Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 9. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Flavius Josephus und seine Verteidigung des Judentums. Ein Vortrag von Distriktsrabbiner Dr. Saiomon Stein—Schweinfurt. (Fortsetzung) Josephus erlitt Schiffbruch und wurde in das Haus eines jüdischen Schauspielers Aliturus, der bei Kaiser Nero in hoher Gunst stand, verschlagen. Er wurde durch diesen Schauspieler mit der Kaiserin Poppäa bekannt und erlangte sofort die Freilassung seiner Freunde. In Rom sah er nun den überwältigenden Glanz des Kaiserhauses, dort lernte er die ungeheueren Machtmittel des Kaiserreichs kennen, er bekam einen Einblick in die riesigen Einrichtungen der Weltstadt, so dass er durch all diesen Zauber geblendet die Fäulnis nicht zu erkennen vermochte, die längst bereits diesen Staatskörper zu zersetzen begonnen hatte. Jedenfalls hatte sich ihm dort die Ueberzeugung aufgedrängt, dass der Widerstand des kleinen Judäa gegen den Römerkoloss aussichtslos sein müsse. Als er nach Judäa zurückgekehrt war, fand er bereits das Feuer des Aufstandes gegen Rom angefacht. Wie er selbst erzählt, riet er dem Volke von einer Empörung ab im Hinblick auf die unerschöpfliche Gewalt des Römerreichs; allein er wurde nicht gehört, sodass er schliesslich den Widerstand gegen die allgemeine Meinung äufgab, in der Hoffnung, dass schon das blosse Einrücken des römischen Statthalters von Syrien die Empörung zur Ruhe bringen würde. Allein der Statthalter Cestius erlitt eine Niederlage durch die Juden, und nun war die Begeisterung für den allgemeinen Aufstand nicht mehr zu dämpfen. Josephus, der vermöge seiner griechischen Bildung, die er sich wahrscheinlich in Rom angeeignet hatte, besonderes Ansehen genoss, erhielt von der Kriegspartei die Verwaltung und Verteidigung Galiläas übertragen. Das war der wichtigste Posten; denn Galiläa war das Bollwerk Jerusalems, nachdem der Anmarsch der Römer vom Norden her zu erwarten war. Hier setzt der Fehler oder auch das Verbrechen des josephus ein. War er wirklich ein Gegner der Empörung, wie er selbst schilderte, so. durfte er aus der Hand der Kriegspartei kein Mandat übernehmen. Uebernahm er das Mandat, so musste er seinen Auftrag im Sinne der Auftraggeber durchführen, energisch, rücksichtslos. Allein das hat Josephus nicht getan! Anfangs hat er wohl für die Verteidigung Galiläas Sorge getragen; aber schon im Anfangs- Stadium seiner Tätigkeit hat er manches getan, was ihn in den Verdacht eines geheimen Römerfreundes brachte. Zumal sein Verfahren gegen den römisch gesinnten jüdischen König Agrippa II. musste solchen Verdacht erregen. Der ihn streng überwachende, glühende Patriot Johann von Giskala, den Josephus nicht schwarz genug zu schildern weiss, der aber seine Rolle konsequent und gewissenhaft bis zum Ende durchgeführt hat, wusste es darum auch durchzusetzen, dass das Synhedrion in Jerusalem eine Kommission nach Galiläa absandte, um sich von der Wahrheit des Verdachtes zu überzeugen. Josephus sorgte dafür, dass diese Kommission unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Es soll nicht geleugnet werden, dass er vieles zur Abwehr eines römischen Angriffs in Galiläa geleistet hat, dass seine schliessfiche 47tägige Verteidigung Jotapatas Umsicht, Tapferkeit und Mut verrät; allein man gewinnt den Eindruck bei der Lektüre der eigenen Darstellung des Josephus, dass eben doch zwei Seelen in seiner Brust schlummerten, dass er eigentlich nie mit ganzem Herzen, mit wahrer Begeisterung die Sache des Aufstandes gegen die Römer führte, vieles nur tat, weil er eben nicht anders konnte, jedenfalls aber auch bewirkt hat, dass viel Zeit und Kraft ungenützt blieb, die, für das grosse Ziel verwendet, sicher nicht ohne Früchte geblieben wäre. Erberichtete ja selber, dass er in den letzten Tagen der Belagerung der Bergfeste Jotapata וחגי ■liebsten aus der Stadt geflohen wäre, dass ihn aber die Bewohner der Stadt daran gehindert, jedenfalls durch stürmische Bitten von seinem Vorhaben abgebraeht hätten. Bei der Einnahme der Stadt Jotapata, die übrigens durch Verrat erfolgte, hatte sich Josephus in eine Höhle geflüchtet, wo er 40 der angesehensten Männer von Jotapata, die sich gleichfalls dorthin gerettet hatten, antraf. Der Aufenthalt der Flüchtlinge wurde den Römern verraten und Josephus und sein Anhang zur Uebergabe aufgefordert. Josephus war, angeblich unter dem Eindruck himmlischer Träume, und weil er ihm gewordene göttliche Verkündigungen nicht durch freiwilligen Tod unterdrücken dürfe, sofort zur Uebergabe bereit. Allein seine Mitgefangenen hatten mehr Ehrgefühl als er selber und erklärten ihrri, dass er ehrenvoll freiwillig als Heerführer der Juden sterben müsse, andernfalls er, durch sie getötet, als Verräter falle; mit gezücktem Scwerte traten sie ihm denn auch entgegen. Josephus bot nun die ganze Kraft seiner Beredsamkeit auf, um ihnen das Törichte und Sündhafte, das Naturwidrige des Selbstmordes vor Augen zu führen und die angebliche Milde der Römer zu schildern; schön sei es, im Kampfe zu sterben, aber nach Kriegsbrauch, durch Feindeshand. Allein diese Worte hatten keine Wirkung bei den edlen Mitgefangenen. Jetzt griff Josephus zu einer List. Er ging scheinbar auf ihren Wunsch, zu sterben, ein und bestimmte sie nur, das Loos entscheiden zu lassen, wer j£ den andern töten solle; der letzte sollte sich dann selber töten. Damit waren alle zufrieden, und einer liess sich stets nach dem Loose von seinem Gefährten durchbohren. Zuletzt war noch einer mit Josephus übrig. Wir zitieren nun Josephus’ eigene Worte: ״Uebrig blieb nun eben Josephus, sage man durch glücklichen Zutall oder durch göttliche Fügung, mit noch efnem Gefährten, und da er weder vom Lose getroffen werden, noch, wenn er schliesslich allein dagewesen wäre, seine Hand mit dem Blut eines Landsmannes beflecken mochte, überredete er auch diesen, sich den Römern zu ergeben und dadurch sein Leben zu retten.“ \ (Fortsetzung folgt).