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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 7. (1908) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 7. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 Besprechungen. Spinozaschriften Dr. Ludwig Sehring: Spinoza, sein Leben und seine Philosophie 96 S. Berlin, Leipzig, Seemann Nachfolger, 1 Mk., gebunden 1,50 Mk. (Sammlung ,Kulturträger“.) Chr. A. Thilo: Spinoza’s Religionsphilosophie. Langensalza, Beyer und Söhne, 80 S., 1,25 Mk. (Religionsphilosophie in Einzeldarstellungen, herausgegebeif von O. Flügel, Heft VII.) Die Sehring’sche Arbeit über Spinoza ist ein Heft der Seemann’schen ,Kulturträger״, die sich an die weitesten Kreise wenden. Dem Verfasser ist es sehr wohl gelungen, den widerstrebenden Gegenstand volkstümlich zu behandeln und doch dabei Neues zu bieten und zwischen verschiedenen Ansichten zu entscheiden. Einzelnes dürfte selbst Kennern neu sein. Das Exemplar humanae vitae da Kosta’s ist erSTnach Spinoza’s Tode gedruckt worden und hat auf ihn ■icht eingewirkt. Nach dem berühmten Erbprozesse, wobei er bekanntlich Bett und Vorhang seinen Geschwistern fortnahm, hat er auf die übrigen ihm zugesprochenen Gegenstände verzichtet Sehring macht weder mit Kuno Fischer der Amsterdamer Gemeinde Vorwurfe wegen ihres Vorgehens, noch verteidigt er sie mit Freudenthal — vielmehr erklärt er den ganzen Vorgang aus dem Geiste der Zeit. Spinoza zieht zuerst nach Ouwerbeck, wo er nicht, wie Fischer will, mehrere Jahre, sondern nach Freudenthal mehrere Monate bleibt. Zeitraubendem Umgang entflieht er von Amsterdam nach Rejnsburg, 1663 zieht er nach Voorburg und 1670 nach dem Haag. Im Trauerjahre um den Vater besuchte er noch die Synagoge und liess sich zur Thora aufrufen. Sehring nimmt auch an, dass ihm die Ausstossung aus dem Judentum nicht gleichgültig gewesen sei. Ausser der Schleiferei von Augengläsern betreibt er, wenn auch nicht als Haupt- Sache, die Zeichenkunst. Erst 1670 tritt die Kirche gegen den Traktat auf; er wurde 1674 verboten, in welchem Jahre die Ethik fertig wurde. Nurdie Prinzipien und dei Traktat sind bei Spinoza’s Lebzeiten gedruckt worden. 1673 wurde Ihm ein Jahrgehalt angeboten, (Oberst Stouppe tat es im Namen Conde’s), wenn er Ludwig XIV ein Werk widmen würde. Spinoza lehnte ab. Pufendorf sucht Spinoza auf. Leibniz wollte nicht mit ihm zusammen genannt werden. Nach Spinoza’s Tod wurde Leibniz von Spitler der Ankauf der ,Ethik“ in der Handschrift vorgeschlagen. Das waren einige Angaben aus Abschnitt 1. Lehrjahre und II Schicksale des Renegaten. Es folgt .nun 111. Spinoza als Persönlichkeit, IV. seine Philosophie, 5. Spinoza im Urteil der Geschichte. Schon die obigen Proben haben wohl gezeigt, dass diese anspruchslos auftretende Schrift auch höheren Forderungen entgegen kommt, ohne aber den Boden des Volkstümlichen zu verlassen. Besonders anzuerkennen ist es, dass-Verfasser sein Urteil nicht aus der geschichtlichen Stellung Spinoza’s zur Religion herleitet. Das tut aber Thilo, wie schon der Name seines Buches besagt Thilo behandelt, wohl in Anlehnung an Herbarts Stellungnahme zu Spinoza, diesen als einen ,für seine Zeit tüchtigen, aber nicht originellen Denker.“ Er ist nämlich in seiner Hauptansicht aus Deskartes herzuleiten. Nun, das habe ich schon im Jahre 1878 in meiner bei Friedrich in Leipzig erschienenen ,Monistischen Philosophie“ nachgewiesen. Ist aber Kant nicht bei den Engländern in die Schule gegangen? Beginnt nicht Fichte als Kantianer, Hegel als Schellingianer und schwört Schopenhauer nicht auf Kants Hauptsätze? Ist nicht jeder Denker, Dichter oder Forscher, ja, jeder Strebende zunächst Schüler der Früheren? Man braucht bei Spinoza gar nicht vor Descartes Halt zu machen, man kann sagen: Spinoza hat den Eleaten den Begriff des reinen Seins entlehnt — denn die Denker können so wenig eine noch nicht gedachte Lehre, nie eine neue Welt schaffen. Vielmehr ist zunächst nur die Art der Fragestellung, durch geschichtliche VerhStnisse geboten, das Neue. Thilo meint, Spinoza wolle sich an die Stelle der Religion setzen und nur eine begründete Anweisung zum glücklichen Leben geben. Das will m. E. n. jeder Denker, indem er aus der vorausge- ן setzten Weltanschauung Folgerungen für menschliches Denken und Handeln zieht. Spinoza’s für uns :längst überwundene