Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 1. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 — Flavius Josephus und seine Verteidigung• des Judentums. — Ein Dortrag von Distriktsrabbiner Dr. Salomon Stein—Schweinfurt. , (Schluss) — Das jüdische Gesetz, so beginnt Josephus, ist das älteste. Die griechischen Gesetzgeber Lykurg und Solon sind im Vergleich mit Moses offenbar erst von gestern und ehegestern. Ja bei Horner kommt das Wort 1 ■ouo: ״Gesetz“ rieht einmal vor. Demgemäss ist die jüdische Gemeinschaft die Lehrerin aller andern geworden und zwar, das will ja Josephus beweisen, keine schlechte. Eine Ilemerkung müssen wir hier voraufschicken. Josephus stellt in seinen Ausführungen Moses als den Gesetzgeber dar. während wir ihn ja nur als Gesetzvermittler betrachten; er tat dies, der ganzen Anlage seines Buches entsprechend, wie es scheint, nur, um der griechischen Welt verständlich zu sein. Der erste Vorzug des Moses liege nun darin, dass er durch sein eigenes musterhaftes Beispiel die Massen erzogen habe, dass er die eigenen Ueberzeugungen der Masse mitgeteilt und e ngepflahzt habe, dass man nämlich alle Handlungen und Gedanken nach dem Willen Gottes einrichten müsse: ״Denn wer da glaubt, dass Gott auf sein Leben schaue, der ist keiner Sünde fähig.“ Die grossen Denker der Griechen hüttfen. allerdings viel später, auch richtige Gedanken von Gott gehabt, sie hätten dieselben aber für sich behalten .und dem-Volke mitzuteilen weder den Wunsch noch den Mut besessen. Während s e sich selber re!ne Moralbegriffe angeeignet hatten, hätten sie ruhig das Volk in seinen Vorurteilen belassen. Das Judentum aber kennt keine Aloral des Volkes und der erlauchten Geister; es trennt auch nicht etwa Moral von Frömmigkeit oder macht letzterezu einem Bestandteil der Tugend, sondern im Gegenteil Gerechtigkeit, Standhaftigkeit, Besonnenheit, vollkommene Eintracht der Bürger sind Aeusserungen der Frömmigkeit, die jeder einzelne pflegen muss. Frömmigkeit ist die höchste, ist die Universaltugehd, die Tugend *<:/' «•'Jo*׳,’!■. Was die Staatsverfassung anlangt, so weicht die jüdische von allen anderen ab; keine Monarchie, keine Oligarchie, keine Demokratie findet sich hier, sondern die Theokratie, die Herrschaft Gottes, ein Wort, das Josephus als erster zum ersten Male geprägt hat; ״denn Moses“ — so sagt Josephus — ״gab Gott die Herrschaft und Gewalt anheim und bewog die grosse Masse, auf . ihn als den Urheber ahes Guten ..... hinzuschauen; denn seinem Wissen könne nichts entgehen, was .sie täten oder was auch nur ein einzelner Mensch bei sich denke.“ Unvergleichlich ist das Gesetz, es umspannt das ganze Leben; nichts ist der Willkür des Einzelnen überlassen. Unvergleichlich ist auch der Gesetzgeber, denn er hat die beiden möglichen Er- Ziehungsmethoden, den der mündiiehen Belehrung und der praktischen Gewöhnung, vereinigt und, indem er das Studium des Gesetzes als oberste Pflicht jedes einzelnen erklärte, hat er den häufigsten Entschuldigungsgrund für Sünde und Verbrechen, nämlich die Unkenntnis des Gesetzes, aus dem Wege geräumt und tatsächlich' ist bei uns die Vertrautheit mit dem Gesetze eine geradezu bewundernswerte und das Ziel des Gesetzes, die Gottesfurcht, auch den Frauen, ja den Sklaven der geläufigste Gedanke. Bei Keinem Volk findet sich eine solch wunderbare Eintracht wie bei den Juden, sie haben dieselbe Ueberzeugung von Gott, weichen in Leben und Sittern nicht von einander ab, ihr Tun ist ein gemeinsames, ein gle:.chmässig gesetzliches; alles das macht sie einträchtig. Aus dieser Umspannung des Lebens mit Gesetzen uud aus der Verdienstlichkeit, diesen Gesetzen zu gehorchen, mag es sich auch erklären, so erwidert Josephus auf einen Vorwurf, dass das Judentum keine erfinderischen Köpfe aufzuweisen habe. Allein was sollten sie Besseres erfinden? Die Einrichtung des jüdischen Gemeinwesens ist Jie best-denkbare; Gott, der Lenker des Weltalls, steht an der Spitze. Die Verwaltung ist von ihm cen mit Rücksicht auf ihren Gehorsam und ihre sittliche Kraft erwählten Priestern übertragen. Die Stanseinrichtung ist vortrefflich, alle Schichten des Volkes werden zur Frömmigkeit erzogen; das ganze öffentliche Leben sieht aus wie eine einzige heilige Festfeier. Josephus geht nun ins Einzelne, ex definiert das Wesen des jüdischen Gottesbegriffs, er schildert den Tempel- und Opferdienst, betont die jüdische Nüchternheit und den jüdischen Ernst öei _den Opfermahlen, der nie in Völlerei ausarte, er hebt hervor, wie der Jude stets zuerst für die (pesamtheit und dann ^rst für sich beten dürfe, dass er im Gebete Gott nie um das Gute bitten soll, sondern darum, dass er für das-Gute, das er ja ohnedies stets zugeteilt erhalte, empfänglich sein möge. Josephus weist hin auf die hohe Auffassung und Ausschliesslichkeit der Ehe, den Ernst der Kindererziehung, aut die Einfachheit jüdischer Beerdigungen, auf die Ehrfurcht vor den Eltern und dem Alter überhaupt, auf die ideale Bewertung der Freundschaft, auf die gerechte, pflichtmässige Behandlung der Fremden, auf —die vom Gesetze gebotene Wohltätigkeit und milde Gesinnung. Schwere Strafen sind für einzelne Verbrechen angedroht. Aber als Belohnung für die Treue gegen das Gesetz gilt nur das eigene Gewissen und die Zuversicht auf die Verheissungen des Gesetzgebers, dass wir, wenn wir selbst den Tod für das Gesetz erleiden, ein neues, besseres Dasein durch Gott gewinnen werden. Hier kann Josephus mit Stolz auf die jüdischen Märtyrer hinweisen und fragen, wie viele Juden aus Furcht vor dem Tod etto'a Verrat an ihrem Gesetz begangen hätten. Nein, auch im schwersten Unglück, bei allen Wechselfällen einer 1‘j Tausend Jahre alten Geschichte hätten die Juden inr keineswegs leichtes, vielmehr die schwersten Opfer an Bequemlichkeit verlangendes Gesetz mit grosser Zähigkeit festgehalten, etwas ganz Unerhörtes; denn die Griechen gaben ihre Gesetze auf, wenn ihr Glück sich wandte. Freilich, was sind