Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 2. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-8773722-8773532--3815-4858875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
109 — die Schuld seiner Eltern dem Tode verfall in, ein edles Opfer der Gerechtigkeit - So Ion hätte den Knaben glücklich gepriesen. Aber konnten seine Eltern noch glücklich sein? Jeder Blick auf den unfähigen Nadab, der ihnen geblieben, muss den Schmerz um den verstorbenen Liebling erneuern, muss ihnen auch sagen, dass, was sie selbst geschaffen, durch Nadab vernichtet werden wird. So Hesse sich der Tod des edlen Abia im Trauerspiel verwenden, und ohne jeden Zwang wäre die tragische Schuld da, sie läge in dem notwendigen Zusammenstoss zwischen einem edeln Menschenherzen und den trostlosen und unerbittlichen Verhältnissen, die aus dem Verbrechen des Kronraubes sich herausstellen mussten. Woher wir es wissen können, dass Shakespeare die Geschichte Jerobeams so behandelt hätte? Aus den Königsdramen. Haben wir in Bolingbroke, in Heinrich IV. das Gegenbild Jerobeams erkannt, so ist das herbe Schicksal des Einen, des Jerobeam, dem andern auch nicht erspart geblieben. Man wird diese unsere Ansichi nicht verstehen. Dort ein sterbender Königssohn, und hier, in Heinrich IV., ein kraftstrotzender Prinz von Wales, das Urbild unseres Karl Heinz, ein Prinz, der den Ruhm Shakespeare’s und Englands selbst ausmachte? Dort Abia auf dem Krankenlager, und hier der junge Heinrich in Londoner Kneipen, auf dem Schlachtfelde, auf dem Throne? Gewiss, gerade aus diesen Un ständen haben wir unsere Folgerungen gezogen. Wie bei Jerobeam, so wird auch in Heinrich IV. uts trotz des glänzenden Scheins ein unglücklicher König gezeigt. Heinrich IV. ist unermüdlich tätig, stets bedacht, seine zahlreichen Gegner niederzuhalten, durch welche Mittel auch immer. Sein Sohn Pr nz Johann arbeitet in des Vaters Namen mit Wortbruch und Mord, und alles geht in anständigster und trockenster Form vor sich. Aber der Dichter lässt uns nachts in den Palast treten, der König tritt uns in Nachtkleide entgegen, nicht der Heinrich des Staatsräts. und des Schlachtfeldes, nein, ein gebrochener Mann. Er kann den Schlaf nicht finden, der den geringsten Arbeiter aufsucht, der den Matrosen im Mastkorbe im Sturme wiegt und nur vor der Majestät zurückweicht! Also das Kainszeichen fehlt diesem scheinbar nie erschütterten, nie verlegenen Herrscher nicht! Und noch mehr! Glauben wir, nur des heiteren Gegensatzes wegen hätte Shakespeare die Auftritte des wilden Prinzen mit seinem ernsten geschichtlichen Schauspiel verbunden? Es ist wahr, sie ,haben uns die oft sehr trockenen Staatshandlungen zu ertragen erleichtert, und es hat uns sehr befriedigt, wenn der Ernst und die Hoheit der Landesväter in Falstaff und seinen Genossen ein ergötzliches Gegengewicht gefunden hat. Aber liegt nichteine gewisse Absichtlichkeit darin, dass Shakespeare vier Stücke hindurch uns den Prinzen und König Heinrich vorführt? Schon in Richard II. hören wir die Klagen Bolingbroke’s über seinen wilden Sohn, der mit dem geringsten Gesindel alle Kneipen, alle niederen Lustbarkeiten Londons mit seirer Gegenwart beehrt, nur im Staatsrate nicht zu finden ist. Weshalb nehmen wir aber mit so grossem Wohlgefallen zehn Akte hindurch an diesen Lügen und Unkindlichkeiten teil? Weshalb ergötzt uns dieser Uebermut so? Weil wir fühlen, dass dieser Prinz am Hofe seines Vaters nicht am Platze ist. Prinz Johann, sein jüngerer Bruder, mag an diesem steifleinenen Hofe mit seiner Lebenslüge und seinem Wortbruche sein Glück finden —־• Prinz Heinrich ist dazu zu wahrhaft! Er ergötzt sich lieber an Falstaffs handgreiflichen Aufschneidereien von den steifleinenen Kerlen, er überlässt diesem Falstc ff lieber den Ruhm einer grossen Heldentat, den Ruhm, Percy getötet zu haben, als dass er sein Gesicht in höfische Falten legte und als achtbares Mitglied des Staatsrats seinen Senf mit dazu gäbe. Der Sohn Jerobeams kann so wenig mit seinen Eltern empfinden, wie der Sohn Bolingbrokes. Aber Heinrich legt sich nicht aufs Sterbelager, sondern scheinbar lieber aufs Lotterbette, um seine bessere Natur zu retten. Weshalb er’s tut, das weiss er selbst nicht, wenn er uns von seinem dereinstigen Aufgange als Herrschersonne aus den Wolken erzählt. Und Bolingbroke versteht seinen Sohn nicht. Er sieht sein Lebenswerk durch ihn gefährdet, ja, er sieht ihn als seinen Gegner an, der unkindlich auf sein Ende wartet und schon \ or dem Tode des Vaters gern den Schmuck der Krone tragen möchte. Erst zuletzt lernt er den Sohr verstehen und sieht die grosse Zukunft Englands in ihm voraus. Rein bleiben musste Abia und sich opfern; rein bleiben vom Truge des Vaters musste Prinz Heinrich und seine Jugend durchtoben. Wer wollte nun kleinmeisterlich fragen, ob die Sünden der Eltern ihre Vergeltung gefunden? Jerobeam und seine Königin, die einen Abia verloren haben, können nie mehr wahrhaft froh werden; und wer wollte, wenn die Bewahrung des inneren Glückes massgebend ist, Heinrich Bolingbroke um sein in Kämpfen und mangelnder Befriedigung verbrachtes Leben Beneiden? Nur aus dem Edelsinn wächst Glück empor, ja Tugend selbst ist Glück; aus der Lüge kann nichts Gutes kommen: Das lehren durch das Schicksal Jerobeams und Bolingbrokes die Bibel, wie Shakespeare. (Schluss folgt). Besprechungen totale fflüsarfelt der modernen Hin Vortrag von Noemi Baneth 1907 Louis Lamm, Berlin Vorliegender Vortrag ist der begeisterte Au! edlen Tochter in Israel an die Mitschwestern ihres Verl 1 Jüdin g von .fi uf einer Volkes. Mit beredten Worten weist Noemi Baneth zunächst auf das grosse Gebiet der socialen Hilfsarbeit, das der jüdischen e~״. innerhalb ihres eigenen Volkes obliegt. Es kann F, nicht oft genug darauf aufmerksam gemacht werden, wie verkehrt es ist, der allgemeinen Menschheit helfen zu wollen, und hierüber das Elend und das Proletariat des eigenen Volkes zu vergessen. — In letzterem stellen die russischen Juden, die auf der Durchreise hier häufig in einem trost- 1