soviel des Entsetzlichen sie in sich enthalten haben. Schlimm ist besonders die Kette von planvollen Gräueltaten, die uns Richard III. zeigt. Es verketten sich die Dinge im Denkergeiste dieses missgestalteten Unholdes zu einem Netze, in welchem sich alles fangen muss — an Widerstand, an ein Entkommen ist nicht zu denken. Da lichtet sich plötzlich das Dunkel, Richmond tritt hervor, Richard muss um sein Königsrecht kämpfen, und so unterliegt er in der Schlacht bei Bosworth; ausdrücklich kündigt Richmond zum Schlüsse als Heinrich VII. das Eintreten besserer Zeiten an, wie man sie am Schlüsse der Königsbücher ahnt. Aber Shakespeare lässt, es nicht dabei — er führt uns in Heinrich VIII. eine Schlusshandlung vor, die, wie der Namen des Helden beweist, sicher nicht das vollendete Glück Englands schildern kann, aber, wie in den Esrabüchern sind es Triebe, die unter den ungünstigsten Umständen einer besseren Zeit engegentreiben. Das lieben unsere Neuesten nicht. Das würden sie hausbacken nennen. Trüb in trüb muss die Sache enden, oder sie endet gar nicht, sie reisst ab! Der Leser oder Zuschauer mag sich das Schlimme^s e 1 b s t ausmalen, was da kommen kann. So wird der Sinn am Schlüsse auf die Missklänge im Dasein gerichtet, und so sieht das Ergebnis des Ganzen aus. Das hängt mit der trübseligen Weltanschauung zusammen, die wieder aus den übermässig gesteigerten Glücksansprüchen des Einzelnen hervorgeht und die Pflichtansprüche der Gemeinschaft auf ein Nichts zusammenschrumpfen lässt. Der Wahrheit, die doch dargestellt werden soll, entspricht das aber nicht, denn die Geschichte zeigt uns trotz alledem ein beständiges Weiterschreiten, ein sich Emporringen der niedergetretenen Zeit־ alter, ein Fortdauern der sittlichen Pflichten und ihrer Anerkennung. Mögen wir nicht gering denken über den Geist der Bibel und des Judentums, mögen wir uns nicht müde abkehren vom Bilde des fortschreitenden Menschentums, vom Pfiichtgedankeu — wir haben als Juden wahrlich noch nicht viel genossen, noch nicht viel Machtbewusstsein zeigen können, um die hohen Güter des Guten so übersättigt von uns zu werfen. Gewiss, ernst und nicht schmeichelnd’ist eine solche Welt- und Pflichtanschauung, aber sie ermöglicht dem Einzelnen doch die Betätigung, wenn sie auch vor dem schrankenlosen sich Ausleben warnt; denn wer sich austobt, der lebt ni Cut 1״chr, Liud wir werden, wir müssen leben. Und dass die Bibel damit im Rechte ist, das zeigt uns der Dichter, ddr nicht zu den Hausbackenen gehört, den man, wie die Bibel, lange Zeit missachten konnte, zu dem man aber, um sich zu verjüngen, zurückkehren musste — das zeigt uns Shakespeare! Lernen wir durch solchen Vergleich unsere eigenen Bücher schätzen! Minhag• und Halakha. (Forts״״*־® Meine Kindheit habe ich im Osten verlebt. Wenn ich da an den Bussiesten in ein Machsor blickte, wenn ich in den Selichoth und Piutim des Versöhnungstages stets ״Vorbeter“ und ״Gemeinde“ wechselseitig hingedruckt sah, trotzdem aber der Vorbeter sich erst am Ende rührte; wenn das אאפיד dem Vorbeter zugewiesen. ja, wenn die Melodie dieses Stückes auf andere übertragen wurde und ich in unserer westpreussischengemeinde weder von einer Melodie, noch von einem Vor beter etwas hörte; wenn über dem einen ״ אל ארך אפהMinhag Polen“, über dem anderen ״Minhag Aschkenas“ stand und wir tFOtzdem beide Stücke sprechen — da kam ich auf den Gedanken: Solche Dinge werdennur gedruckt, um nicht beachtet zu werden, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass trotz der Angaben im ויתך7ך man irgendwo die für den Minhag Aschkenas auszuscheidenden Stücke wirklich ausschiede. Als ich nun m noch jungen Jahren wirklich nach Aschkenas kam, war ich sehr erstaunt, als man tatsächlich das דיתן. לך nur zur Hälfte sagte, und ich muss gestehen, noch viel mehr, als man beim Ausheben der Thora das שמע und den בריך שמיה fortliess, ja, als jdder Aufgerufene sofort das Almemor verliess, nachdem er die zweite Brocho gesprochen, statt dort zu stehen und zu warten, bis sein Nachfolger das Gleiche getan. Ich glaubte, je ehrwürdiger die gottesdienstliche Handlung, desto gleichartiger in ganz Israel. *Und was ist wichtiger, als Keriath Hathora! Was aber erscheint dem Juden bedeutender, als die zehn Busstage und AljMrM’as damit zusammenhängt! Roschhaschana und Jomkippur werden doch sicher kein anderes GesicnF zeigen! Und siehe da! Die Selichoth selbst zeigten mir grosse Unterschiede (ich wusste noch mefity pass sie selbst im gleichen Minhagreiche sich sehr von einander unterscheiden), und am Roschhaschana war ich vollkommen fassungslos, als ich zu dem Sichronoth nur תש׳ת und zu den Schofroth hur תר״ת blasen hörte. Und mir hatten die drei Volllinien תשר׳ת immer so sehr zugesagt! Also auch an den S c h o f a r wagt sich der Minhag heran! Und am Jomkippur, da ich mich beim Mussafgebete auf den Nesanneh Taukef richtete, da war ich furchtbar enttäuscht, statt dessen einen grossen Silluk zu finden — es war mir mit einem Mal so wochentäglich zu Mute, wie am zweiten Tage Roschhaschana, wo ich beim Beginne des Mussaf die Festtagsmelodie entbehrte! Mir fehlte ausserdem ein gewisses Etwas. Man hatte es bei uns zuhause Hisoraros genannt, es machte sich in wehmütigen, aber tief wirksamen Tonweisen geltend — hier aber schien mir sogar das Bekannteste verwandelt. Dieses Hisoraros, es fehlte mir selbst in den täglichen Gebeten, bei der Thoraverlesung, bei der Haftara, besonders aber beim אאפיד, den ich ja nun zu hören bekam, beim Sündenbekenntnis על חמא, das garnicht reuevoll und sehr zuversichtig klang — mit einem Worte: Mir fehlte mein Minhag überall. /

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