Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 6. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — in lauter winzig kleine selbstständige Fetzen auf — und unterdrückt ist dieses Streben im Deutschen auch jetzt nicht. Die anderen Staaten gelangten am Ende des Mittelalters durch oft gewaltsame Mittel zur Einheit; in Deutschland war selbst Karl V. nicht mächtig genug, um seinen Traum vom Reiche Karls des Großen in Erfüllung gehen zu lassen. Der Deutsche opfert nicht einmal der staatlichen Größe seinen Zug zur Selbstständigkeit. Ist er deshalb ein schlechter Staatsbürger? Auch hierbei ist ihm der Jude gleich, dem die Freiheit des lchs seit der egyptischen Vorzeit anhaftet. Auch bei ihm war der Einzelne stets geneigt, seine Besonderheit zu wahren. Nicht leicht gelang es einer großen Persönlichkeit, sich im alten jüdischen Staate unbedingte Anerkennung zu schaffen. Bald fand der Denkgeübte die Sonnenflecken heraus, während er die größten Leistungen als selbstverständlich hinnahm. Das beweissn die Zeiten des ersten und des zweiten Tempels, die Schulen Palästinas und Babylons, das hat sich bis auf die grünen Tische unserer neuzeitlichen Gemeindevertretungen übertragen. Immer derselbe deutsche Z jg, Richtungen und Parteien zu sondern, dieselbe Furcht, das Recht zum Selbstdenken durch Hingabe an das Gemeinsame zu verlieren! Diese Eigenart wirkt unter einem starken zusammenhaltenden Staatswesen nur vorteilhaft, denn sie schützt die Menschen davor, zu Schattenbildern zu erblassen. Die Fülle selbstständiger Gedanken läßt das gesamte Volksleben nicht zur Erstarrung kommen. Merkwürdig genug, daß bei Deutschen und Juden dieser Zug zur Selbstständigkeit sich nur dem eigenen Kreise, nicht dem fremden gegenüber geltend macht. Dem Juden ist von seinen Propheten die Sucht, Fremdes nachzuahmen, häufig vorgeworfen worden. Und der Deutsche? Hat er geistig nicht oft genug unter Fremdherrschaft geschmachtet? Zu denen, die zuerst den Deutschen vorwarfen, daß sie ihr eigenes Gold französischem Flitler gegenüber mißachteten, gehörte Mendelssohn, der dies in einer »einer Erstlingsschriften aussprach. Der angeborene Selbstständigkeitssinn ließ Deutsche wie Juden immer wieder die Herrlichkeit des eigenen Geistesstrebens erkennen. Beiden mag man zu Zeiten schmeichelnd beikommen; greift man sie aber an, so besinnen sie sich auf sich selbst und werden sich selbst getreu. Zur Selbstvergötterung sind demnach Beide nicht geschaffen. Mag der Deutsche die Herrlichkeit deatschen Wesens verkünden, mag der Jude reden, von der Hoheit seines Schrifttums, von der Festigkeit seiner Glaubensgenossen; immer wird dies nur der Zoll der Notwendigkeit sein, den er damit abzutragen gedenkt. Der sogenannte Chauvinismus liegt ihnen fern; treffend sagte davon Kaiser Friedrich in Königsberg: ״Wie das We rt so ist die Sache dem Deutschen fremd!“ Deshalb ist auch die deutsche Literatur eine Heimstätte für die Leistungen aller Völker; sie ha! nicht gefürchtet, durch Anerkennung der fremden Trefflichkeit den eigenen Geist zu töten. Und ist es in dem jüdischen Schrifttum anders? Zaunpfähle gegen das Eindringen nichtjüdischen Wissens wurden errichtet, aber immer wieder schnell beseitigt. In finsteren Jahrhunderten ver-