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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 10. (1909) · p. Seite 78

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 10. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 <• alter Zeit begegnen uns (39 ff). Die Ausbietung des MS bei der Auslösung, die unschuldigen Auswege zur Ersparnis des Chomesch (4«), die Hinterlegung der Münze mit ihren Folgefragen zeigt sich uns in aller Volkstümlichkeit eines tatsächlichen öffentlichen Lebens, und die Funde mit ihren Rätselfragen versetzen uns mitten in das Volksgewühl des festlichen Jerusalem. So sehen wir die Rebaifrüchte gewiss schon in ältester Zeit nach Jerusalem ziehen, ursprünglich ohne die strenge halakhische Gleichheit mit MS (59), und am Rüsttage des 1. Pesachtages (nach Maim. des 8ten) im 4. und 7. Jahre der Jahreswoche war die Schlusszeit zur Ablieferung aller Ackergaben oder zu ihrer Vernichtung. Oeffentliche Aufrufe (wie Anfang Schekalim) mahnen daran, und dann findet das Maasserbekenntnis als Abschluss der gottgefälligen Handlungen statt. Die Hilleliten bringen eine kaum merkliche Lockerung der Toharoth (27,3), gestatten ob der Wegeslast nur Gold mitzunehmen (27 und Besprechungen. F. Heman: «escbicbte des jüdiscben Oolkes seit der ZerstSrimg!Jerusalems. Calw I Stuttgart 1908. XII und 608 S. 8 Mk. Halbfr. 10 Mk. ״Macht einmal etwas Geschichte, damit wir welche schreiben können!“ so kann man den geistigen Führern Israels heute zurufen. Unsere wissenschaftlichen Be- Strebungen stehen unter dem Zeichen der geschichtlichen Einzelzüge, die sich in den Darstellungen von Gemeinde- Schicksalen und -erlebnissen, in der Veröffentlichung von Akten, in Angaben über Kopfzahl der Gemeinden zu irgend einer Zeit kundgibt. Liegt nUh hier eine neue ״Geschichte des jüdischen Volkes seit der Zerstörung Jerusalems“ vor, so müssten darin diese Einzelergebnisse verarbeitet sein. Da Verfasser aber den ganzen Zeitraum auf 601 Seiten zusammengedrängt hat, so ist wohl nur eine Darstellung im Umriss zu erwarten. Wird der Verfasser nicht notgedrungeu an dem Bisherigen hängen müssen, da ihm zu Ausflügen auf das Gebiet des zu Entdeckenden kein Raum gelassen ist? Aber etwas Anderes lässt uns voll neuer Er- Wartungen auf diesen Band blicken: Verfasser ist Christ. Seine Darstellung schliesst sich an Oettli’s ״Geschichte Israels bis auf Alexander den Grossen“ und Schiatters Fortführung des Werkes bis Hadrian an. Grütz und Philipson sind seine Quellen. Trotzdem ist Grütz bei ihm besonders schlecht fortgekommen. Verfasser hat augenscheinlich die beste Absicht, voraussetzungs- und vorurteilslos das Judentum zu behandeln. Ihm ist Israel eine lebensvolle, die Welt von jeher und noch heute stark beeinflussende Gesamtheit, deren Einwirkung auf die Wiedergeburt des Geistes in Europa, auf die Gestaltung des geschichtlichen Lebens bis zur Neuzeit er willig anerkennt. Wenn Maimonides Moreh und ähnliche Werke sich allgemein durchgesetzt hätten, wie sie auf Albertus und -Thomas gewirkt haben, so wäre nach seiner Ansicht das Mittelalter früher zu Ende gewesen. Der jüdischen Dichtung misst er dagegen keine innere Kraft bei. Er verlangt, dass man mit der Tatsache der Ewigkeit Israels als erfahrungsmässig belegt rechnen solle; in der Schwächung des talmudischen Geistes sieht er eine Rückbildung, weil das Judentum damit den Einfluss auf das Leben einbüsst. Der Talmud scheint ihm die einzig selbstständige Schöpfung des Judentums, während ,fes sonst nur bei seiner Berührung mit der Aussenwelt und nicht durch sich selbst fruchtbar gewirkt hat weiterhin nach BI I auch Verminderung der Geldlast, doch s. Erkl.), erleichtern (36) den Verkehr und Genuss, wie auch (37) die Raumberechnung bei Zweifeln. BS ist geneigt, Verunreinigtes im Tempel ׳!eniessen zu lassen, BH hier in halakhischer Strenge ausserhalb. Alle diese Verhältnisse erhalten einen Bruch durch den Fall des Tempels. (15) ״Wenn das Heiligtum nicht vorhanden ist, mögen sie vermodern!