Beweisart wird gewiss nicht schwer anzugreifen sein, wie es Verfasser öfter tut. Dass man von der Möglichkeit und dem Begriff nicht auf die Notwendigkeit und die Tatsache schliessen kann, wissen wir von jeher; ebenso was gegen die gewaltsame Gleichsetzung von Denken und Ausdehnung gesagt wird. Aber diese Sonderbarkeiten Hessen aus Spinoza eine eigenartige Seelenlehre hervorgehen, die das Verstehen | des Menschen an Stelle des Aburteilens lehrte und noch bis heute nicht überwunden ist. Seine leidenschafts-! lose Besrachtung der Dinge hat grosse wissenschaftliche Erfolge gezeitigt, er hat, was man heute in pangermanischem Eifer gern abstreitet, einem Göthe den dichterischen Standpunkt zur Erfassung der Welt geboten. Spinoza's Verhältnis zur Religion wird ia nach dem Standpunkte des Beobachters verschieden aufgefasst werden. Religion und Wissenschaft haben aber so verschiedene Aus- gangspunkte.dassgerade ein T h i I o eine reinliche Scheidung \ zwischen Glauben und Wissen fordern muss, wie sie Lessing i zwischen Dichtung und Malerei heFgestellt hat. Die Ergebnisse müssen dann, Religion und Wissenschaft beide nach ihren strengsten Begriffen vorausgesetzt,! folgende sein: Dem Denker Spinoza kann man als einem! Denker Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, man muss i es, wenn man an die Eigenart des geradlinigen wissenschaftlichen Beweises denkt, der mit sich nicht spielen lässt. Folgerungen für die Lebensführung, demnach auch für die Religion, ist man durchaus nicht gezwungen daraus zu ziehen, weil Leben und Religion von den Geradlinigkeiten der Vernun ft Nichts wissen, sondern durchaus an einem Her- ■ kommen, einer Ueberlieferung hängen, selbst bei denen, die j eine Ueberlieferung leugnen. Wenn erst einmal dieses I! Verhältnis allgemein anerkannt ist, dann wird man dem Denker ebenso gerecht werden, wie dem Herkommen, dem | ewig Beweglichen ebenso,wie dem mehr Feststehenden. Der- '1 artigeSonderungen,der Religion unddemWissen gleich heilsam, ,, sollten als das festeste Erbe Kant’s in unserer Mitte gelten. jj Gross, die Satire in der jüdischen Literatur. Augsburgl908. 63S. Frankfurt,Kauffmannl,50Mk. Oft hört man sagen: . ״Dem Juden schwebt stets der Zweck vor, folglich ■ kann er sein Denken und Fühlen nicht in’s Gewand der Kunst hüllen; so kennt er kaum die Waffe des kräftigen Humors und gewiss kein gesundes Lachen. Steter heiliger!1 Ernst ohne Ümkleidung kennzeichnet seinen Weg“. Liest man ״die Satire in der jüdischen Literatur“ auf einem Buchdeckel, so weiss man, dass der Verfasser gerade den dem Juden abgesprochenen Zug in ihm aufdecken will. Gross sondert bei der Betrachtung der jüdischen Satire Ueber- Setzungen und Streitschriften aus. Aus der Bibel bringt Verfasser Einiges, aus der Haggada Weniges; wir müssen sagen, dabei noch nicht das Treffendste. Bar Kappara's Spottgedicht fehlt ebensowenig, wie die sorgfältig verhüllte Götterstatue Josua ben Levi’s und die Mücke des Titus. Wenn der Rangstreit der Berge bei der Gesetzgebung von Barkappara stammt, so darf der ältere Jose hagelili nicht der Gewährsmann sein. Die Fabel vom Rangstreit der Steine unter Jakobs Haupt ist wohl keine Satire, sondern zeigt das Mitgefühl der Steine, wo es bei Esau versagt. Das Gabirol’sche Wasserlied führt uns dazu, eine Ueber- Setzung im Jargon kennen zu lernen, die recht lesbar ist. Je mehr wir uns der Neuzeit nähern, desto mehr Neues erfahren wir. Wir lernen da eine ganze Reihe satirischer j Dichter kennen. Verfasser zeigt sich (z. B. S. 22) als gewandter dichterischer Uebersetzer. Dass in den Predigten I eines Jellinek sich viel Verwendbares findet und sicher bei vielen anderen Predigten, durfte Verfasser gelegentlich des Aweideslower Maggid anführen. Wo bleibt aber der Dubnoer? Die moderne Zeit ist im Schluss mehr als kurz abgetan. Alles in Allem — wir haben einen geschickt zusammengestellten Vortrag vor uns, der uns zeigt, was , Gross bei umfassender Behandlung hätte machen können und vielleicht machen wird. Dann hätte das Buch aber nicht ״die Satire“ etc., sondern ״Einiges über etc.“ heissen müssen. Doch ist die Arbeit, die in engem Rahmen ein; recht mannigfaltiges und lebendiges Bild der jüdischen i Satire und ihrer Entwickelung bietet, den weitesten Leserkreisen zu empfehlen.

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