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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 3. (1908) · p. Seite 19

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 3. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 Literarische Briefe. 4lur Lage. Schwanken des Wagens — Geräusch der Räder — Wälder, Häuser, Telegraphendrähte schwingen sich vorbei — ich möchte gern sc hlafen, drücke die Augen zu, aber es geht nicht. Der unterbrochene Brief an Sie schwebt schimmernd vor meinen geschlossenen Augen, ich öffne sie erstaunt, und die Erscheinung verschwindet. Wie sieht es also mit religiösen S reitpunkten in ausserjüdischen Lagern aus? Was halten Sie von den Katholiken? Da wird doch wohl kein Strahl vernünftigen Denkens zu entdecken sein, und von bibelwissenschaftlichen Fragen darf dach sicher nicht die Rede sein! Was halten Sie von Paderborn und seiner bischöflichen theologischen Fakultät? Was halten Sie von den Männern, die dort in den Kreuzgängen ihre Amtszimmern haben? Die werden gewiss jeden Lichtschein gegenüber die Fenster schlossen! So kommen Sie einmal nach dem Bürgervereinssaale in Paderborn. Sie sehen einen Geistliehen vor sich, der dort zu den Versammelteil spricht. Die Kirche und ihre Ueberlieferung muss nach seinen Worten dem Geistlichen wie dem Laien über der Bibel stehen, wenn die Kirche sich selbst nicht' aufgeben will. Aber wo der Katholik die Bib:l verteidigt, muss er mit dem Rüstzeug der neuzeitliehen Wissenschaft ausgestattet sein, um nicht vorauszusetzen, was er beweisen soll. Und der Geistliche gibt der Textkritik ihr Recht, indem durch sin das Wesentliche der Schrift als echt bewiesen und nur Nebensächliches geopfert wird. Selbst die höhere Kritik findet in ihm einen Verteidiger, indem sie Irrtümer der Zusammenstellung berichtigt und das Wesentliche der Bücher als irrtumslos und offenbart kennzeichnet. Wo ein biblisches Buch sich nur als G1 e ic h n is, nicht als G esc h i c h t e herausstellt, da gilt es, den inneren Kern als Wahrheit zu retten, nicht die äusseren Einzelheiten der Vorstellung. Sind Sie nicht erstaunt? Wir haben Glück gehabt — wir haben Professor D. Norbert Peters vom bischöflichen Seminar gehört. Das ist eil Geistlicher, der streng zu seiner Kirche hält, sich aber das Recht freier Geistesbewegung nicht nehmen lässt. Als der hebräische Sirach auftauchte, war Peters obenan unter den Bearbeitern, er hat zu Obad a und Samuel wichtige wissenschaftliche Beiträge geliefert, ln seinen Vorträgen hat er das Verhältnis der Kirche zur Naturwissenschaft, zur Bibelwissenschaft, zur Frage des Bibellesens sehr ruhig und sachgen äss behandelt. Da ist Grimme in Freiburg mit sein;n metrisch-biblischen Entdeckungen; da war es Bickel in Münster und dann in Wien mit seiner Kühnheit in der gleichen Frage. Da haben Sie Kaulen in Bonn und Nickel in Breslau — alles Katholiken. Dürfen wir uns da so sehr in die Brust werfen? Was haben wir, um von den protestantischen Bibelforsch« rn ganz zu schweigen, diesen Vertretern der römischen Kirche Aehnliches entgegenzusetzen?- Der Zug hält — ich höre mehrfach den Namen Berlin rufen, und wie auf ein Zeichen strömt’s auf unseren Zug los. Ich weiss nicht, wie es kommt, dass ich mich plötzlich nach der Singakademie entrückt fühle. Die Augen geschlossen — und schon steht Professor Reinke vor mir, dessen Name ebenfalls wie ein Zauberzeichen auf unsere Feichshauptstädtler gewirkt hat! Man wollte auch einmal einen Denker hören, der gegen das Neue utd darum Anerkannte Stellung nimmt. ״Man soll keine Sittenlehren auf die Erforschung äusserer Vorgänge gründen. Sobald der Naturforscher nach Betrachtung des wissenschaftlich Erforschbaren sich den F־agen der Weltanschaung zuwendet, tut er es als Denker und ist unwillkürlich Zeuge für (ie menschliche Sehnsucht nach dem Höheren. Gott ist unbeweisbar. Den Schluss von der sichtbaren Weltordnung auf einen Weltordner hat Kant selbst als überzeugend gelten lassen. Er trennte aber Wissen und Glauben, so dass das Gebiet des Gefühls das des folgernden Verstandes nicht zu berühren braucht. Doch soll man nach Kant die neben den Naturgesetzen bestehende geistige und si fliehe Freiheit anerkennen und davon nicht ablassen, von deren Anerkennung wird die Zukunft abhängen.“ Dass gerade Reinke mich an den Bremer Pastor Steudel im Oberlichtsaale der Philharmonie erinnert, ist begreiflich. Steudel betonte die Welteinheit, den Ausschluss jeder zwiefachen Weltauffassung. Ursache und Wirkung in unendlicher Reihenfolge lassen uns zu keiner Willensfreiheit kommen. Gut und böse an sich muss als gesondert bestehen bleiben, wenn auch jeder Tat eine Vielheit von Antrieben zu Grunde liegt, Gerade die Gesetzmässigkeit, mit welcher die Entwicklung der Tat vor sfeh geht, macht es möglieh, dass Jemand ohne plötzliche Schwanku tgen sich zu einer Entshliessung bringen lässt. Die Er- Ziehung muss die Bewertung beeinflussen, muss die seelischen Bewegungen, das Angeborene und dessen Herleitung oft aus merkwürdiger Blutmischun^ bei den Eltern beachten, um die Entartung, der die sittliehe Minderwertigkeit folgt, um so eher bekämpfen zu können. Sich selbst erhalten, heisst'leben und bringt den Begriff der Pflicht hervor. Das Gesellschaftsleben schuf die Erkenntnis fremden Lebens und fremder Kräfte, während zuerst der Menscf nur an sich dachte. Das Edle selbst wächst aus dem Daseinskämpfe, der uns den Andern in seinem Recht erkennen lässt, da wir ihn in seiner für tfns verhängnisvollen Macht erkennen. Fördere, Deir Einzelglück, und Du förderst das Glück Aller.־ Da haben Sie einen Redner für, einen andern gegen das Herkommen und damit den einen gegen., den andern für den Monismus gehört. Wir müssen gestehen, dass Steudel seine Sache mit 1

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