Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 5. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i -52- | sohn erstehen ließ; den Bahnbrecher Kant verstanden Juden so frühe wie irgend Jemand; die Verse Schillers wurden im Ghetto mit besonderer Freude empfunden. Das deutet auf alles eher als auf grundsätzliche Verschiedenheit des Denkens. Will man heutzutage die Bibel uns zurückwerfen und sich ihren semitischen Einfluß auf das germanische Geistesleben verbitten, so vergesse man auch den Einfluß der Bibelübersetzung Luthers! Denke man sich die Tiefe des Goethe'schen Liedes ohne Herder’s vorbereitende Aufschlüsse; denke man sich Herder’s Werk vom Geiste der hebräischen Poesie fort! Tatsächlich haben die Weisheitssprüche der Propheten und ' die Psalmen nirgends tiefer als in Deutschland gewirkt, wo die j Bibelwissenschaft am stärksten blüht. Am vorigen Geburtstage des Kaisers*) sprach es der Rektor der Berliner Universität, Professor Dr. Pfleiderer unter gleichzeitiger kräftigster Betonung des deutschen I Gedankens unverhohlen aus, daß die Bibel aus der Geistesentwickelung I Deutschlands nicht fortzudenken ist. 1 (Schluß folgt.) | Leopold Dukes und sein Lehrer Ch. J. PoUak. Von Rabbiner Dr. A. Marmorstein, Jamnitz (Mähren). Leopold Dukes gehört nicht zu den Mitbegründern der modernen jüdischen Wissenschaft, jedoch war er einer der eifrigsten Arbeiter an dem herrlichen Gebäude, das den Namen ״jüdische Wissenschaft' ] trägt. Er sammelte allenthalben Bausteine, die kostbarsten und j schönsten, den herrlichen Palast zu schmücken und zieren. Introite, j nam et heicDii sunt — könnte man noch heute der Gelehrtenweltl zurufen, geschweige denn in jener Zeit, in welcher die gefeiertesten! Theologen und Sprachforscher, Historiker und Bibliographen vonfl der Existenz derselben keine Notiz nehmen wollten. Die erstenW Arbeiten des jungen Dukes fallen in die Zeit, in welcher Zunz seine gottesdienstlichen Vorträge in Berlin veröffentlicht, Rappaport die Daten in seinen meisterhaften Biographien sammelt, Krochmal mit seinen Problemen alle Lernenden befruchtet, Luzzato handschriftliehe Schätze entdeckt. Berlin, Tarnopol, Zolkiew und Padua sind die neuen Stationen der jüd. Gelehrsamkeit; da wandert ein junger Mann von Land zu Land, von einer Universitätstadt zur andern, von Bibliothek zu Bibliothek, hungernd und notleidend die Schätze in den Bibliotheken zu heben. Dichter und Sänger, Denker und Grammatiker werden von ihm neu entdeckt. Wahrlich, keine Wissenschaft fordert soviel Entbehrung und ideales Streben, wie die jüdische! Dukes opfert seine letzten Groschen, um Zunz die telegraphische Mitteilung zu machen, daß es ihm gelungen ist den Midrasch Abba-Goriön zu finden; wie freut ersieh, daß sein Freund Stern, der Herausgeber der Kochbe-Ischok, bei der Schmidtischen ) Das war im Jahre 1894.