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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 8. (1908) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 8. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 Achten Sie auf diese Schädigungen, und Sie werden das Resultat der Berufs- und Bevölkerungs- Statistik, die ebenfalls eine indirekte Methode der Krankheitsforschung abgibt, richtig würdigen. Nach der Berufszählung von 1895 stellten die deutschen Juden 105319 selbständige bezw. leitende Beamte, 20639 nicht leitende Beamte und 56857 Arbeiter, worunter auch die mehr geistig tätigen Handlung*- gehilfen eingerechnet sind. 1871 betrug die Zahl der deutschen Juden 1,25 °/0 1900 1,04 °/0 der Gesamt- Bevölkerung. Nun sehen Sie aus ihrer Tabelle der preussischen Statistik eine fortwährend fallende Sterblichkeit der jüdischen Personen unter 15 Jahren, dagegen eine steigende über 15 Jahren. Es zeigt sich wieder die der christlichen Bevölkerung gegenüber verminderte Kindersterblichkeit, aber mit der berühmten Langlebigkeit der Juden ist es in Preussen vorbei. Der Ueberschuss der Geburten über die Sterbeziffer betrug bei ihnen von 1881—85 die Zahl 10,3 dagegen 1896—1901 nur 5,1. Die natürliche Be- -ך völkerungszunahme (Abzug der Sterbeziffern von den Geburtsziffern) betrug 1906 in Preussen bei den Juden 4,46 °/0 bei den Christen 15,72°/״• Während die Sterbeziffer der preussischen Juden im Jahrfünft 1878/82 10,13 °/00 betrug und 1898/1902 auf ll,03"/oo stieg, zeigt sich bei den preussischen Christen das umgekehrte Verhalten. Für diese lauten die Zahlen 11,82°/00 und 10,11 0 0 . Diese Aufstellungen führen eine beredte Sprache, sie sagen nichts mehr und nichts weniger, als dass die Juden in Preussen bei gleichbleibenden socialen Verhältnissen, bei der Fortdauer der angeführten Schädigungen in einem durchaus absehbaren Zeitraum aussterben werden. Nun meine D. u. H. komme ich zu dem Ausgangspunkte meiner Betrachtung zurück. Die vielgepriesene Emancipation hat zur Aenderung des socialen Milieus, der Berufe für die deutschen Juden nicht gewirkt, und mit dringender Notwendigkeit erhebt sich für uns die Forderung der Selbsthilfe, wollen wir, wie es Elternpflicht ist, an die Zukunft unserer Kinder denken. Ich habe in einem noch ungedruckten Manuscripte, das sich ״Bausteine jüdischer Socialpolitik“ betitelt, einen gangbaren Rettungsweg ausführlich besprochen. Vor allem halte ich es für notwendig, dass wir uns ohne Unterschied der religiösen und politischen Ueberzeugungen, Männer und Frauen zu einem Jüdisch-socialen Bunde Zusammenschlüssen, in diesem Bunde muss durch freie Aussprache ermittelt werden, was durch das moderne Mittel genossenschaftlicher Verbindung praktisch ausgeführt werden kann 1) zur Beseitigung der Gesundheits- Schädigungen, welche aus dem Leben in der Grossstadt herrühren 2) zu einer socialen Erziehung unserer Kinder und zur Wahl oder Neuschaffung oder, hygienischem Ausbau der Berufe 3) auf dem Gebiete der Sexualpolitik. Was zunächst die gesundheitlichen Nachteile der geistigen Arbeit zumal in der Grossstadt betrifft, so ist darüber wenig bekannt geworden. Für gewöhnlich nimmt man die Berufshygiene nur für die Handarbeiter als notwendig an, der geistige Arbeiter, so glaubt man, hat Zeit und Geld genug, um im Falle der Krankheit für sich etwas zu tun und kostspielige Kuren auszuführen. Eine Berufs- Schädigung hält man bei den Kaufleuten, Beamten, Aerzten, Ingenieuren, Anwälten und den anderen hierzu gehörigen Berufen im Gegensatz zur Tätigkeit des Fabrikarbeiters so gut wie ausgeschlossen. Es kann doch aber die einseitige körperliche Inanspruchnahme in diesen Berufen z. B. langes Stehen, Reden, übermässiges Sitzen und Fahren in gesundheitlicher Beziehung nicht gleichgiltig sein, dazu kommt auch die Verantwortung leitender Beamten, die hohe Ansprüche an die körperliche und geistige Ausdauer stellt. Das Leben in der Grossstadt , belastet weit mehr als auf dem Lande die Sinnesorgane, das Nervensystem, ferner Kreislaufs und Atmungsorgane. Als das erste einigermassen auf fenossenschaftlichem Wege durchgeführte Heilmittel gegen die so entstehenden Schädigungen sind die urnvereine zu bezeichnen. Die jüdischen Turnvereine sind noch jungen Datums, ihre Zahl beträgt in Deutschlaud nach Wolff 21. Dagegen gibt es noch keine jüdischen Sportvereine, während die bestehenden Ruder- und Sportvereine keine Juden aufnehmen. Hier bietet sich für eine jüdische Genossenschaft ein weites ,Arbeitsfeld. Turnen und Sport sind für die geistigen Arbeiter, denen ja eine systematische Muskelarbeit mangelt, zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit unentbehrlich (Näheres sagt Ihnen darüber ein Aufsatz Franz Oppenheimers im Aprilhefte der Neuen Deutschen Rundschau Jahrgang 1901). Ein nicht gesunder, leichter Sport ist Kegeln und Billardspiel. Ich glaube, wenn in einem jüdischen Vereinshause Berlins Gelegenheit zum Kegeln und Billardspiel gegeben wäre, ohne Zwang zu alkoholischen Getränken, so würden sich daran besonders Mädchen und Frauen beteiligen können, die _ bei uns grossstädtischen Juden in noch geringerem Grade als die Männer ihre Muskeln üben können. Es passt nicht jede Körperstählung für alle Menschen. Wer abends spät von geschäftlicher Anstrengung heimkehrt, sollte nicht die schwersten Gerätübungen machen, es muss nach Alter und körperlichem Zustände individualisiert, mit leichtem Sport begonnen und allmählich schwerere Uebungen vorgenommen werden. Die gröbsten Fehler werden in der Grossstadt auf dem Gebiete der Ernährung begangen; es wird zu viel oder zu unregelmässig gegessen oder die Qualität der Nahrungsmittel lässt in physiologischer und hygienischer Beziehung zu wünschen übrig. Wenn Sie, meine D. u. H. einen alten Friedhof einer kleinstädtischen jüdischen Gemeinde besuchen, so finden Sie unter den alten Denkmälern die Mitteilung, dass der Verstorbene 100, 104 Jahre erreicht hat, kommen Sie aber zu den neueren und prunkvolleren Grabsteinen, so fällt Ihnen eine Verkürzung der Lebensdauer auf. (Fortsetzung folgt).

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