Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 9. (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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wöchentliche Kur in Herrenbad, Kissingen, Karlsbad usw. verkürzt. Sie sehen, es bleibt hier noch den Gemeinden viel zu tun übrig, um als Vereine von Berufsgenossen unter ärztlicher Führung die Umkehr zu einer hygienischen Lebensweise in die Wege zu leiten. Ein weiteres Gebiet der jüdischen Sozialpolitik betrifft die Kinder, Die Bekämpfung der Säuglingsterblichkeit , steht bekanntlich auf der Tagesordnung der sozialen Medizin und der Sozialpolitik. In dieser Beziehung geben die Juden ein rühmliches Vorbild durch Pflege und rechtzeitige Zuziehung des Arztes. Rosenfeld sagt mit Recht, wenn es den Juden gelungen ist die Säuglingssterblichkeit herabzusetzen, so muss dies auch der christlichen Bevölkerung durch einfache soziale Massnahmen gelingen. Die Sorge um das gesundheitliche Wohl der jüdischen Kinder beginnt erst um die Schulzeit. Der Schulberuf beeinflusst Wachstum־ und Gewicht der Kinder. ׳ Es sind darüber schon viele, aber noch nicht zu einem abschliessenden Urteil führende Untersuchungen angestellt worden. Bei Gymnasiasten hat man eine ungünstige Beeinflussung des Verhältnisses zwischen halber Körperlänge und Brustumfang gefunden. Auch ist ein Unterschied zwischen Stadt und Land festgestellt worden. Ich denke hierbei an eine jüdische Familie in einer Stadt von 30000 Einwohnern; zwei Töchter dieser Familie überragen die Eltern an Körperlänge und hatten die Volksschule besucht, zwei Söhne und zwei andere Töchter sind kleiner als die Eltern und haben Gymnasium und Töchterschule besucht. Ueber die körperliche Beeinflussung der Schüler durch den Unterricht an höheren Lehranstalten werden wir erst nach mehreren Jahren klare Aufschlüsse bekommen, nämlich deshalb, weil die höheren Lehranstalten noch keine Schulärzte haben (bis auf Sachsen-Meiningen). Wenn Sie aus eigner Erinnerung nicht mehr wissen sollten, wie auf den Gymnasien und Töchterschulen die Kinder oft genug müde gequält werden, so lesen Sie die jüngst erschienene Monographie Prof. G u r 1 i 11 s über die Schule. G u r 1 i 11 empfiehlt speciell für die Grossstadtkinder Landerziehungsheime und wünscht diesen baldige Verleihung der Gymnasialprivilegien. Ein solches Landerziehungsheim könnte unseren Knaben ־und Mädchen die stählerne Körperkraft bringen, die leider heute an unseren Kindern im Gegensatze zur geistigen Tüchtigkeit vermisst wird. Dort würde den Schülern Gelegenheit gegeben, nicht nur zu Freiluftturnen und Bewegungsspielen, sondern auch zur Vorbereitung für eine dauernde Ansiedlung auf dem Lande. Meine D. u. H.! es wird Vertrauenspersonen geben, jüdische Lehrer und jüdische Aerzte, bei denen die Schüler besser aufgehoben sein werden, als in der Grossstadt. Sie werden zugeben, heute bereiten die Schulen nicht für das Leben, sondern für die künftigen Berufe vor. Da brauchen wir dringend einen Beirat zur Berufswahl; einmal muss ärztlicherseits ermittelt werden, zu welchem Erwerbszweige der Knabe oder das Mädchen tauglich oder nicht tauglich ist, andrerseits brauchen wir ein Sachverständigea-Collegium, welches über die wirtschaftlichen Aussichten der einzelnen Fächer Eltern und Kindern Rat erteilen kann. Wer die wirtschaftlichen Bewegungen im Handel und unter den geistigen Arbeitern aufmerksam beobachtet, wird zur Einsicht kommen, dass die ökonomische Lage für jüdische Kaufleute, Aerzte, Anwälte, Techniker sich in Deutschland kaum mehr so günstig gestalten wird, als vor 30 Jahren. Besser sind vielleicht in akademischeu Berufen die Aussichten für jüdische Mädchen. Mit den Fragen der Sozialpolitik uns zu beschäftigen, ist dringend notwendig. Indem wir entschieden für die Einführung direkter Steuern (höhere Besteuerung der Erbschaften und der grossen Einkommen) eintreten, bekunden wir unseren Patriotismus am besten. Es müsste Gelegenheit gegeben werden, in dem Jüdisch-sozialen Bunde über neue Gesetzentwürfe speziell hinsichtlich des Einflusses auf die wirtschaftliche Lage der Juden zu diskutieren. Ich meine, nur aus dem Grunde haben viele Juden für antisemitische Kandidaten gestimmt, weil sie keinerlei politische Belehrung erhalten. Ebenso dringend notwendig ist uns die Kenntnis der Gewerkschaftsbewegung. Die jüdischen Kaufleute sind hierüber noch viel zu wenig unterrichtet, als dass sie die Gefahren der gegenwärtig sie bedrohenden Fusion der Handlungsgehilfen richtig würdigen könnten. Eine wichtige Aufgab* der Gewerkschaften ist es, berufshygienische Forderungen zu erheben; daran, mangelt es noch bei den geistigen Arbeitern sehr, und wenn die Gewerkschaften hier versagen, so können auch die staatlichen.Standesvertretungen nichts ausrichten. Eine Neuschaffung von Berufen können und müssen wir durch Einrichtung landwirtschaftlicher Schulen ebenfalls auf genossenschaftlichem Wege erreichen. Einen gesunderen Beruf als den des Landwirts können wir unseren Kindern nicht geben. Deshalb ist es unsere selbstverständliche Pflicht, jede Form der Siedlungspolitik, in welchem Lande auch immer die Ansiedlung erfolgt״ zu fördern. Es bleibt mir nur noch übrig, die veränderte Sozialpolitik der Juden in der Gegenwart zu besprechen, und besonders die verschiedene Entstehung der christlichen und jüdischen Frauenfrage. Meine D. u. H.! Die heute bei allen drei Konfessionen verbreitete Abnahme der Religiosität wird meist dem Aufblühen der Naturwissenschaft und der liberalen Theologie zugeschrieben. Nach meiner Ansicht