Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 4. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 40 — halb zu suchen, als der Deutsche? Darf man deshalb behaupten, er liebe Deutschland nicht? Komme man in die verschiedensten Länder der Erde, überall wird man Deutsche finden! Wäre das Nomadentum wirklich mit dem Wesen des Juden verknüpft, so müßte der Deutsche darin eine Geistesverwandtschaft erblicken! Ursprünglich war der Jude seßhaft; seine Sehnsucht ging dahin, unter dem Weinstocke, oder dem Feigenbäume zu wieilen und ruhig Ackerbau zu treiben. Nach der Heimat sehnte sich der Psalmendichter, wenn er in der Verbannung nächtlich vom Hermon die Jordanquellen niederrauschen hörte. Noch heute liegt im Wesen des Juden eine solche Anhänglichkeit. Der Spaniole, der Abkömmling der vor Jahrhunderten aus Spanien־ vertriebenen Juden, spricht noch heute in fernen Ländern spanisch und erblickt in der pyrenäischen Halbinsel noch immer den Stolz seiner Erinnerungen, trotzdem die von dort Vertriebenen in der Türkei, in Holland und England längst eine bessere Heimat gefunden haben. Die Nachkommen der vor Jahrhunderten aus Deutschland nach Osten versprengten Juden sprechen noch heute die Sprache Derer, welche ihre Vorfahren verfolgt und vertrieben haben. Die Sehnsucht nach dem Boden der Erinnerungen ist die Sehnsucht nach einer festen Heimat! Dem Juden ist das Wandern durch Verfolgungen aufgezwungen worden; bei ihm war es nur eine Folge harter geschichtlicher Notwendigkeit. Der Uebergang zur Seßhaftigkeit konnte bei ihm nicht mit der glücklichen Unbewußtheit desjenigen vor sich gehen, der nie zum Wandern gezwungen war. Nun blicken die Eingeborenen spöttisch auf das stürmische Entzücken des neuen Bürgers und verdenken es demselben, wenn er zeigen will, daß er den Wert einer Heimat empfindet! Ein anderer Einwand gegen die Gleichheit der Juden mit den übrigen deutschen Staatsbürgern ist der, daß man erste re immer gehaßt habe. Es werden Aussprüche bedeutender Männer aus den verschiedensten Jahrhunderten gesammelt, welche abfällige Urteile über das Judentum und die Juden enthalten. In alten Liedern und Sagen sieht man den Wiederschein der ungünstigen Volks- Stimmung, in harten Gesetzen und Verordnungen den Ausdruck der unfreundlichen Gesinnungen der damaligen Herrscher und Staatsmänner gegen die Juden. Es fehlt aber auch nicht an Zusammen- Stellungen völlig entgegengesetzter Aeußerungen, welche beweisen, daß es zu allen Zeiten Wohldenkende und Billiggesinnte gegeben hat, welche über die Juden ganz anders dachten! Wir sind gehaßt worden; es wurden einst von den Geißelbrüdern und den Folterern der Glaubensgerichte Taten gegen uns verübt, deren sich die Menschheit schämen müßte. Und das wird als ein Beweis für unsere Verwerflichkeit angeführt? (Schluß folgt.)