Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 11. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 82 — Sauls, ihres Wohltäters, ehrenvoll begraben. Man zeigt sie als Anhänger des Saul dem David an — der aber bietet ihnen Anerkennung. Mephiboseth wird an seinem Hofe erzogen, Sauls Enkelsohn. So hat David das Prophetenwort Samuels, das ihn an Sauls Stelle setzte, nicht nur nicht ausgenutzt, — er hat sich vielmehr bemüht, das Königsrecht des Saul als seines Oberherrn anzuerkennen und es nirgends zu verletzen. Darum hat er ein Beispiel geschaffen, worin Heldenkraft mit Königstreue sich verband; dem konnten auch Hochstrebende nacheifern, denn David war ein Hochstrebender gewesen und kein Herdenmensch. Dies Beispiel bewährte sich in den schwierigsten Zeiten, ob von Athalia’s Enkelkindern auch nur eines übrigblieb — dies eine Kind, der rechtmässige Erbe, wurde König. Erst als sich Zedekia gegen seinen Oberherrn auflehnt, dem er Treue geschworen, da muss der Staat Davids sinken. Aber sein Geschlecht darf nicht vergehen, es bleibt aufbewahrt für die Hoffnungen der Zukunft. Wahre das Herrscherrecht anderer, und es wird dir gewahrt werden. Wie anders im Reiche Israel! Jerobeam entreisst untes den schönsten Vorwänden dem Rehabeam zehn Stämme, d. h. er beraubt seinen Herrn — und Israel wird ein Wahlreich, sodass zu jeder Zeit auch ohne Erledigung des Thrones man einen geeigneten Helden, auch wohl einen Schwächling emporhebt, vor dem man nicht zu fürchten braucht — das Heer hebt Jemanden auf’s Schild und ruft ihn zum Könige aus; der geringste Anlass kann zu einem Regierungswechsel dienen, wie .durch ihn auch wiederum sehr wichtige Gegensätze zum Austrage gebracht werden. Wenn nun Isebel dem Jehu zuruft; ״Ist Friede Simri, Mörder seines Herrn,“ so könnte Jehu erwidern: ״Ist nicht Omri, der Vater Ahabs, auch durch Empörung auf den Thron gekommen?“ Es fehlt also die Ueberlieferung, eines fest von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbenden Thronrechts, weil der Gründer des Reiches, Jerobeam, im Gegensätze zu David selbst durch Treubruch emporgekommen ist und so für alle Zukunft die schlimme Bahn gewiesen hat. Und ist es in den Königsdramen anders? Bolingbrocke sucht mit aller Kraft den Schein zu wahren, er hat die ernstesten Gründe, gegen Richard II. aufzutreten, oder er schützt sie mindestens vor. Er weiss von nichts, lässt sich durch die Freunde emporheben, Richard entsagt angeblich freiwillig dem Throne, wird angeblich ohne Vorwissen Bolingbrockes ermordet — es geht alles seinen geregelten Gang. Allerdings Bolingbrocke muss sein ganzes Leben hindurch gegen Freunde des früheren Königs und gegen seine eigenen früheren Genossen kämpfen; sein Sohn Heinrich V. lässt die Verbrechen seines Vaters durch grosse Eigenschaften und durch Kriegsruhm ihVergessenheit bringen, aber unter Heinrich VI. regt sich die alte Sünde, und mit Erbansprüchen tritt an die Krone heran. Wäre das ohne den Bruch der Untertanentreue von Seiten Bolingbrockes möglich gewesen? Einen grossen Teil der Erörterungen nehmen die Fragen des Erbrechts bei Shakespeare ein, sodass wir auch hier, wie bei Jerobeam, auf die fernwirkende Kraft des Treubruchs hin weisen müssen. Schlimm genug allerdings/ dass schwere Fehler der Regierenden den Empörern die Sache erleichteru. Jerobeam und Bolingbrocke kommen aus der Verbannung zurück, um des Volkes und ihre eigenen Rechte geltend zu machen. Hier wie dort finden sie einen prunkvollen Hof vor, Verschwendung und Leichtfertigkeit־ führt das Szepter. Bei Rehabeam sehen wir die beiden Rats- Versammlungen, die Alten und die Jungen, vor uns. Die Alten, die noch Davids nüchterne Zeiten gekannt uud Salomos übergrossen Glänz innerlich bedauert haben. Die Alten raten dem Könige zur Mässigung — sie kennen die Schranken der Regierungsmacht. Aber die Jungen sind noch da, schneidig und scharf in ihrem Wirken und Raten. Schneidig und scharf ist denn auch die Antwort des Rehabeam, wie er glaubt, zu Gunsten seiner Macht — er ist nicht der Erste, der sich darin getäuscht. Jerobeam jubelt innerlich über dies kopflose Vorgehen auf, während er äusserlich es schwer bedauern und nur dem Zwange nachgebend den Bruch vollziehen muss. Und bei Richard II.? Auch da scheinen dem biederen Bolingbrocke gewisse Dinge, wie die Ermordung Norfolks sehr bequem zu liegen, wie entrüstet er bei seiner Forderung an Thomas Mowbray auch tun und sich stellen mag. Da ist auch gewissermassen ein Rat der Alten, das sind die Oheime des Königs, die noch die gute alte Zeit gekannt haben — aber da sind noch die Jungen, die den neuen Schneid kennen, Bush Baggot, Green. Diese nehmen das Ohr des an sich gutartigen Königs gefangen — er hört auf den Rat der Jungen und verachtet die Warnungen der Alten — so bannt Richard seinem Feinde selbst den Weg, und das Verderben muss seinen Gang gehen.. Und welches ist die Tat Richards II., welche Throne gestürzt hat? Ist es der Tod Norfolks? Ist es der König in Irland? (Fortsetzung folgt.)