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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1909-01-01 · No. 10. (1909) · p. Seite 74

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 10. (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 Dann beginnt der zweite, der Hauptteil, aus acht Schauspielen bestehend. Richard aer Zweite zeigt uns die Königsmacht auf ihrer Höhe, von wo aus sie dem BolingbroTTe weichen muss; Heinrich IV. und V. sind Heldengedichte, welche neben den grossen Geschichts- und Staatsauftritten noch Nebenhandlungen haben; diese drehen sich um den wilden Prinzen Heinz und um Falstaff. Die vier Stücke bilden gewissermassen das erste Buch der Shakespeare’schen Königsbücher. Darauf folgt ein zweites Vierspiel, Heinrich VI., Richard III. Da beginnt die Zerbröckelung der Königsmacht durch Königshäuser, welche einander ablösen, bis am Schlüsse Richards III. Richmond als Künder einer besseren Zukunft dasteht. Heinrich VIII ist ein Schluss, der durch die Mängel einer kleinliehen und grausamen Herrschernatur schon die Zeichen einer neuen und besseren Zeit hindurchschimmern lässt. Und in der Bibel? Da zeigen uns die Königsbücher am Anfang in Salomo gleichfalls die Staatsgewalt auf der Höhe, und im weiteren Verlauf des Ganzen erschüttern neue Königshäuser das eine, grössere Reich, das am Schlüsse des ersten Königsbuches uns vor eine Königsleiche führt, wie wir am Ende Heinrichs V. uns auch den jähen Tod des Königs denken müssen. Der neue Teil zeigt ihn uns ebenso bei seiner Beerdigung, wie das zweite Königsbuch mit dem Tode Ahabs beginnt. Da führt uns durch die Kriege der zwei Rosen der englische Dichter zum Sturze des Lankaster’schen Hauses, wie in den Königsbüchern der selbstmörderische Streit der zwei Reiche Juda und Israel sie vernichtet, sei es durch Assyrien oder Babylon, während bei Shakespeare der lange Kampf die Reste der Geschlechter dem grausen Richard überantwortet. Ein Ausblick in bessere Zeiten findet sich am Schlüsse der Königsbücher, wie zuletzt in Richard. Und wie hier in einem Schlussdrama schon die Elisabethzeit uns naht, so kann man die Esrabücher mit einer so befriedigenden Schlussschilderung vergleichen. Hier haben wir einige Punkte angeführt, die uns von der Oberfläche hinweg schon etwas in Tiefe führen. Aber ohne weitere Vergleichsflächen würden wir bedenken müssen, dass es in Werken irgend welcher Art überhaupt doch Teile und Wendepunkte gibt, und dass die Striche, welche Jemand bei der Teilung eines Buches macht, sich doch nach den aut- oder absteigenden Wendungen des Gedankens, der Geschichte oder der dargestellten Ereignisse richten, so dass man vielleicht auch diese Auffassungen als billige Ausnutzung allgemein vorkommender Verhältnisse zu einem Sondervergleiche ansehen könnte. י Vielleicht aber haben die Hauptereignisse, welche dem prophetischen Verfasser der Königsbücher und dem Dichter der Königsdramen Vorlagen, etwas Gemeinsames? ״Beginnen wir mit der Handlung der Königsbücher, indem wir die Samuelsbücher und die Esraschriften ebenso ausschliessen, wie bei Betrachtung der Königsdramen den König Johann und Heinrich VIII. Zuerst zeigt sich uns der glänzende Hof Salomo’s; aber Jerobeam wartet schon auf dessen Sterbestunde, um seinem Sohno Rehabeam den grössten Teil seines Reiches zu entreissen. Und nun stehen zwei schwache Reiche einander kämpfend gegenüber; in Israel herrscht Götzendienst, innere Zerrissenheit lässt Königshaus um Königshaus wechseln, bis endlich des Omri Sohn Ahab machtvoll den Baalsglauben und die Siegesflagge Israels zugleich emporhebt. Ihm folgen schwache Könige, sein Haus sinkt, und wieder beginnt Israel sich zu zerfleischen, bis es dem Assyrer in die Hände fällt — ein Jahrhundert später sinkt Jerusalem, und der Babylonier pflanzt sein Siegesbanner auf. Aber eine bessere Zeit wartet schon in der Verbannung darauf, zur Herrschaft zu gelangen. Bei Beginn Richards II. sehen wir den glanzvollen Hof dieses Herrschers vor uns — aber Bolingbrocke, der schon am Sterbebette des früheren Königs gelauert hat, kommt, wie Jerobeam, aus der Verbannung zurück, um das Reich an sich zu reissen. Richard II. stirbt im Kerker durch Mördershand, und ßolingbrocke als Heinrich IV. folgt ihm. Eine Regierung voller Kämpfe gegen seine nächsten Freunde führt ihn durch ein freudloses Leben, und sein grosser Sohn bringt durchseine Heldentaten die Verbrechen des Vaters in Vergessenheit. Doch plötzlich rafft ihn der Tod weg, und schon an seiner Bahre beginnt der Kampf der entthronten Geschlechter gegen Bolingbrocke’s Haus, der Kampf der roten und weissen Rose. England streitet gegen England, bis das Haus Bolingbrocke’s sinkt und das Haus Yorks auf den Thron kommt. Aber Richard ist der Rächer des beleidigten Menschenrechts, er räumt das ganze sündige Geschlecht in grauenvoller Weise hinweg — doch aus der Verbannung zieht als Vertreter einer besseren Zeit Richmond herbei, um den Tyrannen zu beseitigen und seinen Thron auf festere Stützen zu gründen, als die Vergangenheit es gezeigt. Es ist also eine ganz bestimmte Art von Ereignissen, die in den Königsbüchern und in den Königsdramen vor unser Auge tritt: Das Verbrechen eines Herrschers oder sein Fehler, schlimmer als ein Verbrechen, rollt vorwärts, erweitert sich lawinenartig durch seine Folgen, bis er alles Bestehende vernichtet hat, wonach dann die späteren Geschlechter etwas Besseres hervorkommen sehen. Hier wie dort sind es ganze Zeitalter, die unserem Auge in eigener Beleuchtung vorgeführt werden. Einzelgestalten scheinen die beeinflussenden Wesen zu sein, aber am Faden der Darstellung ziehen ganze Völker an uns vorüber. Hier wie dort ist es eine bedachtsame Auslese aus geschichtlichen Tatsachen, die •es ermöglicht, dass solche Riesengemälde um die Lebensbilder einzelner Helden oder Schwächlinge sich entwerfen lassen; nur so kann der enge Raum zweier kleiner Bücher in den ״Königen“ ausgiebig zur Ausmalung des Ganzen und der beschränkte Bezirk der Bühne bei Shakespeare zur Dar- Stellung eines Jahrhunderts und seiner Kämpfe genügen. (Fortsetzung folgt)

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