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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1907-01-01 · No. 6. (1907) · p. Seite 68

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
30 (1906-1907)
Issue
No. 6. (1907)
Date
1907-01-01
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
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— 68 — dienste sehen wir darin, daß er den Geist zu befreien und die Forscher- Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken gesucht hat. Die Rechtgläubigkeit, die Strenge der Glaubensauffassung kann an sich ebensowenig ein Hindernis bilden, w!e etwa der sogenannte Freisinn schon eine Vorbedingung zur strengen Bibelforschung wäre. Geistestiefe oder gemütliche Oberflächlichkeit bilden vielmehr die Gegensätze. Norbert Peters veröffentlicht in der Schrift ״Papst Pius X. und das Bibel- Studium“ Aeußerungen und Erlasse des jetzigen Papstes bezüglich der Bibeltorschung, und es scheint ihm.besonders daran zu liegen, einen Gegensatz .zwischen Pius X. und Leo XIII. nicht aufkommen zu lassen. Leo’s wichtigster Schritt in unserer Frage war die Veröffentlichung des Rundsch reibens ״Providentissi m usDeus“ am 18. November 1893 (Herder, Freibürg, 1894), und auch nachher hat er in dieser Angelegenheit öfter seine Stimme erhoben. An seinen Vorgänger knüpfte Pius X. an, als er in dem Apostolischen Briefe Quoniam in re biblica folgende allgemeinen Grundsätze überden biblischen Unterricht an Priesterseminarien aussprach: Der Priester soll die Bibel gegen Leugner verteidigen können; wahrend der ganzen Seminarzeit hat der Unterricht anzudauern und müssen dem Schüler die rechten Mittel gegeben werden, die Einleitung allgemein und wichtigere Bibelbücher genau kennen zu lernen. Bezüglich der Thora und der Psalmen soll unter Benutzung neuzeitlicher Forschungen die Erklärung und selbständige Verwertung gelehrt werden. Im neuen Testament soll man das für die Kirche und das Leben Unentbehrliche und die Benutzung des Textes für die Predigt hervornebpn. Auch Hebräisch, semitische Sprachen und Griechisch werde getrieben. Anstalten, welche theologische Würden erteilen dürfen, sollen die Zahl der Vorlesungen und die damit verbundenen Gegenstände vermehren und geeignete Schüler auf akademische Grade vorbereiten. Grundlage bleibe die Lehre und Ueberlieferung der Kirche, unter welcher Voraussetzung allein die Forschung möglich ist Eine Prüfungin Bibel- Wissenschaft und der gesamten Gottesgelehrtheit soll der Lehrtätigkeit vorausfehen. Das Schreiben scripturae sanctae etrifft unter Berufung auf Leos XIII. Absichten (die Hauptanstalt für Bibelunterricht in Rom wird für später vorbehalten) die Würde eines Prolyten und eines Doktors der heil. Schrift. Das Doktorat kann erst ein Jahr nach dem Prolytat erlangt weiden. Die Prüfungskörperschaft besteht aus 5 Personen: die Bewerber müssen Geistliche sein und den theologischen Doktorhut von einer der Kirche zuständigen Anstalt erhalten haben. Der Prüfling hat einen || selbstgewählten und genehmigten Satz ' zu verteidigen. — Peters veröffentlicht noch das Schreiben Pius an Bischof Le Camus, worin dessen großes Werk über die Apostel anerkannt und als Verherrlichungsmittel der Kirche empfohlen wird. Camus hat mit Gelehrsamkeit und zugleich mit Frömmigkeit gearbeitet, nicht gleich denen, die zu weit nach links, noch gleich denen, die zu weit nach rechts abschweifen. Nur so kann die strenge Wissenschaft Nutzen bringen. — De citationibus hält es für möglich, daß ein biblischer Schriftsteller stillschweigend Ansichten Anderer anführen kann, die er nicht billigt. — Nach De narrationibus können unter Umständen Erzählungen der Bibel Gleichnisse ohne unbedingt geschichtliche Wirklichkeit sein. ־— Und de mosaicä authentia hielt es für möglich, daß Moses die Thora vorbehaltlich seiner Billigung von Mehreren habe abfassen lassen, wie auch, daß er Quellen benutzt haben kann. Spätere Zusätze, Bemerkungen, Irrtümer können vorbehaltlich der jedesmaligen kirchlichen Zustimmung zugegeben werden. Durch die Zusammenstellung dieser Schriftstücke, welche der Vf. in seinen! Anmerkungen unter dem Striche erklärt, will Peters dem Mißverständnisse entgegenarbeiten, als wenn Pius X. auf anderem Standpunkte stände als Leo XIII. Und in der Tat, bei aller Wahrung der kirchlichen Oberhoheit werden die Bibelforschungen durch das Schaffen neuer Kirchenwürden begünstigt, ihr Umfang erweitert: in Einzelfragen wirdderGegensatz zwischen Forschung und Gläubigkeit möglichst gemildert, ein viel weiterer Spielraum, als bisher, dem Scharfsinn des Denkers vergönnt. Daß durch die neuen Titel die Kirche sich die Möglichkeit bewahrt, diese Arbeiten, die sie begünstigt, im Auge zu behalten, dem Einen den Lohn zu gewähren, dem Anderen ihn vorzuenthalten, das liegt in dem Selbsterhaltungstriebe der Kirchengemeinschaft, die nicht will, daß ihre Grundsätze durch die Neuen verflüchtigt werden.

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