Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 8. (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 Flavius Josephus des und seine Verteidigung Judentums. Ein Vortrag von DisfrikfsrabHner Dr. Salomon Stein—Schweinfurt. Für edle, feinfühlige Naturen dürft!! es kaum eine unangenehmere Situation.geben, als die, dass sie infolge widriger Umstände Unterstützunge 1, Wohltaten von solchen Menschen anzunehmen gezwungen sind, denen sie Hochachtung, Verehrung und Liebe entweder überhaupt nicht entgegenzubringen vermögen oder denen sie doch zum mindesten mit recht gemischten Gefühlen gegenüberstehen In dieser unangenehmen Lage befindet sich das Judentum einem seiner Söhne gegenüber, der in den Zeiten der höchsten Drangsal und Gefahr der jüdischen Nation eine hervorragende Rolle zu spielen berufen war, der aber diese Rolle keineswegs im Sinne eines gross veranlagten Charakters mit Drangabe seines Lebens durchzuführen verstanden hat. Es ist dies Joseph ben Mathatias oder, wie er später als Freigelassener des römischen Kaisers Flavius Vespasianus genannt wird, Flavius Josephus, der, im Jahre 67 als Befehlshaber über Gal läa, das nördliche Vorland Judäas und Jerusalems, berufen, die Aufgabe hatte, das Vordringen der Rötrer gegen Jerusalem zu hindern. Wir^önnen diesem Manne, wenn wir zunächst auch noch ganz absehen wollen von der Art, wie er den von den Vertretern der jüdischen Nation ihm gewordenen Auftrag behandelt hat, keinesfalls d i e Bewunderung entgegenbringen, die wir dem Kapitän zollen, der, seine eigene Rettung verschmähend, mit seinem Schiff den Tod in den Wellen s teht und findet. Denn als der Posten, auf den man ihn gestellt hatte, verloren war, war Josef ben Mathatias nur auf die Rettung seiner Person bedacht und er ermöglichte sie mit kleinlichen, bedenklichen, ja direkt zu verwerfenden Mitteln; ja er vermochte es über sich, an der Seite des römischen Feldlterrn den Fall Jerusalems, die Zerstörung des Tempels mit anzusehen und nach dem Untergang seiner Nation aus der Hand der Vernichter seines ^Volkes und Heiligtums die Mittel zu einem behaglichen Leben hinzunehmen. Wir missgönnen dem ewig schmäh süchtigen Thersites, dem krankhaft ruhmlüsternen Herostratus, dem Verleumder und Empörer Korach die ihnen zu Teil gewordene Unsterblichkeit keineswegs, sie stehen vor uns; beladen mit dem ewigen Fluch der Schmähsucht, der Lächerlichkeit, der Verleumdung und Empörung; wir schulden ihnen keinen Dank, sie verlangen von uns keine Bewunderung; sie lassen uns gleichgiltig. Und so würden wir aucl an Flavius Josephus heute gleichgiltig als an einem zum mindesten kleinen Charakter vorübergehen und ihm seine geschichtliche Rolle gönnen, wenn er eben keine weitere Rolle als die eines Verteidigers der Freiheit seiner Nation gespielt hätte. Allein das ist es gerade, was uns Schmerz bereitet, dass uns dieser Mann mit Rücksicht auf seine anderweitigen Leistungen eben nicht gleichgiltig lässt, dass seine grossen literarischen Verdienste und nicht zum mindesten seine Bemühungen um die Ehrenrettung des Judentums uns zur Dankbarkeit gegen ihn geradezu herausfordern und mit der Ueberzeugung erfüllen, dass Flavius Josephus mit Recht fortlebt, unsterblich fortlebt. Wir aber wünschen, dass wir demjenigen, der uns zur Bewunderung nötigt, der uns zu Dank verplichtet, auf allen Wegen, die er gegangen ist, zu folgen vermöchten, dass wir zu billigen vermöchten alles, was er getan, gefühlt, gedacht, dass wir rückhaltlos seine ganze Person zu achten, zu verehren, zu lieben in der Lage wären; und das sine wir bei Flavius Josephus zu unserm Bedauern eben nicht. indessen wären wir ungerecht, wenn wir seine Verdienste nicht anerkennen wollten. Josephus ist es, dem wir eine tusreicheride Kunde über den grossen jüdischen Krieg verdanken, über diesen allerwichtigsten Wendepunkt im Leben der jüdischen Nation. Er hat diesen Krieg, den er in seinem ersten Teil als Führer in hervorragender Stellung mitmachte, in seinem 2. Teil, dem römischen Feldherrn stets zur Seite, als-Zuschauer genau beobachten konnte, auf Grund der eigenen Kenntnis, der Berichte von Ueberläufern, dir Mitteilungen der römischen Heeresleitung zur Darstellung gebracht und er hat um der geschichtlicher Wahrheit willen vor der Veröffentlichung seine Darstellung den römischen Kaisern und früheren Feldherrn in diesem Kriege unterbreitet, die sie aiszutreffend erklärten. Josephus hat eine Geschichte des jüdischen Volkes in 21 Büchern für die damalige ausserjüdische Welt in griechischer Sprache geschrieben, ein Meisterwerk, darauf berechnet, der nichtjüdischen Welt nicht nur die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen Gesetzes zu vermitteln, sondern auch gerechte Beurteilung und Bewunderung für dieselbe abzuringen. Dieser von dem Verfasser gewollt» Zweck wäre heute freilich hinfällig; denn die jüdische Geschichte ist durch Hunderte von Büchern der Welt bekannt und das jüdische Gesetz hat sich durch seine teilweise Aufnahme in Sitte und Gesetz der Religionen und Staaten längst einen Ehrenplatz errungen; aber dieses Werk leistet auch jetzt noch und wahrscheinlich für alle Zeiten unschätzbare Dienste, weil es, von den gelegentlichen Notizen des Talmuds abgesehen, nahezu die einzige Quelle ist iür die Geschichte des jüdischen Volkes seit der Zerstörung des i. Tempels durch Nebukadnezar bis terunter auf die Zeit der Entstehung des Christentums und noch einige Jahrzehnte darüber hinaus. Und auch damit ist die schriftste lerische Tätigkeit des Josephus keineswegs erschöpft. Auch als direkter Verteidiger des Judentums, das man bereits in jenen Tagen in der gemeinsten, lügenhaftesten Weise, genau so wie heutzutage, zu schmälen begonnen hatte und in Schriften anzufeinden und lächerlich zu machen kein Bedenken trug, trat er auf mit Sachkenntnis, Mut, Entschiedenheit, mit stolzem jüdischen