Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 30 (1906-1907)
- Issue
- No. 3. (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
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— 34 — Alle, der nie enden soll, damit die Menschheit stark und strebend bleibe. Da wird Sittlichkeit und deren Herleitung als etwas schwächliches und veraltetes verspottet. Wenn das Sittliche aber vor der Macht weichen kann, dann ist es eben nichts Selbstverständliches. Die Bildung reicht als dessen Stütze nicht aus, denn sie selbst hat böse Früchte gezeitigt Gleich den Sophisten hielt man das Sittliche als zufällig, und indem man damit einfach zu folgern schien, verriet man unbewußt! das Erbe des Sokrates und Pluto, die das Sittliche als Denker entdeken und : begründen mußten. Erkenntnis der! Voraussetzungen und Grundlagen und! schrittweise Rechenschaft vor sich selbst,; ein endloses, sich stets erneuerndes : Streben, Grundlagen zu finden, ist auch ׳ auf dem Gebiete des Sittlichen unsere i Aufgabe — ja, nur so kann es eine! Sittfichkeitslehre geben. Ist nun Religion Sittlichkeit? Weil j sie ihre Forderungen aus dem Gottes- , begriffe herleitet? So waren sie ohnedies nicht darin. Wenn sich die Wissen- ׳ schaft nun selbst einen Gott schaffen 1 kann, wird sie nicht auch das Sittliche ohne Religion aus sich herleiten können? 1 Man wird vielleicht die wissenschaftliche Herleitung der Sittenlehre nicht für zulänglich halten, und die Formel von Zusammenhang zwischen Religion und Sittlichkeit liegt im Mißtrauen gegen die denkermäßigc Herleitung dieser Lehren. (Schluß folgt.) Zwei Festpredigsammlungen. 1) Dr. S. Gronemann, Landrabbiner zu Hannover. Predigten fllr alle Feste des Jahres. 2 iß S. Frankfurt, Kaufmann. 2) Dr. Moritz Emil Prossnitz, Rabbiner in Eger. Festpredigten. 84 S. 85 Pfennige. Zwei Predigtsammlungen liegen vor uns, die uns durch die Feste Israels führen. Fehlt bei Prossnitz Versöhnungstag und Hüttenfest, so bringt er dafür zwei Roschhaschana- und drei Pesachpredigten. Den 7 Predigten dieser Sammlung stehen .% Predigten Gronemanns für alle Feste des Jahres in geschlossener Reihe gegenüber. Bei Prossnitz ist der Aufbau der gottesdientlichen Betrachtungen einfach, der Ton schlicht und warm. Hannah, die in ihrem Gebete sich selbst verteidigt, gibt den Ton für die Verteidigung Israels in unserer Zeit den äußeren Anfeindungen gegenüber an, und in zwei Betrachtungen wird uns im Anschluß daran Israels geschichtliche Stellung vorgeführt und die Art, wie wir unsere Rechte zu verfechten haben. Die Anfangspredigt 1 (zum Pesach) und die Schebuothbetrachtung geben das zu Grunde liegende Ereignis als ein selbst Erlebtes an, nicht nur als durch Erinnerung uns zu eigen, und da mahnt der Redner am Schebuoth dazu, durch Unterricht und erziehliches Beispiel in der Jugend diese lebensvollen Eindrücke und die Kenntnis des Judentums, wie der heiligen Sprache zu wahren. Die ,-,Feuer des Gesetzes“ am Schlußfestc sollen die Begeisterung für das wahrhaft Edle den,Schlafmützen undKrämerseelen' gegenüber betonen. Erschließt sich uns in den sieben Predigten dieser Sanunlung ein lebhaft für Gottesziele und Judentum empfindendes Gemüt, aus welchem das Wort ebenso einfach, wie wirksam hervortönt, so zeigten uns die Groncmann'schen Festpredigten einen ganz anderen Geist. Hier spricht nicht nur der Lehrer der Gemeinde, sondern der Gelehrte und Denker zu uns. Er darf den äußeren Schmuck als etwas Entbehrliches be- Machten, da er gewiß ist, viel zu bieten; ihm wäre der Aufputz bei seiner Gedankenfülle etwas Hemmendes. Die Sätze sind öfter gedrängt im Ausdrucke, als könnte der Redner den Strom der Gedanken kaum hemmen. Diesen Be- Pachtungen eignet ein klarer Aufbau, ein Text, der wohlgewählt sich zumeist von selbst in mehrere Teile gliedert und ohne Mühe die Entwicklung des Ganzen vor sich gelten läßt. Und Gronemann ist nicht überängstlich in der Wahl der Gegenstände. Und wäre es der Festeskalendcr und wären es die vier Becher des Passahabends mit der von ihnen umschlossenen Festesordnung. Erwähnt ‘ er Israels Gesang am Meere, so gibt er l. B. die Stellung der biblischen Lieder, zumal der Psalmen im kirciii liehen Leben zu verstehen. Am Roschha- Itana spricht er von dem Ich, das sich mitten in dem wechselnden All ent-! wickeln und veredeln soll, von der . äußeren herrlichen Gestaltung der Welt bei inneren Mängeln. Vf. will mit diesen Reden aui I laus und Gemeinde einwirken und rechnet dabei auf denkende Leser. In der Synagoge soll ja nicht allein die sogenannte erbauliche Redensart herrschen, sondern