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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1908-01-01 · No. 2. (1908) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
31 (1908-1909)
Issue
No. 2. (1908)
Date
1908-01-01
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 — ־'•׳ Kommen Sie nach der Reichshauptstadt, so finden Sie dort alle Parteien vertreten, Alle mit jugendlichem Eifer bereit, für religiöse Fragen einzutreten. Ich sehe ganz von denen ab, die es immer gegeben hat, die nicht nur jenseits von gut und böse, sondern auch jenseits von allem Parteileben stehen und einen Kampf nur um Erdenwürden kennen und ihr religiöses Gewissen erst dann entdecken, wenn sie durch Uebertritt einen festen Punkt in der Erscheinungen Flucht, nämlich gesellschaftliche Steifung oder gar ein Amt erlangen wollen. Dann sind Die aber vorhanden, ״die nicht paktieren,“ die sich bemühen, erst da einzusetzen, wo die einstige Kühnheit der Früheren geendet hat und in Gottesauffassung, Gestaltung des Judentums und Sittenlehre unbedingt aus den wissenschaftlichen Kämpfen der Jetztzeit heraus ihre Anschauungen formen wollen — ihre und die a 11 e r A n d e r e n. Da steht auf einer Seite als äusserste Wacht zur Linken Kellermann, der in seinem Vortrage ״Liberales Judentum“ keinen von ״aussen stossenden“ Gott, kein Gebet des Notbeschwerten um Befreiung, keine Hoffnung des Einzelnen auf eine Gottheit, nur eine Allgemeinerwartung bezüglich Gedeihens des Guten will, dann noch die Liebesziele der Religion empfiehlt. Die ״Liberale jüdische Vereinigung“, die sich erst zusammenschliessen will, betont eine Entwicklung unter Anlehnung an die Vergangenheit, entsprechende Umgestaltung des Gottesdienstes, einen Religionsunterricht mit Berücksichtigung sicherer Ergebnisse der Wissenschaft — Wissenschaft des Judentums — Beteiligung der Frauen. Jedenfalls jenem Vortrage gegenüber noch sehr massvoll; wenn man nur wüsste, welche Ergebnisse der Wissenschaft gesichert sind? Wissenschaft des Judentums — das ist unser Schlachtruf von jeher — aber ich fürchte, dass dieses Aschenbrödel auch hier in der Asche liegen bleiben wird, wie die Hauptgegenstände des Judentums, Bibel und Talmud, kaum mit dem kleinen Finger berührt werden. In der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ äussert sich Fuchs in Chemnitz über ״Prinzipien des Liberalismus“: Freiheit des Einzelnen allem Gegebenen gegenüber, Betonung der aus dem Inneren kommenden Forderungen, Freiheit von jedem unverstandenen Glaubenssatze, allerdings Zugrundelegung des Gottesbegriffs und des Unsterblichkeitsglaubens, Ablehnung aller Wunder, Anerkennung der Bibei nur als Erziehungsbuch ohne Verbindlichkeit ihrer Einzelsatzungen; doch ist die sittliche Seite der Frage nicht festzustellen. Die Herrschaft des Einzelnen wird durch seine Unfähigkeit gebrochen, so dass Gebete für ihn verfasst werden müssen. Der Gottesdienst, wo er zur E r s c h e i n u n g kommt, zeigt diese Schranke und muss sie wahren. Gebräuche sind als sinnbildliche Handlungen, als Erziehungs- und Erhaltungsmittel der Gesamtheit beizubehalten; was hierunter nicht begriffen ist, falle weg. Wie aber, wenn eine Ludwig Büchner-Zeit wiederkehrt? Wird dann mit solchen Mitteln die Religion dem Ansturm der Wissenschaft Stand halten, die beständig das Widerspiel jedes Gottesglaubens, jeder Jenseits-, ja, vielfach jeder überlieferten Sitten lehre ist? Kennen Sie die gedruckten Schulberichte, die Ihnen vom Gymnasium immer in der Frühjahrsnachtgleiche von Ihren Kindern überreicht wurden, zugleich mit dem Versetzungs- oder Sitzenbleibungs- Zeugnis? Solche Berichte' sind auch mehr und mehr in den Religionsschulen grösserer Gemeinden üblich geworden, und das ist ein Fortschritt. Auch dass diese Berichte von Aufsätzen begleitet werden, die nicht an Gelehrte allein gerichtet sind, betrachte ich als eine Errungenschaft. Da suchen die verschiedenen Parteien Kinder und Eltern für ihre Sache (die ja immer die ״gute“ genannt wird) zu gewinnen. Da erhebt z. B. Df. Vögelstein-Stettin seine Stimme. Er will die Einheit zwischen Elternhaus und Schule herstellen und der Religion ihre Wirkung auch nicht rauben. Die Eltern sollen vor den Kindern den Religionsunterricht nicht herabsetzen, und der Lehrer, der gewisse sinnvolle Bräuche den Kindern ans Herz zu legen hat, soll von Betonung der Speisegesetze und ähnlicher Satzungen aber absehen; Gebdt und Gotteshaus soll er ihnen empfehlen. Wie ist das Alles zu reimen? Was werden die Denker der Linken zu der einen Seite dieser Forderungen, was werden die Strengen zu der anderen Seite sagen? Und nehmen es die Eltern wirklich so übel, wenn ihre Kinder Sabbatlichter anzünden und Tefillin legen? Dr. Rosenthal - Breslau wendet sich in warmherziger Weise an die Mütter, um sie zur Mit- Wirkung bei dem grossen Werke der Erziehung zu veranlassen; und Dr. Rosenberg - Thorn fordert in ״Zurück zur Bibel!“ (es ist das die Losung, die ich bereits 1902 als massgebend ausgegeben) dazu auf, dem heiligen Buche sich zu nähern. So hat man die verschiedensten Töne. Die Einen, die man früher nicht gekannt hat, bilden die äusserste Linke; die Andern, die bisher die Linke gebildet, sind dadurch in die Mitte gerückt; die frühere Mitte ist fast zur Rechten geworden; und die Rechte, die unentwegt an dem Alten festhält, die sich gleich geblieben ist, und gleich bleiben muss, damit die Andern gefahrlos ihre Wendungen machen können, sie kommt mehr und mehr in den Ruf der Unversöhnlichkeit und des Uebereifers, während sie nur das bleibt, was sie gewesen. Aber gerade aus diesem Lager treten gesetzestreue Männer in wissenschaftlichem Geisteskampfe den Anderen entgegen, die uns beweisen, was wir stets behauptet, dass derartige Erörterungen in höchstem Masse geistesweckend und nutzbringend sind. Die breiteren Kreise der Gemeinde stellen sich zu den weitgehenden Umgestaltungsversuchen durchaus nicht freundlich — sie rufen eifervoll nach Gegenmittein, sie wollen sich die Gottheit und die ererbte Glaubensform nicht rauben lassen, ja, wenn sie dem

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