Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 8. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 11)
- Language
- German
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-ד- 99 Er ist schuldig nicht schuldig sich gegangen ist, die ein Sühnopfer erfordern, heißt, er bringt ein Sühnopfer, er ist heißt, er ist davon frei. Was das Gelübde anbelangt, sc hat die Thora selbst bereits eine Lösung durch den Gatten oder den Vater zur Erhaltung des häuslichen Friedens vorgesehen, worauf die Ueberlieferung das gleiche Recht dem Gerichtshöfe oder einem Gelehrten übertrug. Der Vorwurf, die Verehrung der Eltern zu gefährden, trifft das Judentum sicher nicht. Ebensowenig der ande־e Vorwurf, die Weisen hätten zu streng an dem Begriff des Gelübdes festgehalten. Das Volk war ans Geloben gewöhnt, war leichtfertig darin — es sollte nun zur Wahrung des Wortes erzogen werde n, andererseits sollte die Möglichkeit nicht abgeschnitten werden, ein tiefeinschneidendes Gelöbnis, zumal wenn sich die Verhältnisse inzwischen geändert, aus der Welt zu schaffen. Die Weisen hatten hier die Aufgabe, unter Wahrung des Bestehenden und der Achtung dt vor eine Milderung der Härten anzubahnen, die aus der rücksichtslosen Ausführung mancher Gelöbnisse sich ergeben hätten. Da wurde nicht das Wort, sondern die Absicht ins Auge gefaßt; die Eilfertigkeit, mit der ein leidenschaftlicher Ausruf ausgestoßen wird und zwar in Form eines Gelöbnisses. Man muß es ihnen zugestehen, daß sie in genauester Wahrung aller gesetzlichen Nebenbedingungen, unter Voraussetzung derselben ihre Aufgabe vollkommen erfüllt haben, mit dem Gesetze in Einklang zu bleiben. Auch in Sachen der Schwagerete haben sie, wie der Traktat Jebamoth zeigt, unter gewissenhaftes :er Berücksichtigung der Ueberlieferungen und genauester Beachtung aller im Schriftverse liegenden Nebenbedingungen zur Milderung der in der Schwagerehe liegenden, oft schwer zu ertragenden Verpflichtungen mitgewirkt. In der Mischna begann das große Werk, das in der Gemara gewissenhaft fortgesetzt wurde und in dem Verbot der Schwagerehe zu R. Gerschoms Zeiten seine Krönung fand. Wie konnte diese pharisäische Tätigkeit, die ebenso die Verhältnisse, wie die religiösen Empfindungen beachtete, unter gegebenen Umständen nach außenhin anders als kleinlich erscheinen? Die großen Lehrer gingen unentwegt ihre Bahn zum Besten der bedrückten Gesamtheit weiter. Sie wollten erhalter, beleben und entwickeln. Ohne das Alte nichts Neues, ohne Vergangenheit keine Zukunft, ohne stetes Zukunftsstreben ist die Vergangenheit unnütz. So haben sie im Talmud dem Judentum ein Geschenk gemacht, das jeden Stillstand unmöglich machte und auf dem Grunde des ehrwürdigen Herkommens ein stetes Fortschreiten zur Pflicht machte. K ein Beseitigen irgend eines lebensfähigen Triebes, kein Uebersehen irgend eines wichtigen in die Zukunft führenden Strebens. Der neue Bund und seine Vertreter in ihrer jugendkühnen Verachtung des Alten konnten ein solches Streben unmöglich begreifen. Wer grübelt soviel über Schüsseln und Töpfe, über Gelöbnisformeln und Eide, wo er mit einem Striche /Vlies beseitigen kann? Da begann ein fast absichtsvolles Verkenne n einer Lehre, die man auch halachisch wohl kannte, an deren gesetzlichen Erörterungen man