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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 1. (1909) · p. Seite 102

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
32 (1909-1910)
Issue
No. 1. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Jesaia, selbst bei Amos fand sich die concatenatio und der Anklang. Aus der Beunruhigung über manche Unregelmässigkeiten-erhob ihn die Beschäftigung mit der 56. Sure, dann mit dem Koran überhaupt, wo der Reim die Zeile sichert. Die babylonische Schöpfungssage ist in Achtzeilern, zuletzt mehr in Sechszeilern geschrieben; und diese sind nicht willkürlich abgegrenzt, sondern geben sich als wohlunterscheidbare. Ganze, wenn auch die Responsion hier fehlt. Später wärde sie auch hier von Müller erkannt Müller hat nun durch die genannten Schrifttümer die Spuren seiner Anschauungen verfolgt. Wenn er Amos und Jesaia dazu benutzt, hat er sehr günstigen Boden unter den Füssen; ebenso, wenn et Psalme wie 107 und ähnliche heranzieht. Schwieriger wird es, wenn nicht scharfgezeichnete Versgebilde die Bestimmung der Reihe der Willkür überlassen und nün, wie in Zefanja, dabei noch grosse Strophen von 7 oder 6 Zeilen in bunter Aufeinanderfolge als vom Propheten beabsichtigt nachgewiesen werden müssen; wenn dabei 2, und 2 und 2*a und b als Bestandteile einer gleichen Strophe angesehen werden. Sowohl dem Sinne, als den Hebungen nach müssten bei strengem Strophenbau einigermassen gleichartige Gebilde sich herstellen lassen. In den Bileamssprächen dagegen (wo zwei Glieder immer als eins gelten) bewährt sich glänzend Müllers Ansicht von den fortschreitenden Grössenverhältnissen der Strophen: 7 und 11 und 11 und 12 und 8, wobei durch Ausstossung schwieriger Verse sich 7 und 11 und 11 und 7 herstellen liesse; aber mit Recht verzichtet er auf diese Aenderung. Wenn Müller nun die Chöre der griechischen Tragödie untersucht, so müssen sich ihm allerdings willkommene Belege für seine Annahme bieten. Was die Euripideische Alkestis anlangt, so ist ihm der Chor 213—279 entgangen; denn die erste Strophe, wie die Gegenstrophe enden mit dem hier doppelt bedeutungsschweren Worte XCSav. Allerdings fehlt die Spur derartiger Strophenschlüsse weiterhin. Doch nur, wenn man gleiche Schlussworte beansprucht. Wenn man'dagegen sich mit üedankenanklängen begnügt, so schliesst die dritte Strophe mit naaxojxtv, in der Schlusszeile der dritten Gegenstrophe steht dasWort nev&os. Trotzdem würden wir uns wohl hüten, in diesem Chor eine solche Verkettung" von Strophenpaaren zu finden. Da doch Uebergänge von Teil zu Teil sowohl in Prosa, wie in Dichtung meist von Verwandtem zu Verwandtem leiten, auch dem Gedächtnis dienen, so müsste man an sehr vielen Stellen beabsichtigte Strophengebilde finden, wo nur dem allgemeinen menschlichen Triebe gedient wird. So hat Müller sich nicht vor der zu• grossen Verallgemeinerung seiner an sich wertvollen Wahrnehmungen gehütet^einer Gefahr, die. er sehr wohl gekannt hat. Man hat von jeher in der Bibel strophische Gedichte mit beabsichtigtem Refrain gefunden, und zwar garnicht wenige. Als Müller damit die concatenatio verband und sie zu einer vielbenutzten Form machen wollte, vergass er, dass sie in der Weltliteratur selbst nicht zu viel benutzt worden ist und ihre Spuren sich vielfach noch als ein unwillkürliches Ergebnis des menschlichen Verkettungsbedürfnisses erklären lassen. Es genügt, solche Formen zu entdecken; muss man sie ü b e r a I Hinden wollen? Aber in rasloser Forscherarbeit hat er in ״Strophenbau und Responsion“ (Holder, Wien, 1904) die beschränkte Zeile in den Kethubim entdeckt, und somit wurde die Strophe an sich ein strengeres Gebilde. Er hatte die Genugtuung, dass Perles in der ,,Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“ (X S. 112) den Siegesgesang Exodus 15 1—1s in 3 Strophen von 10 und 2 Zeilen zerlegte; Professor Zcnner gegenüber, der Psalm 132 in zwei Spalten von je 8 uud 4 und 8 Zeilen teilte (allerdings V. 1 an den Schluss der ersten Spalte stellte), musste er sich als den geistigen Anreger in sein Recht setzen, zumal Zenner die Beziehungen von V. 2 zu V. 11 und von V. 9, 10 zu V. 16, 17 nicht sofort erkannt und von der Wortresponsion in demselben Psalm erst 189 b in der ״Zeitschrift für katholische Theologie“ Band XX S. 378 und auch von der Eigenschaft der Psalmen als Chöre sprichtI Zur Gestaltung des Dcboraiiedes ist zu bemerken, dass der׳ erste Teil 3 absteigende Strophengrössen hat, 11 und 10 und 9 Zeilen; der zweite-Teil 12 und II Zeilen; der dritte 4 und 7 und 4 Zeilen (wenn man will, 7 und 8); der vierte Tei j 12 und 11 nebst 2 Schlusszeilen des G a n z e n. Hier spielen i| aber so viele Gesetze durcheinander, dass gerade durch ׳! ihre Häufung ein Urteil über die Strenge der Formforde• rungen und über ihre beabsichtigte Durchfürung schwe! ermöglicht wird. Dann sind die Reihen einander zu un• gleich. Jeremia 18 geniesse ich lieber als gehobene Prosa denn als Reihe von Strophengebilden. Am besten geling! || noch die Strophen Verbindung in den psalmartigen Teiler! wie Habakuk 3,. oder in ganz jungen Stellen, wie Maleachi ■aber schwerlich in älteren rein profetischen Stücken wenn wir nicht Amos vor uns haben. Aber Hab. 3 selbst Worin unterscheiden sich die hier geleisteten Verschiebunger von den weitgehendsten Textumwandlungsversuchen? Unc dann, was haben V. 14—19 gesündigt, um ausserhalb zi bleiben? Wie mit Maleachi, hätte es mit Haggai 1 versuchi werden können. Von Psalmen sind die einleuchtendster immer solche wie 46, 107, wobei das Strophische allbekannt das Strophenverkettende nicht durchgreifend ist. Was Siracfi anbelangt, so sind seine Kunstformen und Zahlengebildt längst anerkannt worden. Bei i h m lassen sich mit Rech alle Formen, selbst kunstreichster Verschlingungen vermuten da man ja sogar, wie Schiatter, den ganzen Sirach auf dei Grundlage von Zahlengebilden aufgebaut glaubte, j! In dem von uns oben genannten Müller’schen Werkt i! bietet er eine Fortsetzung des von ihm in den früherer Arbeiten Geäusserten, auch neue Belege für seine Gesamt■ j1 auffassung. Ganz besonders geht er denn auch mit seiner Beurteilen! ins Gericht. König tadelt das zu wenig Be 1׳ zeichnende in den strophischen gedenklichen Gegenüber ' Stellungen, die übergrosse Genügsamkeit, die bei dem ge; ringsten Anlass schon Verkettungen annimmt; er will, dass an sich Naheliegendes nicht zur Grundlage weitgehendei Annahmen gemacht werde. Die Behandlung des Amos! greift König allerdings zu Unrecht an, weil Amos an sich dazu geeignet ist, so betrachtet zu werden; aber es bleib! doch wahr, dass Anaphora, Epiphora und Anadiplosis füi die Gestaltungen der Responsion und Concatenatio die uralten Bezeichnungen selbst für Prosa waren. Dadurch wird das Neue einer Entdeckung im Werte nicht sehi gehoben, Wenn nun der Gegensatz oder die Wieder■ holung, im Parallellismus von so grossem Einflüsse, noch als Glieder und Zeichen der Verkettung gelten sollen, dann wird es in der biblischen Dichtung sehr viele Stellen geben: wo sehr leicht solche Gebilde zu entdecken sind. Unrecht ist es allerdings, wenn Baumann Müller nur als Anhängsel zu Condamin und Leide, als Vertreter der Zenner’scnerj Ansicht hinstellt. 1 Auch־ Sievers hat sich in den ..Metrischen StudienH S. 135 gegen Müller ausgesprochen. Er legt auf die Lese•! probe Wert, also auf gesonderte Behandlung jedes Stückes; Müller gibt Sievers zu, dass Strophengebilde und Ver4 knüpfungen dem Hörer sofort auffallen müssen. Weshaltj aber weist Müller Sievers' Forderung bezüglich der äussereq Formenstrenge zurück? Müller bezieht sich auf die Koran- 1 verse, durch den Reim gekennzeichnet, die vielfach als Reimprosa angesehen werden müssen. Aber die hebräisch- Dichtung hatte nicht den Reim und darum kein Kenn- Zeichen für Zeilenschlüsse, bedurfte also strengerer Formj gebilde. Wenn die Propheten nicht an so strenge Gesetze! gebunden sind, wie die eigentlichen Dichter, so wird es auch schwer sein, in ihnen so strenge Strophen zu finden) Müller beklagt sich darüber, dass seine Beurteiler seine; i, Darlegungen über Keilinschriften, Koran (und doch auch!׳ wohl griechisches Trauerspiel?) nicht beachtet und sofort '• auf die Propheten eingegangen seien. Kann er ihnen das verdenken? Ist seine Ansicht richtig, so ist sie es ohne die fremden Belege; betrifft seine Ansicht ein Sondergebiet, so gehen ihn die anderen Gebiete weniger an. Auf Cobb habe ich Müller aufmerksam gemacht, Ihm gegenüber betont Müller, dass er nicht ft-ofessor Briggs, sondern dass dieser ihm vieles zu verdanken hat. Wenn Koester vor Müller auf die Strophe gekommee ist, so ist ihm die Responsion nicht aufgegangen. Im Ganzen ‘ fertigt Müller Cobb’s ganze Arbeit, als wertlos ab. i Sievers Behandlung Müllerscher Entdeckungen gibt Verfasser Veranlassung, ihm manche Ungerechtigkeiten! nachzuweisen. Wenn nun Schwally seinen Koranstudiep Gerechtigkeit widerfahren lässt, so geht er doch auch darin nicht durchaus mit Müller, dass Prophetensänge un4 griechische Chorlieder Beziehungen zu einander haben sollen^

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