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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 2. (1909) · p. Seite 108

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 2. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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108 — ein auch nur einigermassen geübtes Gemeindemitglied ihm mit dem ״Siddur des Lissaer Raws“ oder gar mit Hilfe des an der Wand klebenden grossen Kalenders nachweisen, dass so und so der ״Minhag־‘ sei.! Der Rabbi wird mit allem Eifer dartun, dieser Minsag sei, talmudisch oder nach den Poskim betrachtet, unmöglich — der Andere wird ihm, selbst wenn er Kenner jener Gesetzesquellen wäre, die Antwort geben: ״Das ist aber hier Minhag, und םנד.נ עוקר הלכה!“ Und jenes Gemeindemitglied hat Recht. Unsere religiösen Gepflogenheiten sind selbst auf halakhishem Boden M i n h a g i m , sind es immer gewesen — nie hat die Erörterung des Lehrhauses mit Recht I allherrschend in den Minhag eingegriffen; es war ein Irrtum, wenn man zu Zeiten den Minhag mit der Halakha hat in Einklang bringen wollen — es ist immer ein Widerspruch zwischen beiden zurückgeblieben, den man künstlich ausgleichen wollte; es war ein Irrtum, wenn irgend ein Gelehrter den Minhag durch die Halakha des Lehrhauses verbessern wollte — geschichtlich berechtigt ist nnr der Grundsatz des vielverkanaten Rabbi Mose Jsserles: וכן נוהנין. Er hat einem Joseph Karo gegenüber als 1 Geschichtsforscher und Denker mit Bewusstsein diesen Grundsatz geltend gemacht, hat die Art Karo’s, 'nach Stimmen der einzelnen Poskim zu entscheiden, als Einseitigkeit erkannt und den Gemeindebrauch als das im Leben Gewaltige und Allumfassende zu Ehren gebracht. Der Streit unserer Richtungen, soweit sie sich mit dem tatsächlichen Beibehalten oder mit den Aenderungen des Bestehenden befassen, dreht sich nur um den Minhag — um die Halakha stritt dagegen nur das Lehrhaus, dort war die Bewegung der Geister die Hauptsache, dort durfte es nichts 'Feststehendes geben; im Hause, in der Synagoge, auf dem Friedhofe, im Hochzeitshause, im Schmerz und in der Freude, da herrschte der Minhag. So hätten wir den Boden des Bethamundrasch als den gefunden, auf welchem sich alle Richtungen in gleicherweise betätigen können — die Halakha ist das freie Gebiet, auf dem es eine Schlussentscheidung und einen Sfillstand nichtgebenkann. Wird sich das Nebeneinander von Minhag und Halakha als geschichtlich wirksame reinliche Gebietsscheidung überall nachweisen lassen? Wir werden sehen. (Fortsetzung folgt). Biblische Königsbücher u.Shakespeare’sche Königsdramen. Ein Vergleich. Vortrag von Rabbiner Dr. I>. ▲. Roaenthal, Berlin. (Fortsetzung). Und dennoch können diese Sünder gegen das Höchste sich den Folgen ihrer Handlungsweise nicht entziehen. Wir sehen sie zwar vor uns, gekleidet in die Zeichen ihrer Macht, derselben Macht, die sie durch schlimme Mittel erstrebt und erhalten haben; wir sehen die äusseren Erfolge ihres Vorgehens und preisen sie glücklich, denn Erfolg ist Glück. Nach dem Haupterfordernis des Glückes, nach der inneren Befriedigung, fragen wir nicht. Haben doch jene Streber von vornherein darauf verzichtet, als sie die Grösse um jeden Preis sich zürn Ziel ihrer Verbrechen gesetzt haben. Und doch sind sie Menschen. Wenn die Krone das Neue, das Berauschende für sie nicht mehr an sich hat, dann sehnen auch sie sich nach dem stillen Glücke, nach den Freuden des häuslichen Herdes. Der biblische Schriftsteller führt uns in das Haus Jerobeams hinein. Wir sehen einen herrliehen Knaben, den Thronerben, den Liebling seiner Eltern, auf dem Krankenlager. Und der stolze Jerobeam, der Thronräuber, er sendet seine Frau zu dem gefürchteten Seher Achia nach Schilo, um nach dem Schicksal des Kindes zu forschen. Verkleidet geht die Königin hin, denn Jerobeam und die Seinen wagen es nicht, einem Achia ins Auge zu sehen. Aber der blinde Greis erkennt sie, und trostlos für eine Mutter tont sein Wort: ״Gehe zurück in die Heimat; und wenn deine Füsse die Stadt betreten, so wird das Kind sterben. Und ganz Israel wird ihn beweinen, wird ihn beerdigen, — er allein wird vom Hause Jerobeams ein ehrliches Grab finden, denn an ihm allein ist ein rechtes Streben zu Gott im Hause Jerobeams gefunden worden.“ D. h., er war besser, als Jerobeam’s Haus. Hätte Shakespeare ein Königsdrama ,,Jerobeam“ geschrieben, er hätte sicher die Schlussangabe über die Frömmigkeit des Königssohnes in wirksamster Weise benutzt. Wie kam der Knabe zu dem Gegensatz gegen seinen Vater, wie wurde er krank? Er war schon reif, über seine Umgebung nachzudenken, als Jerobeam den Kampf begann gegen Salomo, als er nach Egypten floh, als er aus Egypten zurückkehrte und mit den Mienen eines Biedermannes vor Rehabeam trat; als er mit einem Male König, mit einem Male Ordner von Glaubensformen, Verehrer toter Bilder wurde. Der Knabe war zu gut und edel, um an seine Eltern ein verletzendes Wort zu richten; er selbst war im alten Glauben erzogen, von dem er nicht lassen mochte. Er musste seinen Kummer und seine schlimmen Gedanken im Innern verbergen, und der Schmerz darüber warf ihn auf das Krankenlager. Ein Arzt konnte hier nicht heilen — der Prophet überschaute aus weiter Ferne das Schlimme der Lage: So ist der Königsknabe durch

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