Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 12. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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92 Unter den heutigen Juden finden sich dagegen 50 Prozent Kurzschädel, 11 Prozent Blonde, viele Mischformen, und nur 5 Prozent gute Langschädel, viele gebogene Nasen, im Gegensätze zu denen der Araber, die kurze kleine, wenig gebogene Nasen aufweisen. Woher stammen nun die Kurzschädel, die Blonden und die gebogenen Nasen bei den Juden? Nach Prof. v. Luschau stammen die Blondköpfigen aus einer Vermischung mit den Amoritern Diese waren, wie aus buntbemalten ägyptischen Darstellungen hervorgeht, ein blondes Volk. Es sind Nordländer, die in uralter, prähistorischer Zeit über das Meer nach Afrika gezogen waren' und sich dann nordöstlich nach Palästina zugewendet hatten. Die Amoriter hatten östlich vom Jordan die Königreiche von Basan und Heschbon gegründet, aus denen sie später durch die vordringenden Stämme der Ammoniter, Moabiter u. Edomiter verdrängt wurden. Die Denkmäler und Aufzeichnungen Altägyptens zeigen, dass diese weisse von der semitischen Bevölkerung des heiligen Landes sich wesentlich unterscheidende Rasse auch nach der Eroberung Palästinas durch die Israeliten daselbst weiter existierte. Die auf einem ägyptischen Wandgemälde aus der Epoche der 22. Dynastie zur Darstellung gebrachten Krieger, welche der Aegypter Shishak z. Zt. Rehabeams, also um 950 v. Chr. in seinem Kriege mit den Städten Judas zu Gefangenen gemacht hat, zeigen nicht jüdische, sondern amoritische Gesichtszüge, im Gegensätze zu den auf dem schwarzen Obelisken zu Nimrod dargestellten Tribut bringenden Männern, die deutlich ausgesprochen jüdische Physiognomien aufweisen. Es muss also noch im 10. Jahrh. der vorchristl. Aera das Gros der Bevölkerung im südl. Judäa von amoritischer, d. i. indogerm. Abkunft gewesen sein. ־ Die Kurzköpfigen leitet Luschau ab von den Hetitern, die im 2. vorchristlichen Jahrtausend in Syrien und Kleinasien geblüht haben. Die neueren Ausgrabungen des Berliner Orientalischen Comites zwischen Smyrna und dem oberen Euphrat, besonders bei Sendschirli zeugen von der hohen Kultur der Hetiter. Die Hetiter, von den alten Aegyptern ״Kheta“ genannt, waren ein kriegerisches Volk von mongolischem Typus. Der Pharao Thutmosis III. hat um 1600 v. Chr. die Hetiter in langwierigen Kämpfen unterworfen. Auf dem Gipfel ihrer Macht scheinen sie aber um 1370, z. Z. Ramses II. gestanden zu haben, gegen den sie unter ihrem Fürsten Chatsar langjährige Kriege führten. Erst im 22. Jahre der Regierung Ramses II. kam es zu einem denkwürdigen Friedensschlüsse, über den uns eine hochwichtige Urkunde im Tempel von Karnak erhalten geblieben ist.** Die Vermischung der Israeliten mit nicht semitischen Völkern muss sehr häufig vorgekommen sein. So heisst es im 5. Buch Mos. Kap. 7, nachdem unmittelbar vorher die Jiettiter, Amoriter, Girgositer, Kananiter, Peresiter, Heviter und Jebusiter erwähnt worden: Du sollst dich nicht mit ihnen befreunden, eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter nicht nehmen euren Söhnen. Die Bücher Ekra Kap. 10—12 und Nehemia drücken sich noch viel deutlicher aus (Kap. 13. 23. 24־) Als Esra 458 v. Chr. Angehörige der Stämme Juda und Benjamin aus Babylon nach Jerusalem zurückführte, fand er daselbst eine Mischung von Israeliten mit Hittitern, Kananitern, Pheresitern, Jebusitern, Ammonitern, Moabitern. Aegyptern und Amoritern vor. Sowohl Esra wie Nehemia eifern gegen die Vermischung mit fremden Völkern. Ergreifend ist die Klage Nehemia’s: Ich sah auch zu der Zeit Juden, die ihre Weiber nahmen von Asdod, von Ammon und von Moab, und ihre Kinder konnten nicht mehr jüdisch reden, sondern nach der Sprache eines jeglichen Volkes. Die hohen Kurzköpfe unter den Juden können nur von den Hetitern abgeleitet werden, und wären demnach die heutigen Juden zusammengesetzt 1) aus wirklichen Semiten, 2) aus arischen Amoritern, 3) aus Nachkommen der alten Hetiter. Der Kuriosität halber, sei hier noch ein Klageruf des Herrn v. Luschau erwähnt, darüber, dass das vorhandene Material jüdischer Schädel so ausserordentlich gering sei. Das königl. Museum besitze nur 3, er selbst deren 8 Stück, die er zu den kostbarsten Schätzen seiner Sammlung rechne, aber 10 von diesen 11 Schädeln stammen von Spaniolen aus der Levante, nur einer aus Europa, er bäte daher die jüdischen Gemeinden, ihre Pietät gegen Leichen einmal zugunsten der Wissenschaft zu modificieren. _ Virchow bemerkt hierzu, er sei davon zurückgekommen, den Schädel als alleiniges Merkmal ethnischer Verhältnisse zu betrachten. Haut und Haare halten länger aus und bleiben unter Umständen gleichartig, wo die Schädel ganz verschieden werden. Die moderne Wissenschaft der Statistik hat den Beweis erbracht, dass die Juden im allgemeinen länger leben, als die Völker, unter denen sie wohnen.* *) Ihre Sterblichkeit ist in allen Ländern wesentlieh geringer, es betrifft dies vorzugsweise die Lebensalter unter 15 Jahren. Die aus Russland und Polen stammenden Juden scheinen besonders widerstandsfähig zu sein, ohne dass die Armseligkeit der Verhältnisse und die unhygienischen Zustände der Wohnungen daran etwas ändern. Besondere Berichte aus New-York liegen darüber vor. Auch in Preussen ist die Kindersterblichkeit bei den Juden auffallend gering. Die längere Lebensdauer der Juden erweist u. a. Herr de Neufville, der für Frankfurt a. M. berechnete: durchschnittliche Lebensdauer bei Juden 48s< Jahre, bei Christen 36':t Jahre. Er fand ferner, dass das 60. Lebensjahr von 24,8 Prozent der christlichen, dagegen von 44,1 Prozent der jüdischen Bevölkerung **) Alsberg, Rassenmischung im Judentum. *) Krankheiten und Sterblichkeit bei Juden und Niditjupen. Dr. Hugo Hoppe. Berlin 1903.