“ Dies Wort bezieht sich wohl nicht nur auf die nicht auslösbaren Früchte, wie ähnliehe Worte — sie bezogen sich zuerst auf alle Dinge. Rebai sollte vor der Stadt ausgelöst werden. Jose hat 5» wohl nut den alten umschreibenden Ausdruck ומשרבו הפיירות ״als in Jerusalem kein Strassenschmuck mehr möglich, die Stadt nämlich zerstört war und der Früchte demnach zuviel waren“ erklärt, denn alles ו־נאי kommt ja bekanntlich von iji m. Verfasser fordert zum Schlüsse zur Betätigung der Menschenliebe gegen Israel auf: ״Wann aber die Juden sich auf diesen Jesum, den grössten Sohn ihres Stammes, besinnen und in seinem Geiste nach dem Kommen der Gottesherrschaft trachten werden, das steht in der Hand j dessen, der die Geschicke beider, der Christen und der 1 Juden, leitet und zu ihrem Endziele hinführt.“ | Da haben wir das Endziel der Darstellung vor uns. I Trotzdem Verfasser keine Hoffnung auf eine Auflösung des j Judentums hat, scheint sie ihm wünschenswert Darum! sind ihm verschiedene Folgerungen geläufig, die man sonst! noch nicht gehört hat. Samuel Nagrela macht er zum 1 Scheinmohamedaner, weil er Erlasse im Stile mohamedänischer Wesire von sich gegeben und als Jude nicht hätte Wesir sein können. Dasselbe nimmt er von Isaak Albalia und anderen Staatsmännern des mohamedanischen Spaniens an: Versteht sich, dass er ein Marranentum Maimuni’s annimmt. Das Dasein eines chazarischen Staates bestreitet er. Es muss ihm entschieden unbehaglich sein, sich das Judentum selbständig und in herrschender Stellung zu denken; und zuzugeben, dass schon in grauer Vorzeit Juden von Mohamedanern zu Staatsleitern ernannt worden sind, scheint ihm ein Ding der Unmöglichkeit. Dass Clemens VII. Salomo Molcho ״in sein Herz geschlossen haben“ soll, ist 1 ihm etwas eben so Ungeheuerliches, wie dass Diogo Pires eben dieser Salomo Molcho gewesen sein soll. Ebensowenig kann er dem Judentum in seiner Eigenart gerecht werden. Empfindet er auch, dass es falsch ist, die jüdische i Geschichte mit dem Fall des Tempels als erloschen anzu- | sehen, so kann er sich von dem Gedanken nicht losmachen, dass das Judentum eine Vorbereitung zum Christentum ן gewesen und zum Aufgehen in’s Ghristentum bestimmt ist. ' Wen diese Auffassung bei solcher Arbeit beherrscht, der | wird unmöglich mit Behagen bei den glänzenden Seiten verweilen. Es ist bezeichnend, dass Vf. für Täuflinge eine ganz besondere Neigung hat und sich gern mit den Veranstaltungen zur Bekehrung der Juden beschäftigt. Zugeben wollen wir ihm, dass die Mission sich dem Judentum gegenüber wohlwollend gezefgt hat, aber er wird uns zugeben, dass das Ziel der Bekehrung immer im Hintergründe sich befunden hat. Und auch bei ihm steht es immer im Hintergründe. Deshalb spricht er dem Judentum gern die Möglichkeit inneren Aufschwungs ab, als wenn die K i r ch e zu jederzeit eine Verinnerlichung ihrer Formen in weitesten Kreisen erfahren hätte I Deshalb möchte er die Innerlichkeit Mendelssohns am liebsten, dem Judentum absprechen und als eine Frucht seiner Kenntnis des Christentums betrachten. Fällt das Judentum von Talmud.ab, so ist, wie Verfasser gern zeigt, der schlimmste Verfall die weitere Folge; hält das Judentum wieder am Herkommen fest, so lässt er es durch Verknöcherung vergehen. Dieselben Züge, die uns in der jüdischen Geschichte erfreulich sind, bieten ihm ge-

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