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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1907-01-01 · No. 8. (1907) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
30 (1906-1907)
Issue
No. 8. (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 94 (sequence 6)
Language
German
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— 94 — zur Darstellung gebrachten Gesichtspunkte auch das meiste Interesse bietet. Zu diesen Gesichtspunkten — ich will es nicht verschweigen — gesellt sich bei der Auswahl dieses Themas ״Kaiser und Rabbi“ noch ein weiterer, recht praktischer Beweggrund. Seit der Zer- Störung des Tempels durch Titus im Jahre 70 ist die politische Geschichte der Juden, die ja bald nach dem Barkochba-Aufstand im Jahre 132—135 zum Ende gelangt, ein recht düsteres Gemälde; die Darstellung der äusseren Schicksale der Juden in der ganzen Zeit seit dem Zusammenbruch der jüdischen Selbständigkeit bis nahezu auf unsere Zeit löst schmerzliche Empfindungen aus. Es kann darum gewiss als ein ebenso begreifliches, als wünschenswertes Vorhaben angesehen werden, auch wieder einmal eine freundlichere Episode der jüdischen Geschichte, ein heiteres Bild zu wählen, um zu zeigen, dass das Wolkendunkel, so dicht es auch sein mochte, doch auch von Zeit zu Zeit das Sternenlicht durchblicken Hess. Kann doch unmöglich die Bedeutung und der Wert dieses Freundschaftsverhältnisses verkannt werden, wenn wir erwägen, dass ein römischer Kaiser, der Unterjocher Judäas, es ist, der etwa 100 Jahre nach der Tempel- Zerstörung, 50 Jahre nach dem Barkochba-Aufstand einen Vertreter des allgemein verachteten, unterjochten Judenvolkes seiner Freund- Schaft Tür würdig hält. Nachdem durch die Zerstörung Jerusalems die nationale Selbstständigkeit der Juden vernichtet war, existierten die bereits nach allen Himmelsrichtungen zerstreuten Juden nur noch als religiöse Gemeinschaft, als welche sie durch die Voraussicht des Rabbi Jochanan ben Sakkai einen die Zerstreuten einigenden Mittelpunkt in dem in Jabne errichteten Lehrhaus und in dem dort eingesetzten Synhedrin erhalten hatten. Der Vorstand des Lehrhauses und Vorsitzende des Synhedrins führte bei den Juden den Titel ״Nasi“־Fürst; bei den Römern wurde er ״Patriarch“ genannt. Die Inhaber dieser Würden waren Nachkommen Hillels, somit aus dem königlichen Geschlechte Davids. Die Juden waren im Jahre 70 nach der Tempel- Zerstörung allerdings zu Boden geworfen, aber ganz tot war ihr nationaler Körper keineswegs. Fast 7 Jahrzente zuckte es noch in den Gliedern dieses Körpers; wiederholt versuchte derselbe, sich wieder emporzurecken und nicht geringe Opfer und Kraftanstrengungen kostete dieses Zucken und Sich-Recken dem römischen Staat. Nur mit grosser Mühe wurden die erneuten Aufstände der Juden auf Cypern, in Alexandrien, Cyrene niedergeschlagen und geradezu verzweifelt war ihre Erhebung in Palästina unter Barkochba, dem sich Rabbi Akiba anschloss, in den Jahren 132—135. Der Bar-Kochba- Krieg ist der letzte Freiheitskrieg der Juden. Der damalige römische Kaiser Hadrian fürchtete die Juden noch immer. Er hatte eine richtige Ahnung, woraus ihre Kraft und Begeisterung die Nahrung sogen. Er verbot darum die Ausübung der jüdischen Religion und verfolgte die jüdischen Gesetzeslehrer, von denen 10, unter ihnen Rabbi Akiba, unter den furchtbarsten Qualen den Märtyrertod erlitten. Der Talmud berichtet uns, dass im Todesjahr Rabbi-Akibas Rabbi Jehuda, der Heilige, der spätere Patriarch, geboren wurde und weiterhin, dass nur unter Lebensgefahr seine Beschneidung vollzogen

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