Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 7. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
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— 80 — Es werden zur Begründung dieses Umstandes Stellen aus der Bibel, aus der Tannaiten- und ^moräerzeit, aus dem Mittelalter, Saus neuester Zeit angeführt. Uns selbst wird damit nichts eues gesagt. In No. 6 dieser Blätter, im Vortrag ״Deutsche und Juden“ (S. 63 unten) sagen wir: ״Zaunpfähle gegen das Eindringen nichtjüdischen Wissens wurden errichtet, aber immer wieder schnell beseitigt. In finsteren Jahrhunderten vermittelten gerade die Juden das wissenschaftliche Gut und wirkten für die Belebung des Geistesstrebens, wo es zu erstarren drohte.“ Wie ist diese widerspruchsvolle Erscheinung zu erklären? Daß das schwache und vielangegriffene Judentum zur Erhaltung seines äußeren Bestandes und seines Geistes hin und wieder die Absicht hatte, ihm gefährlich scheinende Schrifttümer ' und Einzelwerke von sich fern zu halten, ist garnicht merkwürdig. Was ist denn die staatliche Zensur, die erst vor der Neuzeit weichen mußte und auch jetzt noch nicht aus allen Gebieten gewichen ist, anders als ein Index? Wie kam es aber, daß solche Verbote im Judentum stets nur vorübergehenden Einfluß hatten, daß sie nicht im Stande gewesen sind, die freie Forschung zu erdrücken? Vielleicht, weil die geistigen Führer nicht die Macht hatten, ihrem Worte Nachdruck zu verschaffen? Das Gegenteil ist richtig. Selten haben Behörden willigere Untertanen gefunden, als gerade die rabbinisehen, ob sie nun von Tiberias oder Babel aus der ganzen Judenschaft Gesetze gaben oder ob der Einzelrabbine gerade der früheren Zeit seine Entscheidungen traf. Nein! Es liegt darin, daß die Führer der Gesamtheit selbst zumeist Wissensfreunde waren. Die bloße Erforschung der biblisehen Bücher, das einfachste Verständnis derselben machte einen Blick auf die Außenwelt und ihre Wissensgebiete nötig. Mit sprachlichen Vergleichen befaßte sich schon R. Akiba. Dem griechischen Wissen sprach R. Abbahu, ein Schüler R. Johanan’s, wohl im Sinne des alten Simon ben Gamaliel das Wort. Daß man Bücher, wie Kohelet, Hoheslied, Hesekiel und Ester nicht ausschioß, beweist das Streben, den Blick nicht zu sehr zu verengen. Sobald mit dem Karai'smus die Sprachwissenschaft emporkam — mit welchem Eifer griffen die Rabbanniten darauf über. Hatten sie doch Vorbilder in Männern, wie Saadia und Hai, die selbst in Babel als Gaonen thronten und Wissen und Weltweisheit in höchstem Sinne pflegten und zu ihrer Pflege veranlaßten. Und sollen wir zum so und sovielten Male aussprechen, daß die Maimuni, Gabirol, Juda, Halevi mit ihrem großen Gefolge im Judentum standen und dessen maßgebende Führer waren? Als der Minnegesang verstummte, als die Richtungen der Albigenser und Waldenser verschwinden mußten, da wirkte die wissensfeindliche Richtung der spanischen Prädikadores, der französischen Sorbonne auf das Judentum zurück und rief jene Kämpfe um die Wissenschaft hervor. Aber wie hielt sie sich doch! Sie ließ sich nicht hinauswerfen. Will man Männer wie Chasdai Kreskas,