Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 10. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 130 — Wenn der Grund R.: Jochanans eine geschichtliche Tatsache ist, wäre die Frage am Platze, warum ihn Moses nicht in die Reihe der Feste aufgenommen ■habe. Einzig deshalb, weil Moses nur von Gott gebotene Feste kanonisierte. Seit dem Eintritte Mosis in die Geschichte bis zum Ende seiner Wirksamkeit hätte es, wieviel Tage es im Jahre gibt, soviel Festtage gegeben, denn jeder Tag brachte wichtige Begebenheiten. Allein nur die allergrößten Ereignisse, wie Auszug aus Aegypten, Gesetzgebung am Horeb, sowie die an die ganze vierzigjährige Wüstenwanderung erinnernde Laubhütte etc. wurden verewigt. Im Herzen des Volkes aber behauptete der 15. Ab, als ein an die Bedürfnisse des Lebens gemahnender Tag, seine Beliebtheit und gewann sogar?ine religiöse Seite. Als Beweis dafür kann das letzte Kapitel des Ricnterbuches gelten. Die Stämme entschlossen sich, die Stadt Jabesch, weil sie sich am Kampfe gegen Benjamin nicht beteiligt hatte, zu zerstören und nur die Jungfrauen zu verschonen. Diese, 400 an Zahl, brachte man ins Lager nach Siio, woselbst das Heiligtum sich damals befand, und forderte die Benjaminiten auf, sich dieselben'dort zu holen. Allein die 400 Jungfrauen reichten nicht aus. so daß die Volksältesten sprachen: Siehe, ein Fest des Ewigen ist alljährlich zu Silo! Und sie entboten den Benjaminiten also: Lauert in den Weinbergen und sehet, wenn die Töchter Silos herauskommen, um in Reigen zu tanzen, so kommt aus den Weinbergen hervor und ergreifet euch jeder sein Weib. So geschah es. Die Bibelkritik verwirft ״den Weiberraub, verübt am Zentralheiligtum bei Anlaß eines heiligen Festes und angeraten durch die Aeltesten“ als ein Verbrechen der Gemeinde und erklärt den Vorfall aus der Sittenlosigkeit der Richterzeit. Andererseits findet die Kritik in Ansehung der im Buche selbst gegebenen Motivierung, daß ״die Gemeinde hier wie Ein Mann handelte und sich so durchaus von religiösen Erwägungen beherrscht zeigte.“ Auf die aus dem scheinbaren Widerspruche für die Kritikwissen- Schaft sich ergebenden Schlüsse einzugehen, ist hier nicht der Ort. Wir indessen können die Sache am besten dahin erklären, daß das israelitische Volk selbst in der sittenlosen Richterzeit die Ehe als heilig betrachtete und daher keinen Anstand nahm, den Benjaminiten an einem Feste im Tempelbezirke zu gestatten, sich Gattinnen zu nehmen, ln diesem Punkte des allgemein Menschlichen, zumal es sich um Erhaltung eines Stammes handelte, konnte wohl der Partikularismus der einzelnen Volksteile auch in vorköniglicher Zeit zurücktreten, hier fühlte sich das Volk als einen Organismus und, handelte als solcher. Diese Annahme wird nicht nur den Grund an die Hand geben, weshalb man die jabeschitisclien Jungfrauen nicht etwa nach Mizpa, dem Orte des Schwures, vielmehr gerade nach dem heiligen Silo brachte, um sie dort den Benjaminiten zu geben, sondern wird auch den an heiliger Stätte verübten Raub der Silonitinnen rechtfertigen. * Schließlich könnte man die Ueberlieferung des R. Simon ben Gamliel, daß am 15. Ab die Töchter Israels in den Weinbergen Reigentänze aufführten itnd die Jünglinge zur Werbung anregten, mit den Worten des Richterbuches von ebensolchen Reigentänzen in