Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 4. (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eingreift! Wie zäh er mit Hilfe seiner Sippe auch seine Sache verficht — es führt die Beiden doch der nötig gewordenen Scheidung näher. Die Verwandten lernen Jettchen wieder schätzen, und sie nähert sich nach und nach innerlich dem Gebert’schen Kreise. Sie nimmt an allen Angelegenheiten teil, an der Krankheit und dem Todesfälle des Onkel Ely, der Tante Minchen, an dem Ableben ihres Vetters Wolfgang, an den Toilettenfragen ihrer Tanten, überall greift sie opferwillig und musterhaft mit ihren festen Händen ein. Die Jacoby’s müssen in den Hintergrund, Onkel Naphtali wird berlinmüde, seine beiden Nichten werden, wie er selbst, aus Berlin hinausliebkost, und auch Julius bleibt, wenn er offen gegen sich sein ׳ will, nur Benschen als rettender Hafen im Meere des Lebens. Und die beiden Liebenden? Merkwürdig! Je mehr die Hindernisse ihrer Liebe schwinden, desto weniger treten sie einander näher. Alle Zusammenkünfte bei Jason, alle gemeinsamen Spazierj gänge, alle Liebesbriefe können darüber nicht hinweghelfen, dass die Beiden immer weniger zusammen j passen. Dass der Berliner Zeitungsklatsch sich dieser Dinge bemächtigt, dient so wenig zum Bindemittel I zwischen Beiden, wie dass Kössling seine Stelle als Bibliothekar desshalb verliert. Ihm fehlt der frucht- 1 bringende Schaffenstrieb, das Schach nimmt ihn gefangen, und nur schwer kann er sich zur geringsten! Arbeit aufraffen. Er wird immer ungeschickter im Umgang, ist immer schwerer zu behandeln und die! Beiden werden, ohne es zu wissen, einander immer mehr fremd. Statt dessen stellt sich eine stille Neigung Jettchens zu ihrem alten Onkel Jason heraus, wie jer selbst ^ie immer zu seiner Nichte gehegt hat. Trotzdem bemüht er sich, sie mit Kössling zusammenizubringen, und in diesem Widerstreit der Gefühle stösst sich Jettchen eine Nadel in die Brust, und Jason 1liest den an Kössling gerichteten Brief, der ihre Neigung zum Oheim bekundet. Kössling liegt verzweifelt am Boden. Das ist Jettchens Ende. ' Sie wissen, was ich dem Verfasser beim Lesen des ersten Bandes so schwer verzeihen konnte: Dass er uns zu dem Wunsche gezwungen hat, Jettchen möchte eine Mischehe eingehen. Die Wahl zwischen Julius Jakoby und Kössling konnte uns nicht schwer fallen. Der zweite vorliegende Band stellt jgewissermassen einen sechsten Akt dar und macht die Probe auf die ersten fünf Akte. Wie wäre es 'wenn Jettchen und Kössling ein Paar geworden wären? Und die Antwort lautet: Höchst langweilig! So lange Tante! Rieckchen, Tante Hannchen und Julius als Hemmnisse vor Jettchen standen, schien Kössling die einzige Ausflucht zu sein, und das machte ihr Verhältniss so innig. Nun aber alle Hindernisse vor uns schwinden und sich das Liebespaar beim Lichte der ruhigen Alltäglichkeit ohne den Rosen- Schimmer gegenseitigen Leidens und Mitleids betrachtet, da stellt sich Jettchen als eine echte Gebert heraus, sie bedarf der Klarheit, und Kössling ist und bleibt der jugendliche Träumer, der er gewesen ist. Wie krampfhaft sie sich umarmen, wie sehr sie sich mühen, die Stimmungen der ersten Akte in sich neu zu erzeugen — es ist umsonst! Ich musste nun dem Verfasser stille Abbitte leisten — er hat sich als Dichter der Tatsachenweit bewährt, er hat uns die Wirklichkeit gezeigt, ohne uns zu ernüchtern oder zum Katzenjammer zu bringen, denn er hat die Wirklichkeit mit ihren kleinen Neber.zügen uns gezeigt; da kann sie nicht flach wirken —sie bleibt Bewegung, Entwicklung. Hermann vermag uns aus den erschütterndsten Augenblicken gerade in die Welt der Lächerlichkeit und Flachheit zu versetzen, aber er taucht seine Alltagsmenschen in den Lichtglanz gutmütigen Spottes d. h. überlegener Menschenbetrachtung, und so lässt er uns das Erschütternde durch Abwechslung ertragen und gerade durch die Abwechslung nachher doppelt empfinden. Die innere Neigung Jettchens zum Onkel Jason halte ich für eine Unmöglichkeit f— Jettchen kann dem Onkel gegenüber Vertrauen hegen, kann sich bei ihm ruhig und sicher fühlen, aber es kann von geschlechtlichen Empfindungen, die doch dabei vorauszusetzen sind, nicht die Rede sein. Der Verfasser hat sich selbst in Jason verliebt und da plötzlich die Leidenschaft für ihn in Jettchen entdeckt. Ohne diese Empfindung hätte Herrmann aber Jettchen nicht so glatt absterben lassen können, wie sie nun vom Schauplatze abtritt. ׳׳ Blicken wir aufs Ganze, so haben wir ein Riesenbild vor uns, das uns durch die richtige Verteilung der Einzelgestaiten garnicht in seiner Riesenhaftigkeit erscheint. Es sind die Dreissiger Jahre in ihrer Kleinbürgerlichkeit, in ihrer geschichtlichen Erbärmlichkeit, darum auch in ihrer weltabgeschiedenen Behaglichkeit. Was dazu gehört, hat Herrmann uns nicht nur geschildert, sondern oft uns andeutend iühlen lassen. Etwas weit ausgedehnt fand ich seine Naturschilderungen. Da hat er zu sehr gefrenssent und zu oft und zu breit Menschheit und Natur durch einander Stillleben lassen. Bedurfte er dieser Farbentöne, um jene Zeitstimmungen durch sie ausdrücken zu lassen, so konnte er durch sparsame Anwendung doppelt wirken, während jetzt oft das Ganze dadurch erdrückt wird und der Leser in Halbschlaf gerät. -Bann hätte ich gewisse Wendungen, mit denen Herrmann selbstgefällig spielt, wie ״Und es kam, wie es kommen musste“ usw. gern vermisst, weil ein Dichter von Herrmanns Bedeutung dieser kleinen Mittel nicht bedarf, um zu wirken und diese Wendung ein grosses Selbstlob enthüllt. Der Leser muss fühlen, dass Alles kommt, wie es kommen musste — der Verfasser soll es ihm nicht selbst sagen. Aber Unmut beschattet Ihre Stirne — ich werde umständlich und gerate in Nachmittagsstimmung, h wollte Ihre Freude an dem Werke nur steigern, indem ich Ihnen zeige, wie genau ich es gelesen, s wird eins der Hauptwerke unseres Jahrhunderts bleiben, womit ich zu Ihrer Erleichterung schliesse, jb plötzlicher, desto erleichternder! —