Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 9. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
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108 — Rabbi Jehuda geteilt wurde und die es gewiß als durchaus verstandlieh erscheinen läßt, daß die beiden Männer trotz der ungeheuren Kluft der sozialen Stellung, einmal durch die oben erwähnten Rücksichten der Politik einander näher gerückt, sich in Freundschaft verbanden, zumal wir sehen, daß Rabbi Jehuda trotz aller Vertraulichkeit stets die Würde des Kaisers respektierte. Dabei ist noch zu erwägen, daß das Heidentum an und für sich den Vertretern anderer Kulte viel vorurteilsloser gegenübertrat, als etwa das Christentum, das viel schwerer das Bewußtsein des Gegensatzes zum Judentum, aus dem es hervorgegangen ist, zurücktreten läßt. Gemeinsame Anschauung über die Welt und ihren Inhalt, die Menschheit, ihren Zweck und ihre Bestimmung schlingen das festeste Band der Freundschaft um reife Menschen; denn sie sind einmütig hinsichtlich der höchsten und heiligsten Dinge. Mark Aurel tritt uns in der oben erwähnten Schrift, die er ״Selbstbetrachtung“ nennt, als ein selten edler, vorurteilsloser Philosoph entgegen. In diesen herrlichen Selbstbetrachtungen sagt er einmal: ״Willst Du Deine Freude haben, so richte Deinen Blick auf die trefflichen Eigenschaften Deiner Zeitgenossen und sieh’, wie der eine ein so hohes Maß von Tatkraft, der andere von Schamhaftigkeit besitzt, wie freigebig der dritte ist usw. Denn nichts ist so erquicklich als das Bild von Tugenden, die sich in den Sitten der mit uns Lebenden offenbaren.“ Solche Menschenfreundlichkeit und Unvoreingenommenheit konnte den Kaiser an das Musterbild von Tugend ketten, das im Rabbi Jehuda verkörpert war. Rabbi Jehuda stellt als Lebensdevise den bekannten Grundsatz auf: ״Welches ist der rechte Weg, den der Mensch sich erwählen soll? Derjenige, der zum Ruhme gereicht dem, der ihn ausführt, in seinen eigenen Augen und der ihm zum Ruhm wird in den Augen der Welt. Sei eifrig bedacht auf ein geringfügiges Gebot, wie auf ein wichtiges; Du kennst ja nicht die Zuteilung des Lohnes für die Gebote. Berechne stets den Verlust infolge einer Pflichterfüllung gegenüber ihrem Gewinn und den Gewinn einer Sünde gegenüber ihrem Schaden. Achte stets auf drei Dinge und Du kommst nicht zur Sünde! Wisse, was über Dir ist! Ein allsehendes Auge, ein allhörendes Ohr, und wisse, daß alle Deine Handlungen in ein Buch geschrieben werden!“ Nach den talmudischen Quellen belehrten aie beiden Freunde sich gegenseitig, und Rabbi Jehuda bekennt freimutig von einigen Dingen, daß er betreffs ihrer von Antoninus aufgeklart worden sei. Es war also, wie wir noch im einzelnen sehen werden, ein gegenseitiges Hinnehmen und Gewähren. Wir wollen noch voraufschicken, daß Mark Aurel ganz besonders an seinen Lehrern hing, daß er ihnen außerordentliche Ehrungen zu Teil werden ließ, wie uns das von Capitolinus betreffs des kaiserliehen Lehrers Rusticus berichtet wird. Alle persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten habe Mark Aurel mit ihm beraten, vor den Statthaltern habe er ihn geküßt, wiederholt ernannte er ihn zum Consul, nach seinem Tode verlangte er vom Senat die Auf- Stellung seiner Statue, •er gab seinem goldenen Bildnis in seinem Hausheiligtum einen Platz und schmückte immer sein Grab mit