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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1907-01-01 · No. 8. (1907) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
30 (1906-1907)
Issue
No. 8. (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 96 (sequence 8)
Language
German
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— 96 Mark Aurel weilte mindestens zwei Male längere Zeit im Orient, einmal im Kriege gegen die Parther, das andere Mal, als der Statt halter von Syrien, Avidius Cassius, eine Empörung anzettelte, die im Jahre 175 mit dem Tode des Statthalters beendigt wurde. Septimius Severus hatte seine Gattin in Syrien gefreit und kämpfte gleichfalls selbst gegen die Parther bis zum Jahre 202. Antoninus Caracalla kämpfte vielfach im Orient, besonders suchte er Alexandria sehr schwer heim, wo man in Stachelversen sich über ihn, als den Mörder seines Bruders Geta, lustig machte. Caracalla war übrigens ein geborener Syrer. Die Kämpfe gegen die Parther geben uns von vornherein einen ziemlich genügenden Erklärungsgrund für ein günstigeres Verhalten der römischen Machthaber gegen die Juden. Diese Kämpfe interessierten die Juden sehr. Nicht selten standen dieselben auf Seiten der Parther und Perser, weil sie von diesen die Bestrafung der Vernichter ihrer eigenen politischen Existenz erhofften. Gerade darum lag es im Interesse der römischen Kaiser, die Juden durch eine freundlichere Behandlung für sich zu gewinnen. Allein freundlich und freundschaftlich ist nicht gleichbedeutend. Wenn auch für eine freundliche Behandlung jener Grund ausreichend ist, so genügt er doch nicht für die Erklärung eines freundschaftlichen Verhältnisses. Die talmudischen Quellen berichten nun von philosophischen und theologischen Gesprächen zwischen Rabbi und Antoninus, welche immer wieder von letzterem angeregt werden. Es gab also zwischen den beiden ein geistiges Bindemittel und ein solches erklärt uns ein freundschaftliches Verhältnis zur Genüge. Wenn wir diesen Punkt der geistigen Beziehung in den Vordergrund stellen, so kann aber der Freund Rabbis zunächst nur Markus Aurelius sein. Dieser Kaiser ist nämlich ein begeisterter Philosoph und zwar ist er ein Anhänger der Stoa, deren Vertreter die Stoiker genannt werden. Diese griechische Philosophenschule, die im 3. Jahrhundert vor Chr. entstanden ist, erklärt die Tugend als das höchste Gut und das höchste Glück, als Uebel nur die Schlechtigkeit. Alle anderen Dinge, wie Reichtum und Armut, erklären sie für gleichgültig. Letzter Zweck aller Philosophie ist nach den Stoikern nur die Sittlichkeit. Sittlichkeit ist ohne wahre Erkenntnis nicht denkbar. Weise und tugendhaft ist den Stoikern gleichbedeutend. Die Stoiker sprechen in ihrer Art von der Unsterblichkeit der Seele. Ganz besonders wird dies von Markus Aurelius bezeugt. Sie predigen am liebsten von der Selbstgenügsamkeit des Menschen, vermöge deren er sich von allen Dingen unabhängig macht und sich über dieselben erhebt. Trotz dieser Unabhängigkeit von allen äusseren Dingen fühlt sich der Stoiker aufs engste mit Seinesgleichen verbunden. Die Grundbedingungen dieser Gemeinschaft sind für ihn Gerechtigkeit und Menschenliebe. Diese Gemeinschaft beruht für die Stoiker auf dem Bewusstsein der Gleichheit der Vernumft in allen Menschen, selbst in den verachteten Sklaven des Altertums; darum sind die Stoiker Kosmopoliten, nach denen alle Menschen verwandt sind, einen Ursprung und eine Be- Stimmung haben. _ (Forts, folgt).

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