Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 6. (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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— 44 — oder des irdischen Berufes) ab; und Jeder, der das Joch der Thora von sich abwirft, dem legt man das Joch des Reiches und des Derekh erez auf.“ Wir müssen diesem Satze folgende Deutung geben: Wer das Gesetz als Joch auf sich nimmt, der bedarf nicht der Erziehungsmittel, welche der Staat oder die Menschensitte (die Etikette) zur Verfügung hat; wer sich aber diesem Joche entzieht, der wird mit der staatlichen Strafgewalt oder mit den Zuchtmitteln der Gesellschaft zusammenstossen. Ich weiss wohl, dass es andere, aber nicht einfachere Erklärungen gibt. Von der tiefinnerlichen Auffassung des Nechunja zeugt es auch, dass er, falls die Thora ברת oder מיתה, Tod nicht durch des Richters, sondern durch Gottes Hand androht, den Verbrecher ebenso von weiteren Strafen freispricht, als wenn ihn der Tod durch den irdischen Richter getroffen hätte. Der angedrohte Tod durch die Gottheit muss uns also ebenso herb erscheinen, wie das durch den Henker ausgeführte irdische Todesurteil. Wer das Joch der Thora auf sich nimmt, hütet sich, Gott zu missfallen. So ist die Thora der beste Paidagogos, und gerade wenn sie als Erziehungsmittel fehlt, dann versagen die höheren Eindrücke, und der Staat muss als Richter eintreten. 3) Die daranstossende Stelle lautet: (Gal. 3»«ff), Alle seid ihr durch den Glauben an Christum Jesum Gottes Kinder. Wer nämlich in Christo getauft ist, hat Christum angezogen. Nicht Jude noch Grieche; nicht Sklave noch Freier; nicht Mann noch Frau: Alle seid ihr eins in Christo Jesu. Wenn ihr Christo angehört, so seid ihr vom Samen Abrahams, Erben nach der Verheissung.“ Paulus Ansicht ist hier die, dass Taufe und Glaube alle volklichen und geschlechtlichen Schranken zurückdrängen, alle Standesunterschiede schwinden lassen, dass dann nur eine Einheit vorhanden ist, dass Alle dann Abrahams Nachkommen nicht durch Geburt, sondern durch die Verheissung genannt werden. Akiba, der berühmte Schüler des vorgenannten Nechunja, muss diese und ähnliche Aeusserungen des Paulus im Auge gehabt haben. Er, der bekanntlich das ואבת לרעך כמוך als einen Hauptsatz der Thora hinstellt, in dessen Sinne Ben Asai das Allgemeinmenschliche dieses Satzes besonders hervorhebt, musste sich ganz besonders dadurch getroffen fühlen, dass Paulus das Allgemeinmenschliche nur mit dem Glauben an Jesum verbindet, im Judentum dagegen die alten Scheidewände zwischen Mensch und Mensch weiter aufgerichtet sieht•:- Da weist er Abot 3 in הביב אדש zunächst auf die Würde des Menschen, des Gottesbildes in ihm, hin, d. h.: Wir erkennen auch das Allgemeinmensehliche an! Er fügt aber hinzu: ״Israels Vorzug ist es, dass sie Kinder heissen; ein besonderer Vorzug ist ihnen zu Teil geworden, dass sie Gottes Kinder heissen; denn es heisst: Kinder seid ihr des Ewigen Eures Gottes.“ Wären wir nur Kinder unserer Stammväter — das wäre genug! Also filii Abrahae! Aber ein Mensch, und wäre es ein Stammvater, kann nie eines Menschen Musterbild sein; darum müssen wir Gottes Kinder sein, in Gott selbst däs Vorbild sehen (״wie er gnädig und barmherzig, wie er langmütig, wie er die Nackten kleidet — also tue Du’s, und schliesse Dich so an Gott an“), das aber können wir nur, wenn wir ״tun, was recht und gut ist in den Augen des Ewigen“ — d. h. nicht durch das Aufgeben der Thora, mit welcher Gott die Welt geschaffen und die das stärkste Weltentwicklungsmittel ist und bleibt. — So wird dem (auch von Harnack betontem Grundsätze ״Christus der Herr“ von Akiba mit Bewusstsein entgegengehalten ״Gott der Herr!“ 4) In der Offenbarung Johannis 2« erfahren wir, dass in Ephesus (allerdings der Gemeinde verhasst) die Nikolaiten ihre Greuel treiben; und dass dieselben auch in Pergamum vorhanden seien, an welcher Stelle die Nikolaiten mit der Lehre Bileams und den von ihm angeratenen midianitischen Greueln in Verbindung gebracht werden. ״Balaam“ wird noch 2. Petri 2!־> und Judae 11 erwähnt, d. h. stets wird einer Anhängerschaft gedacht, welche, wie der biblische Bileam, durch Bestechung zum ״Irrtum“ (tij jtXavii) gelangt oder auf den Weg Bileams aus Pethor abgeirrt ist, der den Lohn der Ungerechtigkeit geliebt hat. Nach Apoc. 6״ bestand das Nicolai'tische darin, dass man Götzenopfer frass und sich der Buhlerei ergab. Im Clemens Alexandrinus III<36 tadeln die Apostel den Nikolaos wegen allzu grosser Eifersucht gegen seine Frau. Da kehrt er die Sache um und gibt seine Gattin und sich selbst allen Lüsten preis, worin seine Schüler es ihm redlich nachmachten. Ich weiss nicht, ob Folgendes schon bemerkt ^worden ist: Midrasch Tanchuma und Rabbah berichten Anfang Balak übereinstimmend, Bileam sei von Gott zum Propheten der Völker erwählt worden, damit Israel keinen Vorzug vor ihnen habe und auch sie zur Besserung geführt werden. Bis zu Bileams Zeit hätten sich die Heiden von geschlechtlichen Lüsten frei gehalten — er hätte erst diese Schranken vor ihnen beseitigt. Raschi liest im Gegensatz zu den עבירות der Midraschim עריות, was doch nicht _auf Kosten des Erklärers zu setzen, sondern auf ursprünglichen midraschischen Wortlaut zurückzuführen ist. S. auch Aboth V den Gegensatz der Schüler Abraham’s gegen die des Bileam, und Mekhilta Jitro Bileams Anwesenheit bei der Gesetzgebung. Jeder Ansturm gegen Sitte und Recht beginnt mit einer Zersetzung nicht nur der Glaubens- Satzungen, sondern ganz besonders der geschlechtlichen Schranken. Deshalb ist das Judentum gerade in dieser Beziehung unbeugsam streng, und es muss sich gerade darin den Widerstand jeder neuernden Partei gefallen lassen. So haben Rabbinen und Midraschisten damals den Kampf der Balaamiten gegen Sitte und Ordnung wohl begriffen.