Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 32 (1909-1910)
- Issue
- No. 1. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Empörer regiert in Ruhe 24 Jahre, wogegen seinen Nachfolger, den unfähigen Ela, die Strafe trifft. Denken wir an den vielgehassten Ahab, der nicht nur gegen den reinen Gottesdienst, der auch gegen Recht und Gerechtigkeit sich versündigt, der an den Gottespropheten zum Verbrecher wird. Sein Tqd im Augenblicke des Sieges ist keine Strafe, ist für einen Kriegshelden wie Ahab fast ein L o־h n nennen. Erst seinen zweiten Nachfolger, den Joram, trifft die von Elia angekündigte Rache. 1 Und blicken wir auf die Shakespeare’schen Königsdramen, so stirbt der böse Heinrich IV., der Verbrecher Bolingbroke, der sich mit dem Blute Richards II. befleckt und sein Reich geraubt h!jt, als König in einem Zimmer, das den Namen ״Jerusalem“ trägt. Sein Sohn ist der Lieblingskönig der Engländer, der Frankreich'unterworfen (1at, Heinrich V. Erst an seinem Enkel, an Heinrich VI., machen sich die verübten Gräuel der alten Zeit geltend — er ist der wahre Märtyrer der früheren Verbrechen, ja, der unschuldige Ausgangspunkt all' der schlimmen Kämpfe, die sich an die Schlachtrufe ״York upd Lankaster!“ an die weisse und rothe Rose knüpfen. Und gerade dieser Enkelsohn Heinrichs IV., Heinrich VI., hat alle Züge eines edeln Menschen an sich. Ja, er scheint der einzig gute Mensch in seiner Umgebung zu sein, ausgestattet mit Rechtsgefühl, mit Zartsinn gegen seine Feinde; ganz besonders betont wird seine Gottinnigkeit und Frömmigkeit — und gerade e r muss diese ihm widerlichen Kämpfe führen, er muss in seinem Namen das Schlimmste üben sehen, er muss als Gatte tief verletzt, als König vielfach gedemütigt werden — sein Tod ist noch das Geringste: Hat wohl der Tod des schlimmen Richard auf dem Schlachtfelde von Bosworth gegen diese Leiden des edeln sechsten Heinrich etwas zu sagen? Nun soll im Trauerspiel dies fuaQov, das Leiden eines vollkommen Unschuldigen, nicht vörkommen; in der Bibel, dem Buche der Gotteswaltung und des Gottesgerichts, noch viel weniger. Kommen wir nun wieder zur Bibel, so zeigt sich uns ein ähnliches Bild. Wie schlimm wird übpr Könige wie Manasse geurteilt, der mehr als ein halbes Jahrhundert regiert, über den vielgewandt^n Spötter Jojakim,der jedenfalls als König stirbt! Wie steht es aber mit Zedekia? Wohl heisst es vön ihm ״er habe getan, was böse gewesen in den Augen des Herrn,“ aber beim genauen Hinblicken finden wir ein ganz anderes Bild. Einen Mann, der sich gern dem Propheten Jeremia fügt, seine Rat- Schlüsse gern befolgt, ihn tatsächlich gegen seine Feinde schützt, noch in den letzten Tagen Jerusalems seinen Rat einholt — und er muss alte Schrecken einer Belagerung mitmachen, fliehen, in den Kerker geworfen, vor Gericht gestellt werden; er muss seine eigenen Söhne vor seinen Augen niedermetzeln sehen und dann, ein unfreiwilliger Oedipus, gewaltsam geblendet werden. Er muss nach langen Leidensjahren im Kerker enden. Wo bleibt da die Gerechtigkeit, von welcher die Bibel jederzeit kündqt? Ist denn aber das Urteil so unbedingt zurückzuweisen, wonach Zedekia nicht das Gute getan? Und hat Heinrich VI. lauter Züge, die einem Könige wohl anstehen? Beide kamen sie in schweren, von Parteien erschütterten Zeiten, geschwächt durch die Fehler der Früheren, auf den Thron. Zedekia nur als Schatten eines Königs, das Wohl und Wehe seines Hauses und Landes vom gnädigen Kopfnicken Nebuchadnezars abhängig; Heinrich VI. als Kind, und so bald er zur Besinnung kommt, umgeben und bedroht von den Grossen seines Hofes, denen gegenüber er als König ein Nichts ist. Aber beide haben sie ernste und wohlwollende Ratgeber: Zedekia den Propheten Jeremia, Heinrich VI. seinen Ohejm G 1 o s t e r. Dieser König ist ein Kenner der Zeit und Menschen, er weiss, dass sein Oheim dem Hasse seiner Grossen zum Opfer fällt, er beklagt ihn, aber er glaubt ihn nicht schützen zu können. Zedekia ist von dem Werte des Jeremia durchdrungen, aber er hat nicht das Herz, ihn gegen seine Feinde zu verteidigen. Er lässt ihn in die Cisterne senken, wo er sich kaum des Schlammes erwehren kann und Tage und Nächte lang sich wach erhalten muss, um nicht ganz zu versinken. Dass ihn Zedekia schliesslich rettet, geschieht auf Veranlassung eines Mannes, der Kuschite genannt und in dem wahrscheinlich das fremde Volk geehrt wird. Zedekia hat dem Nebuchadnezar den Untertaneneid ge-1 leistet, als er das schattenhafte Königtum übernahm; Heinrich VI. hat seinem Gegner York eidlich ver- I sprachen, dem Nachkommen Yorks den Thron mit seinem Tode zu überlassen, gegen ihp also nicht I mehr zu kämpfen. Sowohl Zedekia, wie Heinrich VI. vergessen ihres Eides; der Eine erhebt sich I gegen Nebuchadnedzar, angetrieben durch die egyptische Partei an seinem Hofe, und Heinrich VI. be- I ginnt den Kampf auf’s Neue, durch die Vorwürfe seiner Gattin und seiner Grossen dazu bewogen. Man I weiss in England nicht mehr, zu welcher Partei man gehört. Wohl mag Heinrich in der Schlacht sich I ein arkadisches Hirtentum wünschen, um in beschaulicher Ruhe Uhren zu bauen, Kühe zu melken und I zu beten — aber vorwurfsvoll führt uns der Dichter im Zusammenhang damit einen Vater vor, der in I der Schlacht seinen Sohn, und einen Sohn, der in der Schlacht seinen Vater getötet hat. Und I Zedekia ist zu schwach, den Rat des Jeremia noch in letzter Stunde^zu befolgen, den Babyloniern die I Thore zu öffnen und sich zu ergeben, damit aber auch sich und seinen Staat, in welchem Zustande I auch immer, zu erhalten. I ״Du bist ein König, und Du lässt Dich zwingen?“ ruft die lasterhafte Margarethe einmal ihrem I Heinrich zu; und der alte Gervinus hat ganz Recht: In diesem Augenblicke stimmt man ihr zu. Einen I König, darf Niemand zwingen können, nur die bessere Einsicht. Wer sich mit dem Purpur, mit der I Krone schmückt, der entsagt den Rechten anderer Menschen; ist er schwach, so ist das ein Ver-1 brechen; kann er sich nicht erhalten, besitzt er nicht die Selbstsucht, Alles wenn auch nur für sich!zul tun, besitzt er nicht die Kraft, seine Grundsätze, und wenn es sein muss mit Selbstopferung durlch-1 zusetzen, so hat er gesündigt. Empfindsam um den Tod oder die Verfolgung der Unschuld klagpn, I und die Unschuld preisgeben — das ist ein absichtsvolles, ein bewusstes Verbrechen! I