Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 2. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492408-8773722-8773532--3812-4858872- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 106 Haarschur und Scarifikation als Symbole der Totentrauer verbietet, in einen textlichen und kultischen Gegensatz zu Hiob 1, 20, Jesaja 15, 1 und 2 und Jeremia 16, 6. Hiernach sei auch eine solche Haarschür eine bei den Israeliten eingebürgerte Sitte gewesen! Textlich ist Zusagen, dass die Stelle: Jeremia ganz, und Jesaja bezüglich der Glatzebildung in der Zeichnung der Trauersymbolik vollständig mit Deut. 14, 1 übereinstimmt,, was St. der den hebr. Text wohl nicht vor sich hatte, entgangen sein wird. Tätowierung und Glatzescheren waren eben ausgesprochene heidnische Trauerbräuche, deren Nachahmung den Israeliten verboten war. In Jesaja 15, 2 wird aber nur das heidnische Moab in seinen Trauerceremonien geschildert, und bei Jeremia 16, 6 ist die Auffassung gut möglich, dass diese Bräuche nur als ein in der Umgebung kananitischer Völker bekanntes Bild der Trauersymbolik, wohl mit einem leisen Zug der Ironie, in lebendiger Plastick poetisch ausgemalt sind, wie es auch Raschi ibidem zu verstehen scheint. Ein kräftigeres Argument für die These St.’s ist schon die Zitierung von Hiob 1, 20, der man noch die Stellen: Jeremia 7, 29, Micha 1, 16, Arnos 8, 10 und Esra 9, 3 mit gutem Grunde anreihen könnte, wiewohl auch hier es nicht immer evident ist, wie weit profetische Ornamentik ihre sprachlichen Blüten treibt (besonders Jeremia 7, 29) oder wie weit das gezeichnete Bild der realen Wirklichkeit entspricht. In dem folgenden Abschnitt: ״Biblische Anschauungen betreffend das Haupthaar“ führt St. aus 1. Korinth. 11, 5 und 6 einige Sätze an, deren Gedankensumme er in den Schluss zusammenfasst: -Aus diesen Stellen erhellt die altsemitische Grundanschauung über das Verhältnis von Mann und Frau, .... wir ersehen daraus die Anschauung der Inferiorität der Frau gegenüber dem Mann, die bereits in dem Mythus von der Erschaffung der beiden Geschlechter und vom Sündenfall ihren Ausdruck findet u. s. w. Hier ist nun Folgendes zu bemerken: Die aus 1. Korinth. 11,5 und 6 zitierten Sätze zeigen einerseits eine tendenziöse Confusion einiger dabei noch entstellter Verse aus dem biblischen Schöpfungsberichte, die nur in sehr lockerem Zusammenhang stehen, andererseits eine ganz falsche Interpretierung derselben. Die daraus sich ergebenden Deduktionen für die Inferiorität der Frau kranken dann naturgemäss auch an der gänzlich verstellten Grundlage. Das Haar der Frau, von dem der Schöpiungsbericht auch nicht das Geringste erwähnt, steht also nach biblischer Auffassung in keiner Beziehung zum Gottesdienste, von der die Korinther besonders sprechen, sondern ist lediglich ein für die Züchtigkeit des Ehelebens bedeutsames Moment. Nach 4 M. 5, 18 5. 5 M. 21, 12 ist gerade das offene, herabw'allende Haupthaar der Frau ein verführerisches Bild für die Augen dez Mannes, und nicht eine ״zur Wahrung der guten Sitte verliehene Bedeckung“, wie St. meint, und gerade der Forderung der Züchtigkeit wird durch ein geeignetes, festes Zusammenhalten des betörenden Schmuckes Genüge geleistet. Gerade das öffentlich vorgenommene Freilassen des Haares war bei der Ehebrecherin eine drastische Illustration ihrer moralischen Verwilderung, und das Abscheren des Haares der Kriegsgefangenen sollte mit anderen Bestimmungen den zum Ehemann werdenden Krieger die Erwählte ohne allen sinnlichen Reiz lieben lehren. . י Im Kapitel: ״Das Eisen“ bemerkt St. folgendes: ״Beschränkende Vorschriften für die Ver- Wendung unserer Geräte bei gewissen mit dem Kultus verbundenen Handlungen finden sich bereits in der Bibel. So wurde im alten Israel die Beschneidung nicht mit einem Messer, sondern mit einem scharfen Steine vollzogen. Vom mosaischen Gesetz ist verboten, bei der Errichtung von Altären mit Eisen zubehauene Steine zu verwenden. Und beim Tempelbau des Königs Salomo .... war das Eisen geradezu verpönt. Die alten Israeliten kannten wahrscheinlich das Eisen noch nicht, als sie aus Mesepotamien heraufzogen, sondern lernten es erst von den Philistern kennen. Immerhin wird das Eisen schon in den älteren Schriften, dem Pentateuch wenigstens, aber nur zweimal genannt.“ Die Ansicht von dem generellen Zusammenhang von Eisen und Kultus entbehrt zunächt jeder1 realen Grundlage. Die Beschneidung des Sohnes des Mose mit einem Steine ist als ein Notfall anzusehen. Von Josua berichtet St. S. 500 selbst, dass er ״scharfe Messer“ angewandt habe. Und wie stellt sich übrigens St. das zur Opferung Isaaks angewandte מאבלת vor? Das Eisen war allerdings bei Altar und Tempelbau, aber auch nur bei diesem, verpönt, und nur aus dem bekannten tief ethischen Grunde (s. Exod. 20, 25), dass bei einem ausgesprochenen Friedensinstrumente, wie es Altar und Tempel ist, kein ausgesprochenes Kriegsmaterial Verwendung finden sollte, derselbe Gedanke, der ja bekannltich den König Salomo, und nicht seinen Vater, den König David, zum Erbauer des Tempels macht. Daraus lässt sich wohl alles andere als eine geschichtliche Unbekanntschaft der ״alten Israeliten“ mit dem Eisen ableiten! Wir sehen hier ganz eklatant, wie gefährlich es ist, bei jeder sakralen Bestimmung der Bibel eine urrationelle Lösung finden zu wollen! (Schluss folgt). Minhag und Halakha. Bei meinen Untersuchungen über die Mischna und darum mittelbar über die Gemaras und das einschlägige tannai'tische und amoräische, selbst das rabbinische Schrifttum musste mir eine Frage aufstossen, welche mich mit mir selbst leicht in Widerspruch bringen konnte. Auf dem talmudischen Schrifttum beruht die religiöse Oebung, welche unser Gemeindeleben zusammenhält; diese Uebung wird von Seiten der Altgläubigen als eine unabänderliche, weil überkommene Tatsache betrachtet — der wissenschaftliche Rabbinismus hat nach ihrer Auffassung diese Tatsache nur