Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 10. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 — Auch von der Art, wie die sehr leer gewordenen Schatzkammern sich wieder füllten, weiß der Talmud zu berichten und zwar tut er es in einer Weise, die uns auffällig an einen viel äiiereu Vorgang oder eine Sage aus der Zeit des letzten römischen Königs Tarquinius Superbus erinnert. Antoninus schickt nämlich zu Rabbi und läßt ihm sagen: ״Die Schatzkammern sind leer, was können wir tun, um sie zu füllen?" Rabbi nahm den Boten, führte ihn in den Garten und begann große Rettige auszureißen und dafür kleine einzupflanzen. Der Bote verlangte ein Schreiben als Antwort. Rabbi spricht: ״Du brauchst keines.“ Der Bote kam zu seinem Herrn und dieser fragte ihn: ״Wo hast Du das Antwortschreiben?“ Der Bote sagt: ..Br hat mir nichts gegeben.“ Der Kaiser fragt: ״Was hat er zu Dir gesagt?“ ״Er hat nichts zu mir gesagt!“ Der Kaiser fragt: ״Hat er auch nichts getan vor Dir?“ Der Bote erzählt nun: ״Er führte mich in den Garten und begann große Rettige, große A׳le!de und großen Lattich auszureißen und kleine an deren Stelle zu setzen.“ Antoninus verstand sogleich. Er begann alte Befehlshaber abzusetzen und ließ neue an deren Stelle treten. Das tat er solange, bis die Schatzkammern gefüllt waren. Es wird auch erzählt, daß Antoninus unserem Rabbi große Länderstrecken in Pacht gegeben und daß er ihn sehr reichlich, wie die Sage übertreibend sagt, täglich beschenkt habe. Rabbi aber wies die Geschenke zurück, weil er genug besitze und sie nicht brauche. Antoninus habe darauf gesprochen: ״Es seien diese Geldgeschenke für Deine Nachfolger bestimmt, die es meinen Nachfolgern geben werden, um damit die an die Römer zu leistenden Abgaben zu bestreiten.“ Durch diese Bestimmung erhalten diese Geschenke auch eine Art politischen Charakters, interessant ist dabei, daß Antoninus das Geld, das er Rabbi schenkt, in Säcken zu ihm bringen läßt, die obenauf mit Weizen bedeckt sind und daß er zu seinen Dienern spricht: ״Bringet dem Rabbi Weizen!“ Es scheint also, daß er Grund hatte, seine allzu freundschaftlichen Be- Ziehungen vor seiner Hofumgebung zu verdecken. In der Tat berichtet der Talmud auch, daß Antoninus stets insgeheim durch einen unterirdischen Gang zu Rabbi gekommen sei und ganz bestimmt seinen Willen Rabbi dahin kundgab, daß kein Mensch bei ihren Zusammenkünften anwesend sein dürfe. Hingegen war Rabbi von einer römischen Leibwache umgeben und von derselben begleitet, wenn er zur Regierung hinaufzog. Es wird uns aber erzählt, daß er sic nicht gerne bei sich hatte, weil nach Gen. 33,15 auch der Stammvater Jakob gegen eine edomitische Schutzwache Misstrauen hatte. Es wird in diesem Zusammenhang auch der Mut Rabbis gerühmt, daß er sich nie gescheut hat, trotz der römischen Leibwache das י־ירצון des Morgengebets zu sprechen, worin scheinbare Anspielungen auf die römische Umgebung gemacht sind. Man scheint also in Römerkreisen den Juden, deren Unterwerfung so große Kraftanstrengung und Opfer gekostet hatte, nicht wohlwollend gestimmt gewesen zu sein, vor allem nicht in den Kreisen des den Kaiser nach dem Orient begleitenden Kriegsheeres, so daß der Kaiser,