Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 3. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492408-6582210-8771042--3533-4858624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 32 — hat seine Deutung und Ausführung im j Leben. Demnach ist es dem Strengfrommen nicht möglich, eine Lesart anderer Art anzuerkennen.j. . . Und er sollte einen einzigen Satz aus der Schrift als unecht hinsteüen?“ Maimuni, der Denker, hat (gegen Rabbenu Ascher) dje letzten 8 Satze der Thora nach Rabbi Simon Moses selbst zugeschrieben, trotzdem er halachisch sich nach R. Juda hätte richten müssen. Abraham Geiger wies es Luzatto als Mangel an Folgerichtigkeit nach, daß er Kohelet nicht als salomonisch, ja, nicht als göttlich aasah und in der Thora Lesarten annahm. Da gibt es auch keinen zweiten Jesaia, keine Verschiedenheit oder Einheit des Stils — der Gottesgeist kann und wird alle Stilarten anwenden, lange vorher die Zukunft verkünden. Das ist die jüdische Auffassung. Ich habe allerdings weiterhin gezeigt, wie der Gläubige und der Zweifler, ohne Absicht, einander näher zu kommen, (das ist, wie auch Kaatz sagt, unmöglich), bibelwissenschaftlich arbeiten und einander darin unterstützen können. JedenfaBs ist aber die obige Auffassung, ob bequem oder unbequem, auf dem Boden der Rechtgläubigkeit die allein mögliche. Es gehört in unserer Zeit eine nicht feringe Kühnheit dazu, diese Grundsätee so unverblümt auszusprechen, wie ' es hier Kaatz getan hat. Damit wird : aber der wahren Wissenschaft ein ebenso : großer Dienst erwiesen wie der Religion, j Arte Vermittlungsversuche sind schwäch- : liehe Halbheiten, sind weder Forschung noch Glauben, sondern eine unhaltbare Mischung von beidem. Die Unklarheit darüber bringt Viele, die Sich als sehr freisinnig gebärden, dazu, sich mit diesen Fragen gar nicht abzugeben, da sie die Arbeit als aussichtslos ansehen. Bequem, aber Vogelstraußweisheit. Kaatz behandelt die redenden Propheten von Arnos an. Auf sie beruft sich neuerdings der jüdische Freisinn, trotzdem er seinen Ausgangspunkt von ganz anderer Seite genommen hat. Man macht sich Ausschnitte aus den Propheten und erklärt das Unbequeme für unecht. Aus. dem Schweigen der Propheten über Vieles ergibt sich nicht, daß sie es nicht gekannt und geschätzt ' hätten, sondern nur, daß die Erwähnung; dieser Dinge kein Zeitbedürfnis war. j Sie waren nicht Männer der Schule, die i etwa ihr ganzes Glaubensbekenntnis i stets ausgesprochen hätten, sondern I Männer der Zeit und der Tat. Das I! Verachtete hoben sie empor, der Ueber-! Schätzung anderer Dinge stellten sie sich entgegen. Weshalb sprechen sie so wenig von Unterstützung der Armut? Weil dazu keine Veranlassung vorlag. Sie wirken auf den Wiilen, nicht auf das Wissen. Es soll durch sie nicht nur das Böse ausgerodet, sondern der Bestand des Ganzen geschützt und ermöglicht werden. Sie strafen und demütigen, aber sie trösten und erheben auch. Und vom ersten Propheten bis zum letzten ist es die Thora, deren Befolgung sie empfehlen. Der ״Lügengriffel der Schreiber“ bei Jeremia (8») ist der Federkiel, womit falsche Rechtsentscheidungen niedergeschrieben werden. Die Propheten denken über die Thora so gleich, daß sich Keiner von ihnen deswegen mit seinem Vorgänger : oder seinen Zeitgenossen auseinander-! setzt. Nicht Jeremia nenntMicha (22!,,), sondern seine Verteidiger tun es. י Schriftgelehrte sind es nicht, die sich auf einzelne Thorasätze berufen, weil : diese doch nicht gewirkt hätten. Doch ן liegt Maleachi Lev. 22W und Deut. 15״, ■ ersichtlich zu Grunde; trotzdem führte er ganz andere Ueberzeugungsgründe dort an. Wo ein Sondergebot übertreten wird, wie Jer. 34, beruft sich der Prophet auch geradezu darauf, da das Volk selbst sich zur Erfüllung der Satzung durch einen Bundesschluß verpflichtet hat. 70s widerlegt er ersichtlich eine falsche Auffassung der besonderen Opfer- Satzung. Die Propheten wollen das Ganze des Judentums hervorkehren, kennzeichnen sich als Aerzte, die ein Sondergebrechen mit besonderem Mittel heilen, um sich den Zeitgeist zu unterwerfen. Darum müssen die Hesekiel, Sacharja, Maleachi anders reden, als die Arnos und Jesaia - es sind dieselben. nur hat die Zeit!ndere Bedürfnisse. Wie Hillcl, betonen sie das Allgemeine, wenn auch das Besondere ihnen ebenso am Herzen liegt. Im zweiten Teile behandelt Kaatz die allgemeinen Begriffe des Judentums in der Auffassung der einzelnen Propheten in ebenfalls tiefgehender Art. Um nicht zu sehr ins Einzelne zu gehen, wollen wir unsere Leser auf das Buch selbst verweisen, das ihnen Festigung und reiche Belehrung bieten wird. Schon in den knappen Umrissen, die wir vom ersten Teil geboten, w׳ird der Kenner der Fragen ersehen, wie selbständig und einleuchtend Vf. diese viel umstrittenen Dinge behandelt; er richtet, wie er sagt, seine Schrift an Juden, spricht also nicht zum Fenster hinaus.