Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 3. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 33 Trotzdem wird es kaum eine Schrift geben, die mehr verdient, im Lager der neuen Bibelwissenschaftler beachtet zu werden. Wir dürfen auch annehmen, daß diese Arbeit erst grundlegend ist für eine Fülle weiterer Veröffentlichungen, die den Einzelfragen im Einzelbeweise zu Leibe gehen. Wie notwendig es ist, so Manches nicht für selbstverständlich zu halten, kann Vf. aus S. 38, 39 ersehen. Dort führt er Duhm’s Ansicht an, daß die vorexilischen Propheten sich ihres Gegensatzes zum Ceremonialwesen völlig bewußt waren. Daß Duhm dort bei Aufzählung der Propheten den Namen des Jeremia unterdrückt, hielt er für eine bewußte Verschweigung, da Duhm sonst mit sich in Widerspruch geraten wäre. Jeremia tritt doch gegen die Sabbathentweihung in einem besonderen Abschnitte auf. Nun sagt Duhm zwar, wie Vf. anführt, an anderer Stelle, daß Jeremia sich da der Sinnesart des Volkes angeschlossen hat. Das bezieht sich aber nicht auf das Sabbathkapitel und auf die entschiedenen Empfehlungen der Thorasatzungen in Jeremia. Kaatz hätte hier anführen müssen, daß Duhm in seinem ״Jeremia“ alle diese Stellen für spätere Zusätze hält und dem Propheten nur die Gedichte in der Kinah- Strophe zuspricht. So konnte Duhm also unter dem ceremonienfeindlichen Propheten von seinem Standpunkte aus den Jeremia sehr gut anführen, allerdings nur von seinem Standpunkt aus. Vf. wird wahrscheinlich in seinen weiteren Veröffentlichungen auf die Texteszersplitterung im Einzelnen eingehen, wie wir es in unserem ״Joel- Nahum-Habakuk“ (Trübner, Straßburg) versucht haben und an anderen Propheten weiter führen wollen. Das ist die nächste vor uns stehende'Aufgabe. Allerdings eine mühsame Einzelarbeit, wobei man auf Schritt und Tritt entgleisen kann — aber es muß geschehen. Wir empfehlen die vorliegende Schrift als eine in tiefer Erfassung des Gegen- Standes durchgeführte Arbeit und wollen hoffen, daß der Erfolg derselben den Verfasser zu weiteren Schritten auf diesem Gebiete ermutige. Hermann Cohen, Religion und Sittlichkeit. Berlin, Poppelauer 1907. 79 Seiten. 1,20 Mk. Es war im Jahre 1879, wo wir den Verfasser bereits‘auf seinem Wege be gegneten, Gottesgedanken und Messias glauben in ihrer Gestaltung wie ihre ׳ Wertschätzung für das Judentum zu behandeln. Wir begegnen ihm wiederum nach Jahren in vorliegender Schrift, die wahrscheinlich in ihrer knappen Form Manches zusammenfassen will, was Cohen in seinen großen Arbeiten weifschichtig geäußert, worin außerdem wohl noch Manches, was erst in ausgestalteter Form später ans Licht treten soll, sich ן angedeutet findet. Er ist sich in seinem Streben treu geblieben, seine auf dem I Gebiete der allgemeinen Philosophie gesammelten Ergebnisse auch dem Judentum zu Gute kommen zu lassen. Was liegt nicht Alles dazwischen) Wie Manches hätte entmutigend, herabziehend auf ein solches Streben wirken müsseel Aber die Treue, die man der heiligen Sache weiht, überwindet Alles. Ist Religion Sittlichkeit oder ist sie noch etwas Anderes? Gibt es außerhalb der Glaubensanregungen einen hinreichenden Antrieb zur Sittlichkeit? Bei diesen Fragen gilt es unbefangen sein eigenes Erbe betrachten. Weshalb muß heute die Religion ihr Recht erst : begründen? Und welches sind ihre Ur-; rechte? Die Wissenschaftt setzt sich : selbst heute an Stelle der Religion — woraus schöpft sie mit einem Mal diesen Anspruch? Jedenfalls ist es die mit den Vernunftformeln arbeitende Naturwissen- I schaff, die durch zusammenhängende; Deuteversuche der Einzelerscheinungen־ eine Weltanschauung an Stelle der Religion glaubt bieten zu können. Soweit es sich um die Geisteswissenschaften handelt, die sich auf Geschichte beziehen, ist die Lehre der Sittenforderung als Hinweis auf die Tat das Gegenstück zu der Weltanschauung, die uns die Tatsachenwelt durch die ererbten Denkgesetzc erschliessen will. Wenn die Wissenschaft sich an Stelle der Religion setzen will, so kann sie es nicht, weil sie die Welt zu deuten versucht, sondern weil sie eine Lehre der Tat aus der Weltbetrachtung folgert, weil sie eine Sittenlehre bietet.! Das Sittliche betrifft nun die Verhältnisse der Menschen zu einander i und damit des Menschen zu sich selbst. | Die Religion will noch mehr. Das läßt I in vielen Kreisen Glauben und Sittlich-! keit als für einander gleichgültig erscheinen, indem die Sittlichkeit von der ' Bildung hergeleitet wird und durch sie gej stützt erscheint. Damit wird auch aer j Denker über Bord geworfen, da Sittlich-! keit etwas Selbstverständliches scheint. : Dem gegenüber steht aber der Begriff vom flobbes’schen Krieg Aller■ gegen