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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 3. (1908) · p. Seite 20

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 3. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Begeisterung geführt hat. Woher weiss er aber, dass seine edeln sittlichen Anschauungen Kinder des Monismus und nicht vielmehr ein Erbe des Gottesglaubens sind, das sich mit diesem verlieren kann? Wir haben uns also Reinke’s keineswegs zu schämen, der noch den Vorteil hat, auf die beiden Seiten Kants hinzuweisen'deren keine vom Kenner gering geschätzt werden dürfte. Ich habe schon Manches gesehen. Das Blütenzeitalter Büchner’s, das nur Kraft und Stoff anerkannte und im Monismus (damals schrieb ich bereits meine ״Monistische Philosophie“ *) eine dem Glauben nahestehende Geheimlehre sah. Jetzt ist Büchner’s Einfluss verschwunden, und der Monismus, der das Ding an sich in den Dingen sucht, scheint sich als Alleinherrcher zu fühlen. Auch seine Abgangszeit wird und muss kommen, wenn er auch heute ״ewig herrscht“. Fragen Sie nur Cidher den ewig jungen! Wenn er prüfelnd lächelnd sagen wird: Und abermals nach 500 Jahren — Will ich desselbigen Weges fahren, so ist das für das Schicksal des Monismus eine unendlich lange Zeit. Ich aber sage das nicht. Wenn ich in 500 Jahren noch leben sollte, fahre ich nicht desselbigen Weges. Der Zug schwankte, was er konnte, und Städte und Dörfer führten die merkwürdigsten Tänze auf. Geistig schüttle ich gerne und lasse mich schütteln, aber diese Bewegung! Geistig verausgabt und körperlich dürchschüttelt lange Ich endlich zuhause an, womit ich verbleibe — Sie wissen ja schon, was! David Kaufmann. (M. Brann: David Kaufmann, gesammelte Schriften, erster Band. Erster Band. Kauffmann 1908.) (XII und 393־ S.) Und wie eifersüchtig wacht Kauffmann darüber, dass der verlassenen jüdischen Wissenschaft nur ihre berufenen Künder nicht verloren gehen! Und dabei wie weltumfassend ist sein Wissen und wie viele Gebiete hegt er mit gleicher Liebe! Er ist schnell mit Vergleichen aus der Weltliteratur, aus der Welt der Denker, aus der Kunstwelt bei der Hand, und nichts Menschliches ist diesem so eifrigen Freunde jüdischen Wissens und Fühlens fremd. Er würde dabei in Verlegenheit geraten, wollte man ihn nach seinem Sonderfache fragen. Ueberall bewandert, überall auf der Höhe — soll dieser Mann etwas Ausgereiftes geleistet haben? Seine grossen Arbeiten beweisen, dass er es getan. Aber, wie er es von Grätz rühmt, ihn verlangte nicht nach dem Ruhme eines Sammlers um des Sammelns willens — das führt ja auch nicht vorwärts: Jede Einzelheit muss nützen, und die weiteste Allseitigkeit des Forschers muss Alles mit Allem in Verbindung bringen. Darum steht ihm Zunz so unendlich hoch. Ein Mann wie Heller, Meister und Kenner aller Literaturen, wird von Kauffmann mit fester Freundeshand der neuhebräischen Dichtung nähergeführt, und er verfolgt nun mit seinem liebevollen Blick für das Kleine die Uebersetzer-, ja, die Nachdichtertätigkeit Hellers, ehe dieser sich ganz dem Sanskrit weiht. Und wie־ er in dem Halbheiden Heller hier das Erwachen des religiösen Geistes bei der Berührung mit den trauten altjüdischen Liedern fühlt, so ruft er wo anders einem Zunz freudig das Wort nach: ״Selbstmord ist keine Reform!“ so fühlt er in Michael Sachs die Vereinigung des jüdischen und griechischen Geistes und die Neigung, das Judentum im Alten beruhen zu lassen. Neu auftauchenden Erscheinungen sieht er sofort auf den Grund: So hat er George Elliot’s Deronda eine grosse Betrachtung geweiht, hat er die Gestalt Glückela von Hameln zuerst gewürdigt, ist er ganz besonders den Herzberg’schen ״Familienpapieren“ gerecht geworden. Was er über dies Buch sagt, hat gewiss jeder Leser an sich empfunden. Er scheut sich nicht auszusprechen, dass solch ein Werk im neunzehnten Jahrhundert Einem fast unmöglich erscheint. Er fürchtet keine Gegnerschaft wenn er betont, dass die Verteidigung des jüdischen Ceremomalgesetzes, wie sie Herzberg bietet, allein schon dem Werke seine Bedeutung sichern kann. Was würde in unserer Zeit David Kauffmann begegnen, wenn er derartiges äussern und trotzdem der Mann der Wissenschaft würde sein wollen! Aber er kennt eben keine Einseitigkeit und hält es für keine Schwäche, seinem Gefühle zu folgen. Diesem allseitig gebildeten Manne ist aber doch Folgendes passiert: ״Es ist schön lange her, seit Heinrich Heine den boshaften Vers gedichtet von den Ochsinnen, die auf dem Berge stehen, wenn man sie nach Salomo Jbn Gabirol, nach jehuda halevi oder Moses jbn Esra fragt; man hat aber nicht gehört, dass sie seitdem heruntergekommen seien“ (S. 7). Nun stehen bei Heine und sonst auch Ochsen und Ochsinnen doch immer nur am Berge, denn wenn sie auf den Berg gelangen würden, wären sie ja die Ochsen und Ochsinnen nicht. Ich halte es für ganz begreiflich, dass David Kauffmann derartige Stellen nicht auf Seiten- und Zeilenangaben nachgeschlagen, dass es ihm zu viel war, sie wörtlich anzuführen. Am Berge hat er nie gestanden, der Tatenfrohe, darum ist ihm ein solcher Fehler unterlaufen. Und dass ihm gerade dieser locus communis durch den Kopf fährt, kennzeichnet deת Mann, der die Arbeit geschrieben: ״Wie heben wir den religiösen Sinn unserer Mädchen und Frauen?“ So ist selbst ein Irrtum David Kauffmanns bezeichnend für den Mann, von dem wir einen Teil durch diese Veröffentlichung und durch die nachfolgendem Bände wieder erlangen. Ich muss hier endlich abbrechen und der Gesellschaft zur Förderung und den Herausgebern meinen innigsten Dank für die Gabe aussprechen, fest überzeugt, dass alle Leser darin mit mir übereinstimmen werden. *) Leipzig, Wilhelm Friedrich.

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