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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 2. (1908) · p. Seite 12

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 2. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 12 (sequence 4)
Language
German
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— 12 — worden, die jedoch das Erscheinen vorliegenden Bandes nicht erleben sollte. Ausser Brann hat D. H. Müller in Wien bei der Herausgabe mitgearbeitet, einer der ältesten Freunde des Verstorbenen. David Kaufmann war Müllers zweites Ich, sein verständnisvoller Mitempfinder — das wird wohl das richtige Wort sein —; da ist gerade Müller derjenige, der neben Brann bei der Auswahl der Arbeiten am besten das Kennzeichnende zu finden wusste. Die Auswahl ist denn auch glücklich getroffen. Neben Lebenserinnerungen an die grossen Erwecker der jüdischen Wissenschaft und andere Zeitgenossen, wichtige Vorreden, Besprechungen wissenschädlicher und schöngeistiger Werke, Gedanken über neue Erfindungen, mahnende Aeusserungen, die zur Treue und Erweckung des Geistes auffordern. Und in jeder dieser Arbeiten steckt der ganze David Kaufmann Er spart den wissenschaftlichen Stoff oder wichtige allgemeine Gedanken nicht für seine grossen Werke auf, sondern streut den Reichtum seines Forschens, Empfindens und seiner Lebenserfahrungen verschwenderisch umher. Der Umriss einer Lebensbeschreibung bei Kaufmann gibt bei Anderen ein Buch; eineseiner flüchtig hingeworfenen Aeusserungen gibt bei Anderen gewiss eine grosse Arbeit. Ein göthe’scher Zug geht durch alle diese Aufsätze. Alles, was der Augenblick zwanglos mit dem Gegenstände im Schriftsteller emporsteigen lässt, wird ausgesprochen — nicht mehr, aber auch nicht weniger; nur dass in einem reichen Geiste, der über weite, von ihm selbständig verarbeitete Wissens- und Kunstgebiete mit Sicherheit hinwegblickt, sehr viel emporsteigt, wovon sich die Schulweisheit Nichts träumen lässt. Damit hängt auch die eigenartige- Sprache David Kaufmanns zusammen. Die Einen haben sie scharf und bestimmt, die Zweiten haben sie schwerwiegend und. schwer verständlich, die Dritten haben sie schöngeistig, leicht und blumenreich genannt. Sie ist nämlich Alles in Allem — nur nicht von jener Trockenheit, die oft gerade in unseren wissenschaftlichen Kreisen mit Gründlickeit verwechselt w!>d. Und trotzdem Kaufmann stets mit seinem ganzen Gefühl bei der Sache ist, ja oft leidenschaftlich erregt scheint, wirkt er auf den Leser doch nur wohltuend und erwärmend, nicht erhitzend. j Wir dürfen es nicht vergessen, und diese Aufsätze bringen es von neuem uns zum Bewusstsein, dass David Kaufmann ein eifriger Rufer im Kampf um die Erweckung der Wissenschaft des Judentums war. Das zeigt die 1878 entstandene Arbeit, welche von den Herausgebern mit Recht an die Spitze gestellt ist. Wie hier, so will er auch in anderen Aufsätzen der jüdischen Wissenschaft ihr Bürgerrecht im Hochschulleben des Staates und in der Oeffentlichkeit und hei deren geistigen Vertretern wahren — er erwartet davon eine Rechtfertigung des Judentums selbst; er erkennt Schleidens Anregungen an, aber ein Flötenton ist in seiner Aeusserung, dass bei Schleiden die Farben zu hell und -zu wenig Schatten zu finden seien. Würde das heute mancher Verteidiger des Judentums in seinem allerdings wohlgemeintem Eifer einem Christen vorzurücken wagen? Kaufmann ist ein solcher Feind der Ueberschwänglichkeit, dass er in Manoello und Dante (S. 151 ff.) den Daniel des Immanuel in seiner Jenseitsmakame nicht auf Dante beziehen will, dass er in der Deutung hebräo - chaldäisch klingender Danteverse zur Vorsicht mahnt, obschon doch das Verhältnis Immanuels zu Dante darauf zu beruhen scheint und man soweit in der Vorsicht nicht gut gehen kann. Rät er uns damit, massvoll in Entlehnungs- und Verwandschaftserörterungen zu sein, so scheint jedes ‘Maass bei ihm aufzuhören, wo; er irgend welchem Unfuge gegenüber das Recht der jüdischen Wissenschaft verfechten will. Wehe dem Unbesonnenen, der, wie Professor Adalbert Merx, in seine Hände fällt und bei Deutuug rabbinischer Urkunden sich allerlei Schnitzer gestattet. Da regt sich die Lessing’sche überlegene Streit- und Erörterungslust, und hageldicht fallen die Schläge auf den Armen nieder, der über Juden und Judentum schreiben will, ohne etwas davon zu wissen. Welch’ reiche Beute für Geist und Witz, wenn ein Ungenannter in Crefeld Genisablätter aus Altkairo als Nachweise für Jesu Jerusalemreise aus Jesu Zeit ansieht und wenn sich die Blätter als ein Jahrtausend jünger mit gänzlich anderem Inhalte herausstellen; oder wenn unter dem Titel ״Paul de Lagärde’s jüdische Gelehrsamkeit“ schülerhafte Verkennungen einfacher Siddursätze und -Angaben, schliimmste Unkenntnis der Erkundung jüdischer Handschriften gegeisselt werden — Alles mit dem Hintergedanken: So wird die jüdische Wissenschaft da draussen behandelt. Dem jüdischen Gelehrten soll sein Recht auf Arbeit und dem jüdischen Geist sein Anteil an den menschlichen Fortschritten nicht verkümmert werden. K. findet überall Spuren der Vergewaltigung, die dem Juden statt des Lohnes zu Teil wurde. Statt vieler Beispiele nur eines: Die Juden werden aus Spanien vertrieben, und zu gleicher Zeit gibt Chimenez durch die Bibelausgabe von Alkala seine Erkenntnis vom Werte der hebräischen Bibel für die Ueberlieferung zu erkennen. Die Complutensis entsteht darauf, eine Ausgabe der Septuaginta, die möglichst mit dem hebräischen Text übereinstimmt. Und diese Rückkehr der griechischen Fassung zur ״hebräischen Wahrheit“ verdankt di? Complutensis hebräischen Bibelhandschriften, die man jüdischen Gemeinden abgekauft hatte! Gerade diesen Zug entnimmt Kaufmann Franz Delitzsch’s Forschungen, als wenn er hätte sagen wollen: Den Juden vertreibt man, seine Bibeln schätzt man. Kaufmann stellt die Kunst in den Synagogen an jüdisch-polnischen Gotteshäusern dar. Der Schlusssatz will dasselbe Recht, das andere Altertümer behaupten, auch den jüdischen sichern. (Fortsetzung folgt).

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