Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 31 (1908-1909)
- Issue
- No. 3. (1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 In Migdal Os, in Gallipoli. Das Königspaar auf dem Thron. Lea liest einen Prophetenabschnitt, Kabbalisten tanzen vor Sarah, sie verkündet seine Weltherrschaft nach dem Sohar — aber ihm wird Nehemia Kohen angekündigt! Da verliert er jeden Mut, Sarah kann ihn schwer aufrichten, trotzdem sie Wechselgesänge aus dem Hohenliede anstimmen. Doch fasst er sich soweit, dass er den Vertreter der Thora, Nehemia Kchen, unbeachtet lässt. Er, der Sabbatai gesalbt hat, nimmt ihm auf die Macht. Eine Masse Sabbatianer auf einem Felde vor Migdal Os, ihre messianischen Gebräuche übend, Propheten und Gesandte äussern sich, von verschiedenen Ländern herangekommen. Sabbatai neben Sarah. Seine Stimmung ist finster und schuldbewusst — Sarah vermag nichts über ihn — der Jubel des Volkes lässt ihn kalt. Schon kündigt Nehemia Kohen seinen Fall an. Beim Sultan. Der Grossvezier, ein abgefallener Jude, fordert ihn auf, seine Kraft zu zeigen, aber Sabbatai kann Gott nur noch in Sünde dienen. Nun vernimmt ihn der Sultan, und wieder wächst sein Trotz! Er nennt sich einen Gott — aber in einem Augenblicke verliert er seine Spannkraft und fibt zu, dass er ein Mensch ist. Und kurzer Hand nimmt er den- Muhamedanismus an. Das gefällt em Sultan. Finis tragoediae. Denn nun folgt nur noch ein Nachspiel, in welchem sich zeigt, dass trotz der Enttäuschung der Glaube an den Messias fortbesteht. Das war Alles? Das war Alles! Das Stück hat manches Wirksame in sich — besonders die Massenauftritte, in denen die Oeffentlichkeit, die Geschichte, der Volksgeist zu sprechen scheint. Die Festeszüge und die Anbetung des Messias — die abenteuerliche Brautfahrt der Sarah werden bei wirksamer Bühneneinrichtung ihre Wirkung nicht verfehlen. Aber es sind nur Massenauftritte, sie zeigen uns nicht erkennbare Einzelgestalten, wie sie aus dem wahren Dichter sich von selbst herausdrängen. Die Beamten der Bühne werden diesen Schattenbildern erst greifbare Wirklichkeit verleihen müssen. Sehr gut ist dem V. das kabbalistische Beiwerk gelungen, so dass man es mit den Händen greifen kann. Das gibt dem Ganzen etwas Geheimnisvolles und Feierliches; es mag der augenblickliehen Bühnenwirkung dienen. Die Frage wäre nur, ob sich der Dichter bemüht hat, die Kabbala ebenso zu einer bewegenden Macht für die Handlung und das menschliche Innenleben zu machen, wie das Schiller im Wallenstein gelungen ist. ~ Da müsste vorher eine zweite Frage gestellt werden: Haben wir hier überhaupt eine Handlung vor uns? Eine Reihe von Begebenheiten, in denen der Einfluss des handelnden Menschen auf das Leben und der des Lebens und seiner Verhältnisse auf den handelnden Menschen dargetan wird? Hat Vf. gezeigt, wie Sabbatai, sein Volk bemitleidend, mit nach und nach durch die Kabbala zum Bewusstsein kommt, er sei der Messias? Wie er nun als Nachtwandler sicher über die grössten Gefahren hinwegtanzt, getragen von dem Beifalle der Unwelt? Hat er wie etwa Schiller in Mortimer in seinem Sabbatai die gefährliche Verwechslung zwischen geschlechtlicher und himmlischer Liebe gezeigt? Hat er in Sabbatai Augenblicke geschildert, in denen er zu erwachen beginnt? Hat er gezeigt, wie er sich nun erst recht in den Traum zu wiegen beginnt? Die staatliche Macht greift einmal ein — er glaubt sich verloren —aber er wird in seinem gemächlichen Gefängnis zum Märtyrer — das führt ihm neue Anhänger zu, bringt ihn aber zum klaren Bewusstsein seines Betruges. Nun muss er die Welt täuschen — der Zweck heiligt beim Schwärmer überall die Mittel -r und ajs zum zweiten Mal die Staatsgewalt eingreift, da hat ihm die SchUärmerei schon so viele Scheingründe für und wider geboten, dass er, um Gott und seinem messianischen Ziele zu dienen, zum Abtrünnigen wird. Aber er dient seinem Ziele nicht (wie ein Nachspiel lehren würde), sondern muss sehen, wie er den Keil in das Judentum hineintreibt. Von allemdem hat V. nur sehr wenig auszudrücken versucht. Das Ganze sieht wie ein Operntext aus, und zwar nicht wie ein guter. Die Personen befinden sich stets auf der Höhe verzückter oder begeisterter Stimmungen. Und dennoch haben wir kein Maeterlink'sches Stimmungsdrama vor uns. Sabbatai tut nichts selbst — es fällt ihm alles von selbst zu — er lässt sich nur anbeten, krönen, ermutigen, entmutigen, einsperren. Und da man sich beständig im Rausche der Festlichkeiten bewegt, so ist nicht einmal der Eindruck all’ der grossen Dinge aut den Helden geschildert. Oft nimmt der Dichter einen Anlauf, tiefer zu sein; wo z. B. die Losung zu sein scheint: Aufrichtigkeit oder Augenblicksgrösse? Aber alles zerfliesst in kostbare Redensarten, sodass Moliere seine Freude daran gehabt hätte. Der Stoff ist so unverwüstlich, dass er auch in dieser oberflächlichen Behandlung vielleicht — ich sage nur vielleicht — seine Wirkung nicht verfehlen wird. Ist Asch der Entdecker dieses Stoffes, dann verdient er schon alle Achtung. Aber hier hat er kaum die Ansätze zu einer Handlung geboten. Was wir da sehen, ist ein Plan zum Ganzen, der schon einigermassen.in Gespräche sich umzusetzen versucht, aber diese Gespräche sind keine Gespräche, sondern kaum noch die ungenügendsten Ansätze dazu; dagegen ist das Ganze von unverhältnismässig viel liedartigen und rednerischen Bestandteilen-durchzogen, die ganz das Gegenteil des dramatischen Gesprächs ausmachen. Vielleicht geht Asch, vielleicht sonst Jemand an eine straffere Gestaltung dieses grossen Stoffes heran, — er könnte ohne Seitensprünge die wichtigsten jüdischen Zeit- und Streitfragen durch einen echten Sabbatai Zewi beleuchten und das gesamte dichterische Schrifttum der Zeit durch eine wahre und echte Dichtung bereichern.