Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 2. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
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— 110 — losen Zustande ankomtnen, ein grosses Kontingent Ihnen nach Möglichkeit zu helfen, hat sich der ״jüd. Volksverein“, dessen segensreiche Tätigkeit uns hier eingehend geschildert wird, zur Hauptaufgabe gemacht — Diese Bestrebungen durch tätige Mithilfe fördern, wäre ein verdienstvolles Werk für viele unserer Frauen ־und Mädchen; denn, wo es gilt, die Armen in zarter Weise zu unterstützen, den Hungernden Nahrung zukommen zu lassen, die Bedürftigen zu kleiden und die Kranken zu besuchen — wer wäretür diese Aus- Übung von Wohltaten (גמילות חסדים) wohl geeigneter, als das judisdhe Weib! An jedes einzelne ergent darum der Ruf, die freien Stunden nicht allein den oberflächlichen Vergnügungen zu widmen, sondern diese Zeit — und sei es auch-nur eine Stunde wöchentlich — mit nutzbringender Arbeit für die Armen und Elenden in unserm Volke auszufüllen. — Nicht durch Geldmittel allein, welche vielfach ohne jeden Herzensanteil, häufig nur widerwillig den Wohlfahrtsbestrebnngen zur Verfügung gestellt werden, ist hier zu helfen, sondern jeder nehme nicht nur an dem Wohl, sondern auch an dem Wehe unseres Volkes praktischen Anteil -und ■ somit an der zu leistenden tätigen Arbeit für dasselbe. Jegliche Arbeitsenergie, die in uneigennütziger Weise für diese soziale Hilfsarbeit zur Verfügung gestellt wird, ispwillkommen I Man kann durch Rat und Tat, durch Darbietung körperlicher und geistiger Nahrung für diejenigen unserer Volksgenossen, die durch eine missliche Wirtschaftliehe Lage dieser Dinge z. T. entraten mussten, viel Gutes tün; jeglicher gebe nach seinem Vermögen, in welcher Form es auch sei I Die Schrift Noemi Banetbs ist darauf angelegt, von vielen edlen Frauen und Mädchen unseres Volkes gelesen, empfunden und befolgt zu werden. Begeisterung ruft Begeisterung hervor. So wird der von reiner Menschenliebe durchwehte Vortrag Noemi Baneths seinen Zweck erreicht haben. י Llli Frank Ueber biblische Metrik. (Fortsetzung.) So fällt unser Auge nun auf: J. Wilhelm Rothstein, Grundzüge des hebräi« sehen Rhytmns und seiner Formenbildung nebst lyrischen Texten mit kritischem Kommentar. VIII und 379 S. Leipzig, Hinrichs, 12,40 Mk., geb. 13,40 Mk. Rothstein erkennt nach vielen Misserfolgen Sievers’ Arbeiten als Siege auf dem Wege an, wenn ihn auch manches von ihm trennt und tr nicht, wie viele heutige Forscher, Alles von ihm unbesehen annimmt. Nach ihm hält sich Sievers zu sehr an die überlieferten Texte, die nach Rothstein doch zu Gunsten einer gesunden Verslehre der Umwandlung bedürfen. In unzweifelhaft dichterischen Stellen ist immer eine Reihe regelmässig gebauter Sätze übrig geblieben, deren Bau nicht dem Zufall zuzuschreiben ist. Dabei ist von Erzeugnissen der Erzählungskunst abzusehen, ebenso von Stellen bloss gehobener Rede, die doch nicht Dichtung sind. Zuerst werde das reine Lied betrachtet. Vor der Betrachtung hält Verfasser eine Textesfeststellung für notwendig; alle uns bekannten Möglichkeiten der Textesverderbnis müssen herangezogen werden, um gereinigte Stücke zu erzielen und das Ursprüngliche von dem Späteren zu unterscheiden. Kaum ein Lied ist ganz unversehrt erhalten. Spätere Anschauungen, die Not• wendigkeit des Gemeindegebrauchs beim Gottesdienst und noch andere Rücksichten machten zeitgemässe Behandlungen älterer Lieder bei den Sammlern selbst nötig. Die Dichter und Bearbriter waren nicht immer gleich bedeutend und fähig, um die Urgestalt möglichst zu schonen und in ihrer Schönheit erkennbar zu machen. Vf. unterscheidet die Zusätze der Sammler von denen welche fromme Leser aus eigenen Gefühlen heraus gemacht haben; auch durch spatere Herausgeber ist Verderbnis schlechtweg hervorgerufen. Indem man die MaBe dieser Fremdkörper erforscht, erkennt man die Art und Weise, wie Liederbücher entstehen. Die Zusätze scheinen Rothstein zumeist minderwertig im Vergleich zu den Urbestandteilen. Die Erforschung der Strophengesetze hat Vf. auch zusammengesetztere dichterische Gebilde erkennen