Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 6. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492408-6582210-8771045--3568-4858656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 64 — mittelten gerade die Juden das wissenschaftliche Gut und wirkten für die Belebung des Geistesstrebens, wo es zu erstarren drohte. Welche Kläglichkeit, darin einen Mangel an selbstständiger Schöpferkraft zu sehen! Ueberreich ist die deutsche Literatur an fremdländischen Einflüssen; die Deutschen sind unter den Uebersetzern am stärksten und besten vertreten. Die erste bekannte Uebersetzung, die ״Septuaginta“, stammt von Juden; diese sind auch in späterer Zeit bei der Vermittelung fremden Geistesgutes besonders eifrig gewesen. Und vergessen wir den religiösen Grundzug im Deutschen und im Juden? Daß Beide ohne Beziehung zu etwas Höherem nicht leben können, hat die gesamte bisherige Entwickelung der Dinge gezeigt. In Sachen des Glaubens ließ der Deutsche me mit sich scherzen. Schwer war er seinen alten Göttern abwendig zu machen — nannte er aber eine Religion die seine, So versenkte er sich darin mit der ganzen Gewalt seines Geistes, und Alles um ihn herum erhielt die Farbe des Glaubens. In Italien und Frankreich rief, am Ende des Mittelalters die Wiedergeburt der Künste und Wissenschaften eine Denkart hervor, die dem gläubigen Streben geradezu entgegengesetzt war. Diese Länder hatten ihre Reformationseiterer gehabt, bevor sich in Deutschland Aehniiches regte. Diese Bewegungen hatten sich aber unterdrücken lassen, weil die Religion nicht den Grundzug im Wesen jener Völker ausmachte. Eine durchgreifende Kraft hatte das Reformationsstreben nur in Deutschland, wo aller Staatsklugheit spottend selbst die Protestanten sich in feindliche Parteien teilten und lange Zeit Glaubensformel gegen Glaubensformel, Symbol gegen Symbol kämpfte. Und heu'fe sind trotz der Lehre von Kraft und Stoff‘) die religiösen Fragen wiederum in Deutschland aufgetaucht; ein zürnender Kampf tobt für und gegen das Bestehende - also ist alles Andere eher vorhanden, als Gleichgültigkeit gegen Glaubensfragen! Ein gleiches Verhältnis zur Religion ist bei dem Juden zu finden. Er, dem man vorwirft, der augenblickliche Nutzen gelte ihm als das Höchste, spricht das Wort des Abfalls nicht aus. Die Rechnung wäre doch für einen Nützlichkeitsmenschen so einfach! Auf der einen Seite Tod, Verbannung, Plünderung, Spott, Erniederung, und das Alles nur für die Bewahrung eines geistigen Gutes; auf der anderen Seite bei Geneigtheit zum Abfall ruhiges Wohnen im Lande, ungestörter Besitz des Erworbenen, ja, hohe Aemter in Hülle und Fülle! Und trotzdem traten im Verhältnis nur Wenige über; die überwiegende Masse zog alle Leiden dem Abfalle vor. Die Hunderttausende von Märtyrern konnten nicht einmal auf eine einstige Heiligenverehrung rechnen; sind doch die Namen der Meisten unbekannt geblieben. Zu derartigen Gedenkfeiern hat das Judentum, wie sie wohl wußten, weddF Raum noch Neigung! Und heute, in der Welt des Nutzens und der Selbstsucht — weshalb rechnet der Jude jetzt nicht besser? Was bietet ihm sein Judentum Anderes als Verkennung und Zurücksetzung?' Und trotzdem dieser Abscheu gegen die Fahnenflucht, gleichviel, welcher Richtung der Jude auch angehört! Gilt dies als Trotz und Verblendung, so müssen wir darauf verweisen, daß den Römern die *) im Jahre 1895 noch sehr herrschend.