lassen. Rhvtmus ist die Seele des hebräischen Verses, nicht ein Metrum. Der Hochton bildet den Takt, im Bereich der Senkungen herrscht Freiheit; doch ist der Vers der gewöhnlichen Rede gegenüber als gebunden zu betrachten. Der Rhythmus ist anapästisch, also aufsteigend, was vielfach selbst bei Segolataformen zu beachten ist, ebenso beim Construktus, wo auch das zweite Wort massgebend ist, es sei denn, dass jedes der beiden Worte Beachtung verdiente. Auch andere Wortgruppen werden zur Verseinheit, wenn ihre Glieder dem Sinne nach zu einander gehören. Zusammenstoss zweier Hochtöne macht zumeist, aber nicht immer, Verschiebung des Hochtones notwendig. Das Mass der Senkungen darf die Vorsilben nicht überschreiten. Ausnahmen gibt Vf. der masoretischen Betonung Schuld oder vermutet dort Zusätze. Unendliche Abwechslung ist in der Benutzung dieser Senkungsregel dem Dichter ermöglicht, bis zur blossen Sprecnpause zwischen den Hochtönen. Ein Bedürfnis nach Gleichmässigkeit hierin zeigt sich nur innerhalb einer Strophe. Den Aufstieg zum ersten Hochton, der Verseingang, bildet oft nur eine Senkung oder deren zwei, selten erreicht man 1 hier das Maß dreier Senkuugen. Diese Aufstiege sind in | einem Liede zumeist einander gleich; das Gesetz gilt aber | nur für die erste Halbzeile. Pausalaussprache nimmt Vf. ן im Verse nicht an. Vokalische Suffixe erfordern so wenig! Pausalaussprache, dass sie oft, derselben scheinbar folgend, ן fast ganz abgeschliffen werden. I Die Verszeile ist die rhytmische Einheit. Satzende I und Verszeile fällt zusammen. Die Zeile ist zweigliedrig, | mit allen Gesetzen des Parallellismus begabt. Weitere Ein- 1 schnitte der Verszeile haben lediglich rhytmischen, keinen i satzlichen Wert. Die Verszeile kann zwei oder drei j Hebungen haben, wobei die Glieder entweder gleichhebig (3 + 3) oder ungleichhebig (3 -+ 2) sind. Zweigliedrig ist j auch 4 (nämlich 2 + 2) + 3, wie 4 (=2 + 2) + 2. Durch 1 einen Nachhall entsteht auch Dreigliedrigkeit: 3 + 3 + 2, 3 + 2 + 2. Mischzeilen gibt es im r.einen Liede nicht. Die strophische Hauptform sind zwei Verszeilen, die gleich den Halbzeilen nach Gedanken und Gefühl zu einander passen. In grösseren Gedichten entstehen grössere Strophengebilde, die aber gedanklich als Sondereinheiten erkannt werden müssen. Die Kehrverslieder enthalten kunstvolle Strophengebilde. Wie Verszeilen, so | können auch Strophen dreigliedrig sein. — Dem Ausdrucke! nach sei die Verszeile knapp; Verschlingungen der Begriffe | und Worte bilden mit ihren Schmuck. Stabreim, Gleich- ■ klang, Lautmalerei und andere Mittel dienen dazu, die Aus- [ drucksfähigkett der Dichtung zu steigern. 1 . Diese Darlegungen lassen uns bei aller Bescheidenheit des Vf.’s doch viel erwarten. Betrachten wir vor allem seine Behandlung von Psalmen, in denen man strophische Anlage und darauf gegründeten einheitlichen Wurf des Ganzen von jeher bemerkt hat. Ps. 107 ist immer wegen seiner Regelmässigkeit in der Anordnung des Inhalts und im Strophenbau bewundert worden. 1—3 sollen die aus der Verbannung zurückgekehrten Gefangenen Gott preisen, 4—9 sind sie durch Wüsten gewandert, von 10—16 waren sie in Kerkern, 17—22 in schwerer Krankheit, 23—32 im Seesturm, und stets ״riefen sie zu Gott und er rettete sie“ und stets ״dankten sie Gott für seine Gnade und für seine Wunder“, und auf die Zeile יודו etc. folgt jedesmal ein Nachsatz. Von 33—43 zeigt sich Gottes umwandelnde Macht, durch welche die Länder und die Verhältnisse der Menschen andere werden können, sodass die neue junge Gemeinde trotz der Schwierigkeiten ihrer Lage auf eine Zukunft hoffen kann. i In diesem Psalm streicht Rothstein die Gefangenen I v. 10 ff., die schwer Kranken v. 17 ff., die Seefahrer v. 23 ff-, und den tröstlichen Nachsatz von 33 ff., sodass alles geschwunden ist, was dem Psalm seine Eigentümlichkeit gefl i; strichen hat, dann darf der Kühnste ihn nicht übertrefFen wollen. Uns scheint, dass die Notwendigkeit, Zweizeiler herauszubekommen, Vf. bei diesen Streichungen die Hand 1 geführt hat. Darum muss 3 fallen, woraus man früher den I geschichtlichen Hintergrund des Psalms gefolgert hat,